Jesus als Innovationsmotor

von Joel Kaczmarek2.04.2010Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

Deutschland hinkt als Technikinnovator hinterher, und das, obwohl wir als Land der Dichter und Denker immer noch als kreative Hochburg gelten. Aber: Die Politik verhindert vielerorts den hiesigen Fortschritt. Ein Blick ins Matthäus-Evangelium könnte helfen, unternehmerfreundliche Gesetze zu schaffen.

Wir waren schon etwas betrunken, als mich ein deutscher Investor auf einer Party fragte, wie viele deutsche Internetkonzepte ich kennen würde, die innovativ und originär deutsch seien. Gemeinsam kamen wir auf eines, Liveshopping – selbst mit Schwips etwas dürftig. Ist “Made in Germany” nicht mehr en vogue? Sind wir vom Land der Dichter und Denker ins Dorf der Kopisten umgezogen? Doch zunächst: Was wollen wir unter diesem sprachlichen Chamäleon “Innovation” verstehen? Obwohl ich nie ein großer Kirchgänger war, möchte ich mit einem Gleichnis antworten, das ich einmal auf einer Beerdigung hörte (Matthäus 25, 14–30).

Drei Männer und ihre “Talente”

Jesus erzählt darin von drei Männern, die jeder Geldstücke anvertraut bekommen. Er spricht hierfür von “Talenten” (griech. Talanton), und während der erste Mann fünf Talente erhielt, waren es bei den anderen beiden zwei und eines. Zum Ende der Geschichte kehrt der Herr der Männer zurück – gespannt, was jeder der drei aus seinen Talenten gemacht hat. Mit vielen Talenten war es leicht, diese zu vermehren, sodass die ersten beiden Männer ihre Talente verdoppelten. Der mit nur einem Talent ausgestattete Mann vergrub es, um dem Herren wenigstens seinen “Einsatz” geben zu können – er war der Einzige, der hart bestraft wurde. Übertragen wir die Männer und ihre Talente auf unsere Nation: Was braucht es, um unternehmerisch innovativ zu sein? Neben dem Handwerklichen wie Strategie, Technik und Exekution vor allem eines: Mut. Mut zur Veränderung, zum Risiko und zum Konventionsbruch. Innovation ist in dieser Lesart kein Erfindertum, sondern der Wille zum Neudenken, was ich als wesentliches “Talent” des Unternehmers betrachte – egal ob in der Webwirtschaft oder woanders. Der Mann, der sein Talent vergrub, wurde vom Herrn nicht für seine Vorsicht bestraft, sondern für seine Resignation und Mutlosigkeit, sich zu verändern und seine Möglichkeiten auszuschöpfen. Genau darin sehe ich einen Großteil der Antwort auf die Frage nach deutscher Innovation (egal ob im Internet oder anderswo) und die Aufgabe der Politik: die Schaffung eines innovationsfreundlichen Klimas. Zu einem innovationsfreundlichen Klima zählt für mich nicht unbedingt die wirtschaftliche Förderung – wir ersaufen in Fördermitteln, die keinen Abnehmer finden – und es mangelt auch nicht an Ideen, sondern es fehlt an einer kulturellen Lesart, die Unternehmertum wertschätzt. Nicht nur Jesus, auch andere große Denker wie Theodor Fontane, George Bernard Shaw, Demokrit oder John Wayne betonten den Wert des Mutes.

Bürokratie erstickt die Vernetzung

Innovation bedeutet, herauszufinden, wer wir sind und wer wir sein können. Und hier denkt Deutschland nicht vernetzt genug. Im Gegenteil, virtuelle Vernetzung wie Google sie praktiziert wird mit dem Datenschutzhammer erschlagen und reale Vernetzung durch Bürokratie erstickt. Die Unternehmerfigur wird aus Angst vor Veränderung kaserniert. Wie kann da ein euphorischer Innovationsbegriff wachsen? Es ist an der Politik, unserem Volk wieder Optimismus beizubringen, auf dass es Ideen teilt, nicht versteckt, schöpferisches Scheitern honoriert, nicht verurteilt. Eine Lehre des 21. Jahrhunderts darf lauten, dass Innovation heute weniger technische Errungenschaft, sondern Umdenken ist. Der Nährboden unserer Innovationskultur sollte zur Pflanzung mutiger Denkmuster genutzt werden und nicht, um den Kopf hineinzustecken. Dennoch: Innovation fängt bei jedem Einzelnen an und bei der Frage, wie jeder seine Gaben einsetzt, sonst bleibt am Ende womöglich nur ein lebendig begrabenes Talent.

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