Richtig falsch

Jörg Friedrich22.07.2012Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Nur weil etwas richtig ist, muss es nicht auch gut sein. Das zeigt eine aktuelle Studie, die Neu- und Ungeborenen das Recht auf Leben abspricht.

Vor wenigen Monaten erschien im „Journal of Medical Ethics“ ein “Artikel(Link)”:http://jme.bmj.com/content/early/2012/03/01/medethics-2011-100411.full, in dem die Philosophen Alberto Giubilini und Francesca Minerva zu begründen versuchten, warum es ethisch gestattet sein sollte, unter bestimmten Umständen neugeborene Kinder zu töten, so wie es ethisch erlaubt ist, ungeborene Kinder abzutreiben. Die Argumentation geht – grob gesagt – folgendermaßen: Sowohl Ungeborene als auch Neugeborene haben noch nicht den „moralischen Status“ einer „Person“ im Sinne von „Subjekt eines moralischen Rechtes zu leben“ (subject of a moral right to life), wobei die Autoren meinen, eine Person definieren zu können als „Individuum, das in der Lage ist, seiner eigenen Existenz einem gewissen Wert beizumessen, sodass es ein Verlust für das Individuum bedeuten würde, dieser Existenz beraubt zu werden“ (individual who is capable of attributing to her own existence some (at least) basic value such that being deprived of this existence represents a loss to her).

Es geht den Autoren nicht um richtig oder falsch

Aus solchen Definitionen, weiteren Prämissen und logischen Schlussverfahren meinen die Verfasser ableiten zu können, dass Neugeborene ebenso wie Ungeborene moralisch kein Recht auf Leben haben, sodass es ethisch erlaubt sei, sowohl die einen als auch die anderen unter bestimmten Umständen zu töten. Hier sollen weder die Prämissen noch die Schlussverfahren und auch nicht die Definition der Person diskutiert werden, sondern das Verständnis von Moral und Ethik, das sich dahinter verbirgt. Offenbar meinen die Autoren, dass sich Ethik und moralische Urteile auf ein paar Grundtatsachen und Annahmen reduzieren lassen, deren Richtigkeit (nicht deren moralische Akzeptierbarkeit oder Bewertung) man diskutieren kann und aus denen sich sodann unter Anwendung logischer Schlussregeln moralische Urteile deduzieren lassen müssten. Weder bei den Prämissen noch bei den Schlussfolgerungen geht es darum, ob sie gut oder schlecht sind, sondern nur um die Frage, ob sie richtig oder falsch, korrekt oder unkorrekt sind. Das aber wird dem moralischen Urteilen nicht gerecht. Um das zu illustrieren, sei ein Gedankenexperiment herangezogen, das die Autoren selbst ins Spiel bringen. Sie betrachten eine Frau, die mit zwei identischen Zwillingen schwanger ist. Diese haben einen genetischen Defekt, der bei einem Fötus geheilt werden kann, wenn der andere getötet und für die Therapie verwendet wird. Die Alternative lautet hier also: entweder kommen zwei kranke Kinder zur Welt, oder ein Kind wird geheilt, wofür das andere sterben muss (Warum das Gedankenexperiment so zugespitzt wird und es nicht ausreicht anzunehmen, dass ein Fötus überlebt, wenn der andere abgetrieben wird, während sonst beide sterben müssten, bleibt ein Geheimnis der Autoren). Aus der Tatsache, dass die Frau eine Entscheidung für das eine und gegen das andere trifft, leiten die Autoren ab, dass die Föten einen unterschiedlichen „moralischen Status“ hätten, der ihnen von der Mutter zugeschrieben würde und nicht in ihrem aktuellen biologischen Status begründet sei. Die Entscheidung der werdenden Mutter hat jedoch mit Moral oder Ethik überhaupt nichts zu tun, und schon gar nichts mit einem angeblichen „moralischen Status“, den die Föten haben oder nicht haben. Es mag eine medizinische Entscheidung sein, man mag sie sogar ökonomisch nennen, es ist eine praktische Entscheidung. Vielleicht könnte man sogar sagen, dass es sich überhaupt nicht um eine Entscheidung handelt, weil für die „Auswahl“ gar keine Kriterien vorliegen. In jedem Fall kann die Wahl nur getroffen werden, wenn Moral dabei ausgeschaltet wird, wenn ethische Erwägungen keine Rolle spielen.

