In Unverständnis geeint

von Jörg Friedrich19.08.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Die Diskussion über ein Mehr an Europa ist müßig, denn den europäischen Staat gibt es längst. Das Problem: Die Europäer verstehen einander nicht. Im wahrsten Sinne des Wortes.

„Mehr Europa!“ hört man allerorten rufen, so, als wäre „Europa“ irgendeine Substanz, von der man nach Bedarf mehr oder weniger verabreichen könnte, eine Medizin, die nach dem Prinzip „Viel hilft viel“ dosiert wird. Aber was genau ist die europäische Substanz, und warum soll sie das Wunderheilmittel für alle Probleme des Kontinents sein? Schaut man genauer hin, dann meinen die, die am lautesten nach „Mehr Europa“ rufen im Allgemeinen eine Stärkung der europäischen Behörden, der interstaatlichen Kontrolle. Mehr Europa – das heißt für sie – mehr Staat, wobei es den Staat, von dem sie mehr wollen, eigentlich noch gar nicht geben sollte. In Wirklichkeit ist er längst implementiert, denn ein Staat entsteht nicht durch die Definition staatlicher Symbole, durch das Einzeichnen seiner Grenzen in Landkarten oder durch die Ernennung eines Staatsoberhauptes.

In Hassliebe aneinander gekettet

Ein Staat entwickelt sich, indem sich der bürokratische Apparat entwickelt – dieser Apparat ist der Staat. In diesem Sinne ist Europa längst zu einem Staat geworden, denn ein Staatsapparat ist längst installiert. Karl Marx beschrieb ihn im „18. Brumaire des Louis Bonaparte“ als „Exekutivgewalt mit ihrer ungeheuern bürokratischen und militärischen Organisation, mit ihrer weitschichtigen und künstlichen Staatsmaschinerie, ein Beamtenheer (…) dieser fürchterliche Parasitenkörper, der sich wie eine Netzhaut um den Leib der (…) Gesellschaft schlingt und ihr alle Poren verstopft.“ Das ist die heutige Substanz Europas, und was ein „Mehr“ von dieser Substanz bedeuteten könnte, kann man sich leicht ausmalen. Doch Europa ist älter als die sogenannten europäischen Institutionen, die vorgeblich eine europäische Integration sichern sollen. Europa – das ist seit Jahrhunderten einerseits der Konflikt der kleinen und großen Herrscher der verschiedenen Gegenden, die Bündnisse schlossen und gegeneinander ins Feld zogen. Und das ist auf der anderen Seite der kulturelle Austausch, die kulturelle Durchdringung und erneute Abgrenzung, die stetige Durchmischung und Entmischung der Traditionen. Das ist Europa: Ein bunter Haufen von Geschwistern, in Hassliebe aneinander gekettet. Man muss nicht glauben, dass man den Zündstoff, der aus dieser Mischung immer neu entstehen kann, dadurch entschärft, dass man die institutionellen Fesseln enger schnürt. Unterschiedliche Wertegeflechte, die sich in langen Traditionen herausgebildet haben, werden durch bürokratische Kontrollmechanismen nicht angeglichen. Jeder weiß, dass es für ein friedliches Miteinander auch besser sein kann, sich eine Weile aus dem Wege zu gehen, nicht zwangsweise zusammenarbeiten zu müssen – sondern sich, wenigstens auf Zeit, einander nur aus einigem Abstand freundlich zuzuwinken.

Mehr europäische Öffentlichkeit

Wenn etwas als europäische Identität oder Substanz ausgemacht werden kann, dann ist es das Wissen, dass man irgendwie zusammengehört und doch sehr verschieden ist. Die europäischen Völker sind wie Geschwister, die zwar gleiche Wurzeln haben und das auch nicht verleugnen können, die sich aber gegenseitig immer wieder mit Unverständnis über so viel Verschiedenheit

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