Realsozialistisches Comeback

von Jörg Friedrich5.08.2012Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Wirtschaft, Wissenschaft

Soll die Energiewende erfolgreich sein, wird sie unsere Gesellschaft und Wirtschaft radikal umgestalten. Das ist kompliziert und komplex – weshalb Experten jetzt die Rückkehr der Planwirtschaft fordern.

Immer noch scheint die Ansicht weit verbreitet, es handele sich “bei der sogenannten Energiewende”:http://theeuropean.de/renate-kuenast/11304-die-energiewende-unter-schwarz-gelb um nichts weiter als um den Umstieg von ökologisch bedenklichen Energieerzeugungsformen zu Technologien, die auf ungefährliche und klimafreundliche Weise unseren geliebten Strom bereitstellen. Wir ersetzen sozusagen in einem gewaltigen ökonomischen Kraftakt eine verwerfliche Technologie durch eine lobenswerte – eine grandiose technologische Revolution, die ganz nebenbei ein zweites Wirtschaftswunder mit sich bringt. Zunehmend zeigt sich aber, dass die Energiewende – “wenn sie erfolgreich sein soll”:http://theeuropean.de/richard-schuetze/11105-entlassung-von-norbert-roettgen – unsere gesamte Gesellschaft, unsere Art, zu wirtschaften, aber auch unser politisches System weit radikaler umgestalten wird.

Grundsätzlicher Paradigmenwechsel

Es beginnt damit, dass wir in der Stromversorgung nicht nur vor dem Ersatz einer Technologie durch eine andere stehen, sondern vor einem grundsätzlichen Paradigmenwechsel: Bisher wurde der Rohstoff der Stromproduktion, sei es Kohle, Uran oder Gas, an den Ort des Kraftwerks gebracht, Kraftwerke wiederum wurden in der Nähe der großen Verbraucher errichtet. Die Menge des erzeugten Stromes konnte, wenigstens in Grenzen, an den Bedarf angepasst werden. Der Rest wurde durch das Netz ausgeglichen. Nach der Energiewende wird die Produktion des Stromes zeitlich und räumlich vom Bedarf abgekoppelt sein. Das erhöht die Komplexität der Stromversorgung gewaltig und macht eine neue Qualität der Steuerungs- und Verteilungslogik notwendig. Man sollte die Störanfälligkeit vergleichbarer komplexer Technologieprojekte der vergangenen Jahre bedenken: Diese führt immer wieder zu Verzögerungen, Kostenexplosionen und spektakulären Fehlschlägen. Sorgen sind also nicht unberechtigt, ob ein so verzweigtes Netz voller komplexer Abhängigkeiten zwischen unterschiedlichen Subsystemen, die selbst jeweils eine enorme technische Komplexität aufweisen und auf wenig erprobte neue Technologien aufsetzen, beherrschbar sein wird – zumal all unsere Kulturtechniken vom Fließen des Stromes abhängig sind.

Ruf nach Rückkehr der Planwirtschaft

Nun kommt jedoch noch ein zweiter Wandel in den Blick, und der gibt nicht weniger Anlass zur Sorge. Gerade wegen der enormen Komplexität und der vielseitigen Vernetztheit unterschiedlicher Komponenten beginnen Experten, nach der Einführung der Planwirtschaft zu rufen. Natürlich nimmt niemand dieses Wort in den Mund, aber wenn man liest, was beispielsweise Jürgen Schmid, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik, “der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erzählt”:http://www.faz.net/aktuell/politik/energiewende/leiter-des-fraunhofer-instituts-gesamtplan-fuer-energiewende-notwendig-11834632.html, dann kommen einem nahezu unweigerlich Begriffe aus der Zeit sozialistischen Wirtschaftens in den Sinn. Zentral soll festgelegt werden, in welchem Umfang welche Produkte erzeugt und welche Dienstleistungen erbracht werden. Ob der Eigenheimbesitzer lieber sein Haus dämmt oder lieber Solarzellen aufs Dach bringt: Das wird er nach den Vorstellungen Schmids nicht mehr selbst entscheiden, die richtige Wahl stellen die Berechnungen der Experten bereit. Diese entscheiden auch, ob Stromproduzenten Solar- oder Windenergie benutzen, ja, sie legen fest, wer wie viele Solar- oder Windkraftanlagen produziert. So ausdrücklich sagt Schmid das natürlich nicht, aber seine Forderungen laufen, denkt man sie konsequent zu Ende, genau darauf hinaus. Marktwirtschaft und Wettbewerb sind für ihn schlicht „Chaos“.

Energiepolitische Konzepte im Wettbewerb

Genauso, wie der demokratische Meinungsbildungsprozess und die Austragung von politischen Konflikten für den Experten offenbar Zeichen einer Chaosphase sind, die es zu überwinden gilt. Denn verschiedene politische Parteien haben verschiedene energiepolitische Konzepte, und die stehen im Wettbewerb zueinander – ein Verfahren der Entscheidungsfindung, das dem Experten offenbar zuwider ist. Stattdessen würde er gern die planvollen, wissenschaftlich fundierten Entscheidungen der Institute setzen. Unweigerlich kommt das Wort „Staatliche Plankommission“ in den Sinn. Dass sich selbst die mit wissenschaftlicher Expertise ausgestatteten Kommissionen selten auf eine einheitliche Linie einigen können, ficht da nicht an. Ganz zu schweigen von der Frage, ob den Bürgern die so gewonnenen Entscheidungen schmackhaft zu machen sind. Es mag sein, dass ein funktionierendes Stromnetz auf der Basis alternativer Energien nur mit einem solchen generalstabsmäßigen Planungsansatz überhaupt denkbar ist – ob es dadurch möglich ist, wäre erst noch nachzuweisen. Im Ergebnis wäre nicht nur die Art, wie sich die moderne Gesellschaft mit ihrem wichtigsten Rohstoff, dem elektrischen Strom, versorgt, revolutioniert: Auch das Wettbewerbs-Paradigma in Wirtschaft und Politik wäre an zentraler Stelle durch ein planwirtschaftliches bzw. undemokratisches System der Herrschaft der Experten ersetzt. Man mag das angesichts von Schwächen und Konflikten in bestehenden Verfahren gut finden oder billigend in Kauf nehmen. Mit dieser Konsequenz muss man sich jedoch bewusst auseinandersetzen – denn dass ein solches System die drängenden Probleme besser löst, als Marktwirtschaft und Demokratie es können, wäre nach allen bisherigen historischen Erfahrungen zumindest überraschend.

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