Interview mit Forschungs-Chef von Sanofi-Aventis Jochen Maas | The European

Wissenschaftler Jochen Maas: Die Behandlung schlägt an – Corona wird besiegt

Jochen Maas12.12.2021Medien, Wissenschaft

Professor Jochen Maas ist Chef der Forschung des Pharmakonzerns Sanofi in Deutschland. Sanofi bereitet derzeit einen weiteren Corona-Impfstoff vor, und Maas steckt tief in der Entwicklung. Seine Einschätzung zur Corona-Lage: Sie ist „kompfortabel“. Das liegt am Impfen, am Boostern und an einer guten Nachricht: Die Behandlung bereits erkrankter Patienten macht Riesenfortschritte.

Coronavirus, Shutterstock

Wie geht es Ihnen, Herr Professor Maas?

Gut. Ich bin geimpft, geboostert. Alles in Ordnung.

Können Sie verstehen, dass Menschen, die genauso wie Sie geimpft sind, nun aber schon wieder in einer Corona-Welle feststecken, etwas deprimiert sind?

Das kann ich gut nachvollziehen. Aber wir sind in einer komfortableren Situation als im vergangenen Jahr. Corona, vor allem schwere Verläufe, sind vor allem zu einem Problem derjenigen geworden, die nicht geimpft sind.

Sind Sie für eine Impfpflicht?

Ja.

Also auch für einen Impfzwang?

Ich kann mir vorstellen, dass jemand, der sich ohne triftigen Grund nicht impfen lassen will, Konsequenzen zu spüren bekommt.

Hat Sie Omikron überrascht, die neue Virus-Variante aus Südafrika?

Überhaupt nicht. Viren mutieren. Und je mehr Viren es gibt, desto mehr Mutationen treten auf. Es wird also noch weitere Mutationen geben. Wichtig ist, dass die Impfstoffe helfen. Und das tun sie.

Können die Viren eigentlich auch ins Harmlose mutieren?

Es gibt Pandemien, die so ausgelaufen sind, ja. Und es gibt bei Corona Anzeichen dafür, dass einige Virusmutationen im Rachenraum bleiben und nicht in die Lungen gelangen. Damit steigt zwar die Ansteckungsgefahr, aber die Gefahr eines schweren Verlaufs sinkt. Hier sind wir aber noch nicht wirklich sicher. Die gefährlichste Mutation war unseres Wissens die Beta-Variante, sie ist inzwischen fast komplett durch die Delta-Variante verdrängt worden.

Wie wichtig ist das Boostern?

Sehr wichtig. Es senkt die Gefahr eines schweren Verlaufs massiv. Die Zahl der Antikörper steigt durchs Boostern um das 30 bis 40fache. Am Anfang haben wir das nicht so gesehen, aber seit wir im Sommer, die Daten aus Israel vorliegen haben, war klar: Boostern hilft. In Israel ist der Inzidenzwert inzwischen bei rund 40. Wir haben uns hier in Deutschland zu spät zum Boostern entschlossen, obwohl die Daten eindeutig waren.

Müssen wir künftig regelmäßig eine Corona-Spritze bekommen?

Das kann schon sein. Einmal im Jahr, einmal in zwei Jahren – wir wissen es noch nicht genau. Es wäre dann vergleichbar mit der Grippe-Impfung.

Die Impfdurchbrüche tragen nicht eben zum Vertrauen in den Impfstoff bei . . .

Kein Impfstoff wirkt zu 100 Prozent. Und je mehr Geimpfte wir haben, desto mehr Durchbrüche sehen wir auch. Das ist logisch. Ein Impfdurchbruch bedeutet aber nicht, dass die Menschen dann nicht vor einem schweren Krankheitsverlauf geschützt wären. Eine Re-Infektion ist dann zwar möglich, aber zumeist ohne schwerwiegende Folgen.

Sollen sich dreimal Geimpfte auch noch testen lassen?

Die Tests funktionieren gut, auch nach der dritten Impfung. Und einmal zu viel getestet, ist besser als einmal zu wenig.

Impfen ist das eine, eine Behandlung von Corona-Patienten ist das andere. Warum sind wir da nicht weiter?

Wir sind weiter. Und zwar deutlich. Die Behandlung schlägt an. Es gibt inzwischen einen guten Antikörpercocktail, der gegen einen schweren Verlauf hilft, wenn man ihn ganz am Anfang der Krankheit bekommt. Und es gibt Medikamente, die als Tabletten eingenommen werden können. Den Publikationen ist zu entnehmen, dass Paxlovid, das im Rahmen einer Notfallzulassung in den USA bereits auf dem Markt ist, die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs nachgewiesenermaßen um 89 Prozent senkt. Den vorläufig publizierten Ergebnissen zufolge ist die Pille damit wirksamer als ein anderes Medikament, das in ähnlichen Tests das Risiko halbiert. Beide Medikamente funktionieren auch, wenn man sie einnimmt, nachdem die ersten Symptome der Erkrankung spürbar wurden.

Forscht Sanofi noch an einem Impfstoff?

Ja, wir stecken in Phase drei der Erprobung. Es wird ein Impfstoff sein, der wie andere Wirkstoffe auch auf der bewährten proteinbasierten Herstellungstechnologie beruht. Die „Klassischen Präparate“ bieten für den ein oder anderen gegebenenfalls eine Alternative zu den neuen mRNA-Impfstoffen.

Wie gut sind Genesene geschützt?

Nach unseren bisherigen Erkenntnissen mindestens sechs Monate. Es sieht so aus, als würde eine Impfung, zumal mit einer Boosterimpfung, noch besser und länger schützen.

Wir haben einen neuen Gesundheitsminister: Karl Lauterbach – was halten Sie von ihm?

Ich habe ihn in seinem Fach als Epidemiologe und im Bereich der Pandemiebekämpfung als sehr, sehr kompetent wahrgenommen.

Warum hat ausgerechnet Schweden derzeit verhältnismäßig gute Zahlen?

Ehrlich gesagt: Es hat mich auch überrascht. Ich kann es mir dadurch erklären, dass Schweden recht dünn besiedelt ist und auf dem Land, die Zahlen einfach besser sind als in den Großstädten. In Stockholm sieht es ganz anders aus, und umgekehrt sieht es bei uns ja in Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern immer etwas besser aus. Generell gilt aber: Die besonders rigorosen Länder stehen besser da. Italien und Spanien sind Beispiele dafür.

Ist nach der vierten Corona-Welle vor der fünften Welle?

Ich rechne nicht mit einer fünften Welle im Frühjahr. Auf jeden Fall keinem exponentiellen Anstieg der Zahlen. Wir sehen einen saisonalen Verlauf bei Corona. Ob und wann eine fünfte Welle kommt, hängt stark von den Virusvarianten ab, die wir noch sehen werden.

 

 

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