Alle Arten von kontemplativem Denken gehen verloren, während wir ständiger Ablenkung ausgesetzt sind. Nicholas Carr

In Unverständnis geeint

Die Diskussion über ein Mehr an Europa ist müßig, denn den europäischen Staat gibt es längst. Das Problem: Die Europäer verstehen einander nicht. Im wahrsten Sinne des Wortes.

„Mehr Europa!“ hört man allerorten rufen, so, als wäre „Europa“ irgendeine Substanz, von der man nach Bedarf mehr oder weniger verabreichen könnte, eine Medizin, die nach dem Prinzip „Viel hilft viel“ dosiert wird. Aber was genau ist die europäische Substanz, und warum soll sie das Wunderheilmittel für alle Probleme des Kontinents sein?

Schaut man genauer hin, dann meinen die, die am lautesten nach „Mehr Europa“ rufen im Allgemeinen eine Stärkung der europäischen Behörden, der interstaatlichen Kontrolle. Mehr Europa – das heißt für sie – mehr Staat, wobei es den Staat, von dem sie mehr wollen, eigentlich noch gar nicht geben sollte. In Wirklichkeit ist er längst implementiert, denn ein Staat entsteht nicht durch die Definition staatlicher Symbole, durch das Einzeichnen seiner Grenzen in Landkarten oder durch die Ernennung eines Staatsoberhauptes.

In Hassliebe aneinander gekettet

Ein Staat entwickelt sich, indem sich der bürokratische Apparat entwickelt – dieser Apparat ist der Staat. In diesem Sinne ist Europa längst zu einem Staat geworden, denn ein Staatsapparat ist längst installiert. Karl Marx beschrieb ihn im „18. Brumaire des Louis Bonaparte“ als „Exekutivgewalt mit ihrer ungeheuern bürokratischen und militärischen Organisation, mit ihrer weitschichtigen und künstlichen Staatsmaschinerie, ein Beamtenheer (…) dieser fürchterliche Parasitenkörper, der sich wie eine Netzhaut um den Leib der (…) Gesellschaft schlingt und ihr alle Poren verstopft.“ Das ist die heutige Substanz Europas, und was ein „Mehr“ von dieser Substanz bedeuteten könnte, kann man sich leicht ausmalen.

Doch Europa ist älter als die sogenannten europäischen Institutionen, die vorgeblich eine europäische Integration sichern sollen. Europa – das ist seit Jahrhunderten einerseits der Konflikt der kleinen und großen Herrscher der verschiedenen Gegenden, die Bündnisse schlossen und gegeneinander ins Feld zogen. Und das ist auf der anderen Seite der kulturelle Austausch, die kulturelle Durchdringung und erneute Abgrenzung, die stetige Durchmischung und Entmischung der Traditionen. Das ist Europa: Ein bunter Haufen von Geschwistern, in Hassliebe aneinander gekettet.

Man muss nicht glauben, dass man den Zündstoff, der aus dieser Mischung immer neu entstehen kann, dadurch entschärft, dass man die institutionellen Fesseln enger schnürt. Unterschiedliche Wertegeflechte, die sich in langen Traditionen herausgebildet haben, werden durch bürokratische Kontrollmechanismen nicht angeglichen. Jeder weiß, dass es für ein friedliches Miteinander auch besser sein kann, sich eine Weile aus dem Wege zu gehen, nicht zwangsweise zusammenarbeiten zu müssen – sondern sich, wenigstens auf Zeit, einander nur aus einigem Abstand freundlich zuzuwinken.

Mehr europäische Öffentlichkeit

Wenn etwas als europäische Identität oder Substanz ausgemacht werden kann, dann ist es das Wissen, dass man irgendwie zusammengehört und doch sehr verschieden ist. Die europäischen Völker sind wie Geschwister, die zwar gleiche Wurzeln haben und das auch nicht verleugnen können, die sich aber gegenseitig immer wieder mit Unverständnis über so viel Verschiedenheit betrachten, und die die Narben ihrer vergangenen Auseinandersetzungen dauerhaft mit sich herumtragen. Europa ist in Verschiedenheit geeint, so paradox das klingen mag, und das unterscheidet diesen Kontinent vielleicht wirklich am meisten von all den anderen Weltgegenden. Zu klein, um sich aus dem Weg gehen zu können, und zu verschieden, um einander zu verstehen.

Voraussetzung für eine europäische Verständigung wäre eine gemeinsame Sprache, oder die Möglichkeit, Sprachbarrieren zu überwinden. Mehr Europa, das müsste zuerst mehr europaweite Diskussion, mehr europäische Öffentlichkeit bedeuten. Verstehen beginnt damit, die Worte der Anderen verstehen zu können, ihnen Antwort geben zu können und darauf vertrauen zu können, dass auch der andere versteht. Wir sind davon weit entfernt, und trotz internationalem Zeitungsvertrieb, Satellitenfernsehen und Internet führen wir unseren Diskurs im Wesentlichen in den Grenzen, die die Sprachen uns vorgeben. Würden die Regierenden wirklich mehr Europa und nicht nur mehr Staat wollen, dann müssten sie in unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten, einander zu verstehen, investieren.

Ein ständiges Mischen und Trennen

Die modernen Übersetzungstechnologien werden uns, ganz ohne staatliche Unterstützung, bald diese Möglichkeiten bereitstellen. Mehr Europa – das wird durch mehr Rechnerkapazitäten in den Cloud-Zentren der USA ermöglicht, wenn jede Webseite und jedes Video in Echtzeit in hoher Qualität von einer europäischen Sprache in die andere übertragen wird.

Ob an dem Tag, an dem wir die griechischen Zeitungen und die spanischen Nachrichten verstehen können, weil ein Cloud-Service in Übersee sie in Sekundenbruchteilen übersetzt, noch alle Länder der heutigen Eurozone in der gleichen Währung zahlen werden, ist ungewiss. Aber das ist auch sekundär. Europa ist, wie gesagt, ein ständiges Mischen und Trennen, und jeder Trennung folgt ein erneutes Durchmischen. Wir sind aneinander gefesselt, von einem Kokon eingesponnen, der durch unsere Traditionen gebildet wird und der immer wieder aufreißt. Aber in Zukunft werden wir uns, so lange das Internet funktioniert, ein bisschen besser verstehen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Jörg Friedrich: Keine Angst

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