Wenn Wissen explodiert

von Jörg Friedrich9.09.2012Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Stillschweigend wird angenommen, dass mit dem Wachstum an Informationen auch das Wissen wächst. Informationen brauchen jedoch Deutung – und auch daraus wird nicht automatisch Wissen. Dies in der Bildung anzuerkennen, käme einer Revolution gleich.

In den aktuellen Diskussionen um Bildungs- und Schulsysteme, um Bologna und andere Reformen, sowie um die Frage, ob das Internet Wissen schneller verfügbar macht oder ob es zu einer „digitalen Demenz“ kommt, wird immer noch stillschweigend ein Paradigma vorausgesetzt, das vor rund 50 Jahren in die Welt kam. Seitdem wird behauptet, dass das Wissen der Menschen mindestens exponentiell wachsen würde, dass es sich alle 10 oder 15 Jahre „verdoppeln“ würde und dass, darüber hinaus, der Zeitraum der Verdoppelung des Wissens sogar immer kürzer werden würde. Von einer „Wissensexplosion“ ist die Rede, synonym werden Begriffe wie „Informationsflut“ oder „Informationslawine“ benutzt. Aber es muss allmählich bezweifelt werden, dass wir Menschen tatsächlich immer mehr wissen und dass die Menge unseres Wissens tatsächlich so rasant wächst. Das hat nichts mit Mängeln im Bildungssystem oder angeblicher Verdummung durch Medien- und Internetkonsum zu tun, sondern mit dem Prozess der Wissensproduktion selbst. Und das hat letztlich Konsequenzen für alle Debatten, die wir über die Systeme der Wissensvermittlung, die Ausbildung und die Lehre, führen.

Jeder weiß, dass das nicht der Fall ist

Es ist schon bezeichnend, dass bei den Metaphern von der Explosion, der Lawine, der Flut, die gern für das angebliche Wissenswachstum herangezogen werden, die Begriffe „Information“ und „Wissen“ offenbar synonym verwendet werden. Stillschweigend wird angenommen, dass mit dem Wachstum an Informationen auch das Wissen wächst. Jeder weiß aus dem Alltag, dass das nicht der Fall ist. Umso mehr ich z.B. über das Angebot eines Restaurants weiß, desto weniger „weiß ich“ was ich wählen soll, je mehr verschiedene Informationen ich über die Handlungen einer historischen Person habe, desto weniger weiß ich, wie ich ihn in die Geschichte einordnen soll. Solche Erfahrungen macht man nicht immer, in den Extremfällen sowohl der Speisekarte als auch der Lebensläufe historischer Personen wird das Wissen durch weitere Informationen nicht erschüttert, aber im weiten Mittelfeld wird das Bild, das ich mir von einer Sache oder einem Menschen mache, durch zusätzliche Informationen immer vielfältiger und unübersichtlicher, es verliert an Eindeutigkeit und Klarheit, sodass ich zwar viele Einzelheiten kenne, aber nichts mehr sicher weiß. Informationen und Wissen ist eben nicht dasselbe, Wissen ist immer Deutung von Informationen. Ich kann zwar sagen, dass eine Person an diesem und jenen Tag geboren ist, dass er dort gewohnt und hier studiert hat, kann Studienfächer und Tätigkeiten aufzählen, aber was weiß ich damit über den Menschen? Ähnlich ist es auch mit den Ergebnissen der Naturwissenschaften: Sie produzieren zunächst kein Wissen, sondern Informationen (und sollten deshalb vielleicht eher Informationsschaft statt Wissenschaft heißen). Der Berg dieser Informationen wächst in der Tat nicht nur seit Jahrzehnten, sondern schon seit Jahrhunderten dramatisch und exponentiell. Aber die Menge der Deutungen dieser Informationen, die als Wissen gelten könnten, wächst schon lange nicht mehr mit. Eines der jüngsten Beispiele liefert die Analyse des menschlichen Genoms: Die Analyse der Datenberge schafft kein neues Wissen, sie vernichtet “alte Gewissheiten, die einmal als Wissen gegolten haben und sich nun als Irrtum herausstellen”:http://www.faz.net/aktuell/wissen/mensch-gene/genomforschung-verstehen-wir-das-11881321.html.