Der moralische Konflikt bleibt

Und die Mutter wird sich mit keiner praktischen, medizinischen oder ökonomischen Erwägung aus dem Gewissensproblem herausargumentieren können. Sie wird ihre Entscheidung als richtig, als korrekt und angemessen ansehen können, aber vermutlich nicht vollständig als gut. Genauer gesagt: Sie wird das moralische Urteil, dass die Entscheidung „gut“ war, daraus ableiten können, dass sie aus medizinischer Sicht „richtig“ war. Der moralische Konflikt kann und wird zumeist bestehen bleiben, auch wenn eine Entscheidung nach „Faktenlage“ richtig getroffen war. Wer sich in einer moralischen Konfliktsituation, im Gewissenskonflikt befindet, dem helfen Sachargumente nicht weiter, sie können ihm vielleicht dabei helfen, zu akzeptieren, dass es richtig war, so und nicht anders zu handeln, aber das Gewissen lässt sich damit nicht beruhigen. Es ist natürlich denkbar, dass die Mutter, wenn sie ihr verbliebenes Kind gesund aufwachsen sieht, irgendwann auch sagen kann, dass es gut so ist, wie alles gekommen ist, aber das begründet sich nicht aus den logischen Argumenten der Entscheidungssituation, sondern aus dem Lebensglück des überlebenden Kindes, das aber nicht logisch aus der Entscheidung zur Tötung des Zwillings gefolgert werden kann.

Moralisch gutes Handeln ist nicht immer möglich

Menschen handeln nicht immer moralisch gut, wenn sie sachlich richtig handeln. Niemand, der handelt und entscheidet, kann das immer mit einem moralisch reinen Gewissen tun, ethische Imperative können uns zwar sagen, was wir unter moralischen Gesichtspunkten tun oder lassen sollen, aber ob wir das auch tun oder lassen können, hängt nicht von der Moral allein ab. Statt uns eine Ethik der Sachzwänge zu konstruieren, die das Sollen auf das Können reduziert, ist es besser, sich einzugestehen, dass moralisch gutes Handeln nicht in jeder Situation möglich ist. Ethik ist nicht aus Sachzwängen und Entscheidungslogik ableitbar. Die Moral eines Menschen, sein Gewissen ist eine letzte Beurteilungsinstanz für das sachlich begründete Handeln. Würde man versuchen, Ethik auf Sachlogik zu reduzieren, dann würde diese Instanz verschwinden oder verdrängt werden, und das würde unser Leben kaum humaner machen. Denn ebenso, wie wir die moralischen Grenzen manchmal übertreten müssen, wenn wir nicht anders handeln können, geben sie uns auch Sicherheit in Situationen, in denen wir Entscheidungsmöglichkeiten haben und uns dann von ethischen Normen leiten lassen. Letzteres ist ja im Alltag weitaus häufiger der Fall: Wir befinden uns nicht immer in der ethischen Ausnahmesituation der Entscheidung zwischen Leben und Tod. In diesen normalen Momenten geben ethische Normen Orientierung, und gerade da sollten sie nicht beliebig durch Sachzwangs-Argumentationen ersetzt werden. Aber auch in den tatsächlichen Ausnahmesituationen braucht der Mensch seine eigenständigen moralischen Leitlinien: Sie zwingen ihn, die medizinischen, ökonomischen, praktischen Argumente und Schlussfolgerungen auf ihre Stichhaltigkeit zu hinterfragen. Zum Menschsein gehört auch, sich im Zweifel manchmal gegen die Sachlogik und für die Moral zu entscheiden, wenn man sich denn das Gewissen bewahrt hat, oder die Last des Gewissens zu tragen, wenn man sich zwar nicht gut, aber richtig entschieden hat.

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