Es ist verlockend, die Vergangenheit als geordnet und die Zukunft als chaotisch zu beschreiben. Clay Shirky

Europa ist noch lange nicht auserzählt

Ich bin im Jahr 1957 geboren. Drei Monate bevor ich zur Welt kam, wurden die Römischen Verträge der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft unterzeichnet. Sie bildeten die Grundlage für die heutige Europäische Union – eine Ordnung, die immer wieder auf die Probe gestellt wurde, die aber bis heute hält. Und die trotz allem eine Zukunft hat!

Die Idee, dass benachbarte Länder, die durch einen gemeinsamen kulutrelln Kontext verdunden sind, miteinander Handel treiben und wirtschaftlich miteinander verflochten sind, nicht aufeinander schießen, ist so einfach wie bestechend. Nach den traumatischen Erlebnissen zweier Weltkriege, die ihren Ausgang in Europa nahmen, war diese Idee der gemeinsame Nenner, auf den sich 1957 sechs Nationen einigen konnten.

Aus sechs sind inzwischen 28 Mitgliedsstaaten geworden. Wer hätte damals gedacht, dass Deutschland vereint, der Eiserne Vorhang gefallen und die Länder Mittel- und Osteuropas integrale Bestandteile der EU sein würden? Das hatte auch Folgen für meine Heimatregion Niederbayern, die an Österreich und Tschechien grenzt. Wir rückten vom Rand in die Mitte Europas.

Größer, vielstimmiger, bunter, lauter

Die europäische Familie ist größer geworden, vielstimmiger, bunter und lauter, bisweilen auch komplizierter. Wichtig ist aber vor allem eines: In der europäischen Familie wird miteinander gesprochen und – wenn auch gelegentlich unter großen Mühen – gemeinsam gehandelt.
Europa heute ist so sehr miteinander verflochten wie noch nie in der Geschichte. Ich erinnere mich noch gut an die Zeiten, als ein Urlaub am Bankschalter begann: Um D-Mark beispielsweise in Schilling und Lira umzutauschen. Und wieder am Bankschalter endete, um das nach dem Urlaub übrig gebliebene Geld zurückzutauschen – mit gehörigen Verlusten, versteht sich. Heute können wir uns quer durch Europa bewegen, ohne Geld zu wechseln oder einen Personalausweis an der Grenze vorzeigen zu müssen. Der freie Devisen- und Warenverkehr und Freizügigkeit sind große europäische Errungenschaften.

Unsere gemeinsame Währung hat unterm Strich mehr Vor- als Nachteile. Der Euro hat sich in den Jahren der Krise gut geschlagen, allein deswegen ist es falsch, von einer Eurokrise zu sprechen. Dennoch gibt es in der Wirtschafts- und Finanzpolitik viel zu tun, um solche Krisen in Zukunft zu vermeiden. Mehr Disziplin, mehr Harmonisierung, bessere Abstimmungs- und Ausgleichsmechanismen sind erforderlich.

Europa ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte

Europa ist heute ein reicher Kontinent – mit einer vitalen, regional vielfältigen, aber zunehmend gesamteuropäischen Kultur, mit einem relativ gut verteilten Wohlstand und mit stabilen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen. Wir müssen also Europa nicht neu erfinden. Aber wir dürfen Frieden und Wohlstand in Europa nicht als gottgegeben ansehen.

Für Europa müssen wir tagtäglich einstehen, auch weil wir uns im globalen Wettbewerb nur gegen die großen Wirtschaftsräume Asien und Amerika behaupten können, wenn wir europäisch denken und europäisch handeln. Und wenn wir uns wieder auf eine Wachstumsagenda besinnen wie die Gründerväter Europas. Dazu gehört es auch, dass Europa eine gestaltende Rolle in der Welt einnimmt und dies nicht polarisierenden Kräften überlässt. Denn globale Wettbewerbsstärke, Kooperation und Integration sind die Grundlage für unseren Erfolg und für den Wohlstand der nachfolgenden Generationen. Das zeichnet Europa aus. Und wir alle haben es selbst in der Hand, diese Grundlage zu stärken oder wenn nötig zu verteidigen!

Europa ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Noch nie haben so viele Menschen mit solch unterschiedlichen Kulturen so lange friedlich miteinander gelebt. Aber, wie alle guten Geschichten, hat Europa nicht nur eine lineare Handlung, sondern mehrere Erzählstränge, die über Umwege zum Ziel führen. Wichtig ist, dass wir das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Die Gründerväter, die 1957 in Rom zusammenkamen, formulierten in ihrem Kapitel eine Vision von einem friedlichen Europa, da sie an die einigende Kraft Europas glaubten. Von dieser Vision sollten auch wir uns -heute leiten lassen. Dann werden wir noch zahlreiche lesenswerte Kapitel schreiben. Europa ist nicht auserzählt.
Aber die europäische Integration mit Frieden, Freiheit und Wohlstand ist auch kein Automatismus für alle Zukunft, sondern bedarf weiterhin wachen Verantwortungsbewusstseins und aktiver Gestaltung!

Dieser Beitrag stammt aus „Mein Europa – 60 biografische Streifzüge“, hrsg. von den Baden-Badener Unternehmer-Gesprächen, CH. GOETZ VERLAG, ISBN 978-3-9813783-3-7.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christian Moos, The European Redaktion, Katarina Barley.

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