Wissensfetzen, die uns um die Ohren fliegen

Von der Wissenschaft selbst werden solche Prozesse gern als Konkretisierung, als Verfeinerung und Detaillierung des Wissens beschrieben: Man verstehe jetzt genauer, wie sich dieses und jenes in der Natur verhält. Schaut man jedoch genau hin, unterscheiden sich die neueren Deutungen zumeist radikal vom alten Verständnis. Und immer häufiger, wie Beispiele der Genforschung, der Kosmologie, der Elementarteilchenphysik oder der Hirnforschung zeigen, sind Deutungen, die die gesammelten Informationen verständlich machen, gar nicht mehr in Sicht. Man kann insofern tatsächlich von einer Wissensexplosion sprechen: Wie eine riesiger Ballon scheint das Wissen, mehr und mehr aufgeblasen von immer neuen Daten und Informationen, sich auszudehnen, bis die immer dünner werdende Haut platzt und uns die Wissensfetzen um die Ohren fliegen. Das ist kein Grund zum Pessimismus, denn das, was hier als Wissen beschrieben wurde, ist nur ein Teil dessen, was menschliches Wissen wirklich ausmacht. Der Fehler ist vielleicht, die Deutungen von Informationen, die man für wahr halten kann, mit Wissen schlechthin gleichzusetzen. Aber neben diesem theoretischen Wissen, das man meint, wenn man sagt, dass man die gesammelten Daten versteht, gibt es auch noch das praktische Wissen, über welches man verfügt, wenn man sich „auf etwas versteht“. Manchmal stützt sich das praktische Wissen auf das theoretische, aber oft, gerade in theoretisch unsicheren Zeiten, tut der Praktiker gut daran, die Theorien gelassen aus der Ferne zu betrachten. Man kann zwar auch nicht behaupten, dass das praktische Wissen zunimmt, denn wir verlernen auf diesem Gebiet wahrscheinlich ebenso viel, wie wir dazugewinnen. Aber es kommt – so ist die bisherige Erfahrung, immer genug neues praktisches Wissen hinzu, um mit den Veränderungen der Wirklichkeit zurechtzukommen.

Revolution des Bildungssystems

Zwei Dinge lassen sich aus diesen Überlegungen für die Ausbildung junger Menschen ableiten: Zum einen ist es besser, die Geschichte des theoretischen Wissens zu lernen, als nur einzelne Deutungen, die gerade im Moment als Wissen gelten – und es ist gut, sich in dieser Frage vom Bild des Fortschritts zu verabschieden. Das hilft den Menschen, sich bei zukünftigen Wissensexplosionen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Die in der Schule vermittelte jahrhundertealte Erfahrung, dass fast alles auch anders gedeutet werden kann, als es in der Gegenwart gerade verstanden wird, hilft, mit Revolutionen aller Art gelassen umzugehen. Zum anderen sollte dem praktischen Wissen und der Aneignung von Techniken, mit denen man sich auf „eine Sache versteht“ wieder ins Zentrum der Ausbildung in Schule, Berufsschule und Universität rücken. Auf Fähigkeiten und Fertigkeiten kommt es an, weniger auf theoretisches Deuten von Informationen ohne praktischen Bezug. Natürlich würde auch die Umsetzung dieser zwei Ansätze eine Revolution des Bildungssystems bedeuten. Im Ergebnis würden junge Menschen möglicherweise eher in der Lage sein, in unsicheren Zeiten pragmatische Lösungen für Probleme zu finden, die wir uns heute nur schemenhaft ausmalen können. Und dass diese Probleme kommen, ist vielleicht das Einzige, was wir wirklich ziemlich sicher wissen.

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