Nach dem Sturz von Mohammed Mursi | The European

Im Namen des Volkes

Joachim Schroedel4.07.2013Politik

Präsident Mohammed Mursi ist gestürzt – gut so. Die Ägypter haben wieder einmal bewiesen, dass sie ein Volk klarer Entscheidungen sind. Und Religion weiter Privatsache bleiben soll.

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Der gestürzte Präsident Mubarak, dessen Ende am 11. Februar 2011 zu notieren war, hatte einen Nachfolger. Statt 29 Jahre regierte dieser Nachfolger nur ein Jahr und vier Tage.

„Mursi hat es nicht gebracht!“ – das ist wohl die einzige Botschaft, die das Ende des ersten „frei gewählten“ Präsidenten erreichte. Das ägyptische Volk ist und bleibt mehrheitlich ein liberales Volk. Religion spielt eine absolut zentrale Rolle … aber sie bleibt, gegen alle fundamentalistischen Rufe, in Ägypten „Privatsache“. Viele dachten, nach der Wahl Mursis zum Präsidenten Ägyptens würde der „Arabische Frühling“ zu einem „Arabischen Winter“ werden. Mitnichten!

Nichts geschah für die Bürger

Natürlich hatte das arme ägyptische Volk, dessen Mehrheit Analphabeten sind, einen „religiösen Führer“ wählen wollen. Religion spielt eine Rolle, und die davorliegenden 29 Jahre hatten ja nur gezeigt, dass selbst Ägypten sich immer mehr säkularisiert. Mit Sicherheit war das eine der Triebfedern, warum Ägypten, wenn auch mit knapper Mehrheit, einen Muslimbruder zum Präsidenten wählte. Geringe Wahlbeteiligung, knapper Ausgang. Nur ca. 13 Millionen Stimmen sammelte Mursi – im Gegensatz zu etwa zwölf Millionen für seinen Opponenten, der aus dem „alten System“ stammte.

Doch: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Mt 7,16). Und Präsident Mursi, unter vielen Worten und der Versprechung angetreten, ein Präsident „aller Ägypter“ sein zu wollen, versagte auf der ganzen Linie. Zwei Dinge sind es, die man ihm wohl negativ anrechnen muss: seine kontinuierlichen Lügen – beziehungsweise nicht erfüllte Versprechungen – und seine Führungslosigkeit. Ägypter brauchen, nach 7.000 Jahren Herrschaftsregime ohne jede demokratische Erfahrung, einen „guten Führer“ — aber gerade den bekamen sie eben _nicht_.

Während eines ganzen Jahres geschah nichts für das Volk. Die (Muslim-) Brüder Mursis erhielten die entsprechenden Ämter und Gratifikationen. Wenn jemand „den Präsidenten“ beleidigte, wurde ihm der Prozess gemacht und das Thema „Beleidigung“ (der Regierung oder des Islam) erhielt eine Bedeutung, das es nicht verdient.

Die Ägypter sind ein Volk klarer Entscheidungen

Jetzt geht es nur um eines: Der Präsident wurde durch das Volk abgesetzt – ein wichtiger Repräsentant sagte, es wäre ein „public coup d’état“ –, da das Volk seit einem Jahr nur mehr Leid erfährt und keinerlei Fortschritt oder Liberalität. Dieser Ex-Präsident versuchte noch bis zum Schluss damit zu „punkten“, dass er schließlich der legitime Präsident sei.

Doch es wurde in den vergangenen Monaten klar: Mursi und seine Muslimbrüder haben keinerlei politische oder wirtschaftlich-internationale Erfahrung. Seit Februar 2011 blieben Millionen Touristen aus. Sie hatten Angst, in einem „Neuen Iran“ zu landen.

Ägypter sind, so scheint es bewiesen, vor allem ein Volk klarer Gerechtigkeit und Entscheidung. Es gab keinen „Staatsstreich“, denn das Militär hat nicht einfach „übernommen“. Das Militär will Wahlen organisieren, nicht herrschen.

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