Im Zweifel für den Klimawandel

von Jörg Friedrich26.08.2012Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

War es vorigen Sonntag in Münster so heiß wie noch nie? Man weiß es nicht, denn Zeitreihen und Mittelwerte sind hoch theoretisch. Zweifel am Klimawandel sind da selbstverständlich.

Es war sehr heiß in Deutschland in den letzten Tagen – aber war es heißer als jemals zuvor? Schon bevor die Hitzewelle vor einer Woche ihren Höhepunkt erreichte, wurde die Frage laut, wie hoch die Temperatur eigentlich steigen müsste, damit ein Hitzerekord erreicht wird. Dazu muss man aber erst einmal wissen, wie heiß es denn zuvor schon einmal war – und das ist gar nicht so einfach.

Heißes Wetter in Münster

Temperaturen werden an bestimmten Orten gemessen, es gibt seit langer Zeit international verbindliche Vorschriften dafür. Ob es einen neuen Hitzerekord gegeben hat, kann man nur feststellen, wenn man über lange Zeit die Temperaturen am gleichen Ort, unter immer den gleichen Bedingungen misst. In Münster (Westf.) am Zoo wurde am vergangenen “Sonntag eine Temperatur von 37,2°C”:https://www.facebook.com/kachelmannwetter/posts/391408430926243 gemessen, mehr als jemals zuvor. Das Problem, im Hitzesommer 2003, als an vielen Stationen in Deutschland Temperaturen erreicht wurden, die weit höher waren als die am vergangenen Sonntag, wurde in Münster am Zoo gar nicht gemessen. Die Station des Deutschen Wetterdienstes war ein paar Jahre zuvor geschlossen worden, weil am Flughafen Münster-Osnabrück eine neue eröffnet worden war, und die jetzige Station der Firma Meteomedia, die nun die Temperaturen am Zoo misst, gab es noch nicht. War es nun in Münster am Sonntag heißer als je zuvor, oder nicht? Man weiß es nicht. Manche Wissenschaftler meinen zwar, “dass die Temperaturreihen des Münsteraner Zoos mit dem des Flughafens kombinierbar seien”:http://www.lwl.org/LWL/Kultur/Westfalen_Regional/Naturraum/Klima/Klimawandel/, aber “das ist umstritten”:https://twitter.com/J_Kachelmann/status/236440945862774785. Die tatsächliche Temperatur an einem Ort hängt ja von vielen lokalen Faktoren ab, und der Einfluss dieser Faktoren schwankt mit der Windrichtung, der Jahres- und Tageszeit, der Bewölkung usw. Man kann – schlicht gesagt – nicht das Thermometer an der einen Stelle abbauen und in einiger Entfernung wieder anbauen und dann glauben, dass an beiden Orten immer die gleich Temperatur herrscht, nur weil es im Moment des Umzugs so war. Das kleine Beispiel der Westfalenmetropole verweist auf ein großes Problem der ganzen Klimaforschung. Zeitreihen von Temperaturen, langjährige Mittelwerte und Trends sind hochgradig theoretische Konstruktionen, sie müssen Änderungen in der Messtechnik, Veränderungen in der Bebauung und Vegetation der Umgebung und anderes berücksichtigen. Die Bildung von regionalen und globalen Mittelwerten macht die Sache nicht einfacher, sondern komplizierter, denn global ändern sich Messbedingungen und die Dichte des Messnetzes unterschiedlich – auch wenn es für die Ermittlung der meteorologischen Größen seit Langem internationale Normen gibt. Aber wenn man bedenkt, wie sich allein die Dichte des Messnetzes vergrößert hat, dass für die Ermittlung der Temperaturen von vor ein paar Jahrhunderten Jahresringe von Bäumen und Bohrungen in Gletschern herangezogen werden, während heute Elektronik und Satellitentechnik verwendet werden, dann wird schnell klar, wie viel Theorie in die Beobachtungen gesteckt werden muss, damit eine schöne, klare Zeitreihe entsteht.

Zweifel trennt Wissen vom Glauben

Menschen, die den Warnungen der Klimaforscher vor einem radikalen Klimawandel skeptisch gegenüberstehen, ziehen unter anderem aus diesen Konstruktionen ihren Zweifel – und das ist gut so. Denn nur der Zweifel trennt das Wissen vom Glauben. Wissen ist das, was man bezweifeln kann, so paradox das klingen mag. Merkwürdig ist nicht, dass es immer noch Zweifler am Klimawandel gibt. Angesichts der Komplexität der Rekonstruktion des vergangenen Klimas, die kaum einem Laien vermittelt werden kann, sollte der Zweifel als selbstverständliche Regung des aufgeklärten – sich aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit befreienden – Menschen akzeptiert werden. Soll er den Wissenschaftlern glauben? Wenn es schon nicht möglich ist, herauszufinden, ob der vergangene Sonntag der heißeste Tag war, den Münster in den letzten zehn Jahren erlebt hat, wie soll man dann wissen, dass die ganze Atmosphäre sich in den vergangenen Jahrzehnten um ein paar Grad erwärmt hat? Sind da Zweifel nicht selbstverständlich? Sollen wir den Forschern einfach glauben, so wie wir vor hundert Jahren noch den Priestern geglaubt haben – weil diese ebenso wie jene über ein geheimes, uns nicht verständliches Wissen verfügen?

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