Von Format keine Spur

von João Feres Júnior2.07.2014Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Grollend zogen die Proteste über das Land. Während der WM hätten sie ihren Höhepunkt erreichen sollen, doch der blieb aus. Schuld daran ist die Bewegung selbst.

„Es wird keine WM geben!“ Mit diesem Slogan zogen die wütenden Massen im Juni 2013 durch Brasiliens Straßen und traten damit eine Welle an Demonstrationen los. Kern der Bewegung war damals das Movimento Passe Livre (MPL), eine aus São Paulo stammende Bewegung, die sich für einen landesweiten kostenlosen Nahverkehr einsetzte.

Will man die politische Dimension der Weltmeisterschaft heute verstehen, muss man auf diese Ereignisse zurückblicken.

Am 6. Juni 2013 organisierte das MPL eine Demonstration mit mehr als 3000 Menschen, die von der Polizei gewaltsam niedergeschlagen wurde. In den darauffolgenden Tagen fanden weitere Protestkundgebungen statt, auf denen das MPL seine Forderungen voranzutreiben suchte. Es förderte damit aber noch etwas anderes zu Tage: Zehntausende Brasilianer nämlich, die ihre Ängste und Zweifel plötzlich öffentlich kundtun wollten und die sich wiederum zu Kundgebungen und Protesten zusammenfanden. Als die Welle der Proteste jedoch an Größe gewann, verlor das MPL die Kontrolle über sie.

Geringe Halbwertzeit

Die Straßen verwandelten sich daraufhin immer mehr in einen Schwall von Einzelkämpfern und kleineren Gruppen, die diverse Bereiche sozialer Missstände anprangerten: Öffentliche Dienstleistungen, Kongress, Parteien, Politiker, Korruption und eben die WM. Parteien wurden von diesen Demonstrationen ausgeschlossen, ihre Flaggen zerstört und ihre Mitglieder angefeindet. Als sich das MPL Ende Juni öffentlich von den Protesten zurückzog, stieg die Zahl der Demonstrationen weiter an. Ohne organisatorischen Kern kam die Bewegung aber schon bald zum Stillstand. Auf einmal waren die unkoordinierten Massen von den Straßen verschwunden und bisher sind sie dorthin auch nicht zurückgekehrt.

Viele Beobachter erwarteten, dass mit Beginn der Fußball Weltmeisterschaft eine neue Welle der Demonstrationen über das Land hinweg fegen würde, so mächtig, dass sie sogar den Ablauf der Veranstaltung empfindlich stören könnte. Internationalen Medien stimmten in die Unkenrufe ein und rechneten mit dem Schlimmsten. Der „Economist“, der erst kürzlich ausgiebig gegen Brasiliens Wirtschaftspolitik gewettert hatte, nahm die Organisation der WM zum Anlass, um die Brasilianer als zu faul für Improvisation zu denunzieren.

Die „New York Times“ machte Größenwahn und eine dem Land innewohnende Inkompetenz als Ursachen für die Verzögerungen bei der Vorbereitung der WM aus. Die „Financial Times“ verglich die Rolle von Präsidentin Dilma Rousseff im Prozess mit einem Marx Brothers Comedy Sketch, während „El Pais“ eine angebliche Krise der öffentlichen Sicherheit als Gefahr für die WM identifizierte. Nicht eine dieser Befürchtungen konnte sich bisher bewahrheiten. Die Frage die sich stellt ist: Wie konnten Erwartungen und Realität so eklatant auseinanderklaffen?

Sündenbock WM

Bei genauerem Hinsehen lässt sich erkennen, dass die meisten Untergangs-Prophezeiungen der internationalen Medien auf unausgereiften Analysen und Vorurteilen basierten. Kernschwachstelle aller Interpretationen war die Annahme, dass die Protestanten das Gros der Brasilianischen Öffentlichkeit repräsentierten. Umfragen zufolge, die auf dem Höhepunkt der Protestbewegung gemacht wurden, war aber genau das nicht der Fall. Es zeigte sich stattdessen, dass die meisten Protestierenden über weit über dem Durchschnitt liegende Einkommen und Bildungsgrade verfügen.

Die größten brasilianischen Zeitungen wie „Folha de S. Paulo“, „O Globo“ und „O Estado de São Paulo“ positionierten sich konsistent gegen Regierungen der Arbeiterpartei (PT), wie eine Studien, unter meiner Leitung vom Laboratório de Estudos de Mídia e Esfera Pública (LEMEP) durchgeführt, ergab. Zusammen mit anderen großen Medienunternehmen wie TV Globo, Globo News und dem Wochenmagazin „Veja“ kritisierten sie schonungslos die Organisation der WM und dadurch gleichzeitig die Regierung von Präsidentin Rousseff, der sie Verschwendung öffentlicher Gelder, Inkompetenz, Korruption und anbiederndes Verhalten gegenüber der FIFA vorwarfen.

Als die unorganisierte Mittelklasse auf die Straße zog, um zu protestieren, war die WM einer der Hauptpunkte auf der Agenda. Sie war Sündenbock für all das, was nach Meinung der Protestierenden falsch lief im Land. Trotz Unterstützung durch die regierungskritische Berichterstattung der Medien, nahm die Anzahl der Teilnehmer an Demonstrationen und Kundgebungen jedoch schon rasch rapide ab. Am Ende blieb nur ein diffuses Anti-WM Gefühl aber keine echte Anti-WM Bewegung mehr.
Jüngste Versuche der ‚Bewegung’ bestehend aus kleinen, sehr spezialisierten Splittergruppen wie dem Homeless Workers Movement, neues Leben einzuhauchen und sie im Kern zu stärken, scheiterten. Sie entwickelten daher nie die Kraft eine ernsthafte Bedrohung für die Realisation der WM darzustellen.

Und dann jubeln sie doch

Am Ende hat Brasilien es geschafft, eines der bisher erfolgreichsten Turniere auszurichten, mit ausverkauften Spielen, weltweiter und qualitativ hochwertiger Übertragung aus brandneuen Stadien. Die grundsanierten Flughäfen funktionieren wie geplant und Touristen strömen aus allen Teilen der Welt ins Land.

Währenddessen geht der Großteil der brasilianischen Bevölkerung, all jene, die sich nicht an den Protesten gegen die WM beteiligten, dem nach, was sie am liebsten tun: Fußball schauen, gemeinsam feiern und jubeln und sich in Fachsimpelei über das Geschehen auf dem Rasen zu verlieren. Die verärgerte Mittelklasse tut es ihnen gleich, denn, so stellte sich heraus, Fußball ist und bleibt die National-Leidenschaft Nummer eins.

Da scheint es ironisch, dass die großen Medienhäuser, die noch kurz zuvor die WM als Inkarnation allen Übels diskreditierten, sich plötzlich mit einer gehörigen Portion Enthusiasmus der WM-Berichterstattung widmen und den Protesten daneben kaum mehr Beachtung schenken. An dieser Kehrtwende sind die hohen Summen aus WM-bezogenen Werbeverträgen nicht ganz unschuldig.

Die offizielle politische Kampagne wird erst nach der WM die Chance haben, so richtig ins Rollen zu kommen. Ihre Träger werden dann noch genug Zeit haben, alle Kräfte zu mobilisieren, um zu versuchen, die Arbeiterpartei (PT) von der Spitze Brasiliens zu entfernen.

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