Schwarz auf weiß

Joelle Verreet9.11.2009Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft

Lügen macht das Leben leichter. Wenn man weiß, wie es geht. Auf die authentische Verpackung kommt es an: Eine steile Behauptung braucht eine gute Begründung und wenn man selbst keine hat, hilft eins garantiert: “… das hab’ ich gelesen!”

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Das geschriebene Wort hat in Sachen Glaubwürdigkeit erheblichen Vorsprung vor dem gesprochenen. Gedrucktes schmeckt nach Antwort, nicht nach Frage oder Fragwürdigkeit. Es hat den Status der Überlegung schon hinter sich gelassen. Gerade renommierten Autoren von Sachbüchern unterstellt der Leser schnell eine Expertise, die mindestens einmal die Allwissenheit gestreift hat.

Warum glauben wir, was wir lesen? Die Schriftsprache hat einen großen Vorteil: Sie fasst zusammen, pointiert Ideen, lässt Worte fließen, ohne – wie in einer direkten Gesprächsführung – vom Gegenüber mit Einwänden, irritierenden Blicken oder sonstigen Handlungen lanciert zu werden. Ein Schriftsteller, auch ein Journalist kann (erst einmal) relativ frei agieren, ohne zu reagieren. Er spricht apodiktisch. Daneben steht die direkte Unterhaltung relativ arm da: Was ich meinem Gesprächspartner an unerwarteten Beteuerungen entgegenbringe, sofern ich darin echtes Veränderungspotenzial in dessen Ansicht wähne, muss ich schon als “Ehren”-Wort kenntlich machen. Und trotzdem kommt die verbürgte Verlässlichkeit aus dem Munde einfach mühsamer daher als schwarz auf weiß.

Verträge: Register der Wahrheit

Das Sprechen überliefert, die Schrift manifestiert – diese Rollenverteilung ergibt sich aus der Geschichte: von den “heiligen Schriften” wie der Bibel, Thora oder dem Koran zu den Gesetzestexten des Codex Hammurapi oder der internationalen Menschenrechtscharta. Selbst wenn lange vorher Verhaltensnormen auf einem Konsens im Volk fußten; objektiv gültig war erst das Kodifizierte. Strafrechtlich bezeichnet die Urkunde eine verkörperte Gedankenerklärung. Ein “Körper” zur Beständigkeit. Die Register der Wahrheit, auf die jeder im Konfliktfall mit dem Finger zeigen konnte, prägten Politik, Recht, Kultur, Religion.

Hier beginnt das besondere Verhältnis von Wahrheit und Medium – ein mit der Zeit pervertiertes Verhältnis. Die Macht, Wahrheit zu verdrehen, haben sie beide: die Schrift und das Bild. Erstere durch ihre normative Aussagekraft, das mediale Bild(nis) durch den tiefen Glauben an die eigene Wahrnehmung. Ob es heute Bücher, Presseorgane, Rundfunk- oder Filmbeiträge sind: Die Medien konservieren und vermitteln nicht mehr bloß, was ist und was sein soll. Sondern sie produzieren selbst mit, was ist und was sein soll. Mediale Meinungsmache: Das variable Bild der Wahrheit muss sich nicht einmal im Leben der Konsumenten verifizieren. Es muss sich vor allem kolportieren. Ist also etwas dran an dem durch Berlusconi wieder aufgefrischten Ausspruch “Man muss eine Lüge nur oft genug wiederholen, dann wird sie wahr”? Wahr vielleicht nicht, aber geglaubt.

Es gibt Profiteure der Medienmacht mit ernsten und weniger ernsten Absichten. Bleibt man beim Geschriebenen: Hier stimuliert die Gedankenfreiheit bisweilen eine Art Wortanarchie. Erfundene Worte, gelegentlich bezeichnet mit dem erfundenen Wort “Pliasmen”, vermehren sich in Internet-“Mitmachwörterbüchern”. Tolkiens Elbensprache und Star-Trek-Klingonisch sind verbreiteter als die Kunstsprache Esperanto. Ab wann ist die Erfindung eine Lüge? Wenn es um bewusste Täuschung innerhalb einer “seriösen” Informationsquelle geht, sind fiktive Personen oder Fakten (Bilderketten) womöglich strenger zu bewerten, als die Namenserfindung für denkbare Einzelbilder. Gerade in den Geisteswissenschaften sind Wortschöpfungen populär. Denn Geisteswissenschaften leben von Begriffen, mehr als von Tatsachen. Sie geben einen Kontrapunkt zum Konkreten.

Das Unsichtbare bleibt unsichtbar

Sigmund Freud hatte mit Blick auf die Alluderationsphase dem Erwachsenen Menschen das Fantasieren mit der Sprache als Spielersatz attestiert. Spiel oder Verbrechen am Kulturgeist? Bilder, die täuschen, lügen durch ihre Botschaft. Wer würde nicht gern einmal das Treiben in der Hölle betrachten; das Unsichtbare bleibt aber bei aller künstlichen Nachhilfe unsichtbar.

Entscheidend ist: Wer jemanden im eigenen Interesse überzeugen oder gar täuschen will, muss dessen Gedankenwelt kennen. Menschen wollen überzeugt werden, das macht es eben auch einfach, sie zu täuschen.

Wenn Wahrheit und Sensation sich nicht wechselseitig hervorbringen: Wie kann der Verfasser eines wahrhaftigen Schrift- oder Bildbeitrags sein Werk gegen todbringende Langeweile impfen? Man wechselt vom zähen Thema Wahrheit zur Wirklichkeit, denn Wirklichkeit lässt sich bekanntlich gestalten. So einfach? So einfach. Denn über jede neue Wirklichkeit gibt es eine – wenn auch nie ganz neue – Wahrheit.

Buchverlagen und Sendeanstalten fehlt – gottlob – ein staatliches Regulativ. Nun haben aber auch ethische Grundsätze mehr den Charakter eines freiwilligen Orientierungsangebots. Wenn dann auch noch verlags- oder senderintern, von Lektoren bis zu Redaktionsleitern, keine Signalleuchten kommen, sobald Kreativität nicht mehr zum Mitdenken inspiriert, sondern ohne Rücksicht auf Falschmeldungen manipuliert, bleibt die entscheidende Instanz der Leser und Zuschauer. Denn nachhaltigen Schaden kann nur der ausbleibende Konsument zufügen.

Um ihr Wissen betrogen zu werden, scheint die Konsumenten jedoch nicht wirklich zu beleidigen. Denn offensichtlich werden Massenmedien von der Masse gebraucht. Nicht nur, weil sie das Selbstverständnis der Demokratie widerspiegeln. Sondern weil der Reiz im Konsumieren, nicht im Wissen liegt. Lügende Medien machen es möglich: viel Input, wenig Gehalt. Das ist wie fressen und dabei abnehmen.

P.S. Bemerkt? Der übereifrige Krea(k)tionismus im Wort “Alluderationsphase” geht nicht auf das Lügenkonto von Professor Freud.

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