Zurück in die Zukunft

von Jodi Dean4.05.2014Gesellschaft & Kultur

Der Kommunismus ist so stark wie lange nicht mehr. Wer das verpasst hat, lebt in einer Blase aus Ignoranz oder Privilegien.

Es gibt keinen besseren Beweis dafür, dass eine Idee lebt und gedeiht, als wenn jemand behauptet, sie sei am Ende. Denn wenn die Idee tatsächlich tot wäre, würde ja niemand mehr über sie sprechen. Wenn wir also über den Kommunismus von heute nachdenken, lautet die Frage nicht, warum er nicht mehr da ist – sondern in welchen Formen er zurückkehrt.

Sein Comeback als philosophisches Konzept hat der Kommunismus vor ziemlich genau fünf Jahren hingelegt. Im März 2009 trafen auf einer Konferenz am Birkbeck College der University of London tausende Menschen zusammen, um über ihn zu diskutieren. Sie lauschten den Vorträgen von Slavoj Žižek, Michael Hardt, Antonio Negri und vielen anderen. Diese Konferenz war der Grundpfeiler einer neuen Kommunismus-Bewegung. Sie zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass Kommunismus wieder ein politischer Begriff geworden ist.

Der Erfolg der Konferenz führte zu Nachfolgeveranstaltungen rund um den Globus. Schriften wurden im Internet verbreitet, und in zahlreichen Fachpublikationen wurde debattiert. Videos der Veranstaltung kursierten im Netz und wurden in den Sozialen Medien heiß diskutiert. Inzwischen ist ein florierendes Ökosystem im Internet entstanden, in dem kommunistische Inhalte zirkulieren. Aus dieser Entwicklung sind neue Unterströmungen, wie die des „hermeneutischen Kommunismus“ (Gianni Vattimo und Santiago Zabala) oder des globalen „Kommunismus der Kommunismen“ (Bruno Bosteels) entstanden. Neben diesen akademischen Arbeiten melden sich weitere kommunistische Intellektuelle in den Medien zu Wort. Ob Santiago Zabala bei „Al Jazeera“ oder Slavoj Žižek im „Guardian“.

Die Reaktion der Rechten war hysterisch

Allein die Menge an neuem Material lässt mich an der These dieser Debatte – dass der Kommunismus keine Alternative böte – zweifeln. Man muss schon in einer eigenen Blase leben, um nicht zu wissen, dass der Kommunismus die spannendste Grundlage für Diskussionen unter linken Intellektuellen ist. Ob diese Blase jetzt aus einer privilegierten Situation oder Ignoranz entstanden ist oder sich nur als popkulturelles Spielchen zeigt, sei mal dahingestellt.

Der Arabische Frühling, die Besetzung der Plätze in Griechenland und Spanien, Occupy. All das hat Kommunismus als politische Option wieder nach vorne gebracht. Auch wenn diese Bewegungen unterschiedlicher Natur waren, so hatten sie doch eines gemeinsam: die Ablehnung des Kapitalismus.

Die Reaktion der Rechten darauf war hysterisch. Das ist aber nichts Neues und liegt in der Tradition des Kalten Krieges. Damals versuchte man, alle Positionen links von Margaret Thatcher und Ronald Reagan als kommunistische Bedrohung abzutun. Es liegt allerdings ein Fünkchen Wahrheit in dem, was die Rechte sagt: Der Kommunismus ist eine positive politische Alternative zum Kapitalismus.

Die Entwicklungen auf der Straße gehen einher mit denen im Hörsaal. Ohne die Widerstände gegen die Finanzwelt würden die theoretischen Diskussionen auf keinerlei Resonanz stoßen. Sie würden in den Bibliotheken als Überreste vergangener Tage verstauben. Und andersherum würde den Protesten der letzten Jahre ohne den theoretischen Kommunismus das sinnstiftende Element abgehen.

Drei Kernpunkte des neuen Kommunismus

Was aber hat der neue Kommunismus zu bieten? Zunächst einmal: keine Garantien. Anders als der Kommunismus des 20. Jahrhunderts lehnen aktuelle Kommunisten die Vorbestimmtheit der Geschichte ab. Also jene Pfadabhängigkeit, die eine logische Entwicklung hin zur Revolution sieht. Die Fähigkeit des Kapitalismus sich anzupassen, verhindert, dass man Vorhersagen treffen kann. Allerdings würde natürlich niemand abstreiten, dass „the winner takes it all“ dazu führt, dass immer mehr von uns sich mit immer weniger zufrieden geben. Akademische Arbeit – ob von Ärzten, Journalisten oder Lehrern – wird zunehmend proletarisiert. Immer mehr Menschen werden aus der Mittelschicht gedrängt.
Die Menschen wenden sich deshalb von den politischen Parteien ab und organisieren sich selbst. Anstatt zu glauben, dass die Parteien alle Antworten haben, erkennen sie die Stärke, die sie im Kollektiv haben. Wir schreiben ab jetzt unsere eigene Geschichte, wenn auch nicht zu Bedingungen, die wir uns ausgesucht haben.

Der Kommunismus hat ein Politikverständnis, das zur globalen Vernetzung passt. Viele Internetplattformen basieren auf der Arbeit vieler. Diese Arbeit umgeht die kapitalistischen Prozesse, in denen alles seinen Wert haben muss. Während also die Internetunternehmer sich den Kopf darüber zerbrechen, wie sie ihre Sozialen Medien monetarisieren und die Medien sich über die ungeklärten Urheberrechtsfragen ärgern, funktioniert Wirtschaften im Internet ganz anders. So ist in den letzten Jahren eine neue Form der Produktion entstanden, die der Kapitalismus einfach nicht für sich einnehmen kann. Die Sozialen Medien machen die kapitalistischen Annahmen von Besitztum und bezahlter Arbeit kaputt und ersetzen sie durch die Idee der kollektiven Arbeit am Gemeingut.

Zuletzt ist der Kommunismus die einzige politische Ideologie, die eine Antwort auf den Klimawandel hat: die Idee des Gemeinguts. Uns allen ist bewusst, dass der Versuch, die CO2-Emissionen durch den Markt regeln zu lassen, nur ein Trick ist. Ein weiteres Mittel, um neue Märkte und mehr finanzielle Instrumente zu schaffen. Und natürlich weitere Möglichkeiten für die Starken, die Schwachen auszubeuten. Nur mit dem Kommunismus werden wir in der Lage sein, unsere Wirtschaft so zu entwickeln, dass wir den Klimawandel aufhalten können.

Die Rückkehr des Kommunismus war kein Resultat eines einzelnen Ereignisses. Es gibt auch keine neue Liste an Punkten, die jetzt abgearbeitet werden muss. Sein wahrer Vorteil liegt darin, uns daran zu hindern, nicht mehr nachzudenken und nichts mehr zu unternehmen. Er hilft uns, die Fragen zu stellen, die wirklich gestellt werden müssen.

_Übersetzung aus dem Englischen_

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