Bauern erwarten klare Signale von Bundesregierung | The European

Chef des Bauernverbandes fordert: Wir brauchen endlich klare Signale für unsere Betriebe

Joachim Ruckwied17.09.2021Medien, Wirtschaft

Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe ist in den letzten Jahren noch einmal deutlich zurückgegangen, die wirtschaftliche Situation in vielen Betrieben seit geraumer Zeit mehr als angespannt. Die deutsche Landwirtschaft braucht von der nächsten Bundesregierung klare Signale, welche Form von Landwirtschaft in Deutschland zukünftig gewünscht ist und wie diese gestaltet werden soll, meint Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes.

Bauer mistet den Kuhstall aus, Foto: picture alliance / blickwinkel/R. Schoenenberg | R. Schoenenberg

Landwirtschaft braucht Zukunft

Die anstehende Bundestagswahl wird von vielen als eine Richtungswahl bezeichnet. Für die deutsche Landwirtschaft ist dies zweifellos zutreffend. Für uns Bauern geht es um nicht weniger als die Zukunft unserer Betriebe und für unsere Gesellschaft muss die Frage gestellt werden, ob auch langfristig eine ausreichende Versorgung mit hochwertigen, heimischen Lebensmitteln gewährleistet werden kann. Die Zeit für politische Experimente ist definitiv vorbei. Wir Bauern waren in der Pandemie Garant für eine zuverlässige Versorgung der Bevölkerung und haben damit auch die soziale Stabilität in unserem Land sichergestellt. Deshalb braucht Landwirtschaft eine Zukunft in Deutschland, sonst wird dieses Land keine Zukunft haben.

Landwirtschaft bereit für den Umbau

Die Transformation unserer Gesellschaft, unserer Wirtschaft, aber auch der Landwirtschaft ist nicht aufzuhalten. Die Vorschläge der Borchert-Kommission zum Umbau der Tierhaltung haben parteiübergreifend Zustimmung gefunden. Wir unterstützen diese ebenfalls – auch wenn noch immer ein tragfähiges Finanzierungsmodell und das passende Bau- und Genehmigungsrecht fehlen. Im Gegenzug erwarten wir, dass unsere heimischen Erzeugnisse, die zu höheren Standards produziert werden, auch durch eine verbindliche Haltungs- und Herkunftskennzeichnung einen höheren Preis erhalten. Die Verbraucher müssen uns Bauernfamilien auf diesem Weg begleiten und diese große Veränderung mittragen.

Partnerschaft mit der Gesellschaft notwendig

Wir wollen eine neue Partnerschaft zwischen Ernährung und Landwirtschaft etablieren und brauchen dazu Verbündete, mit denen wir realistisch zusammenarbeiten, aktiv Veränderung gestalten können. Dafür brauchen wir aber eine politisch verbindliche Klarstellung, dass Ernährungssicherung und Nachhaltigkeit untrennbar miteinander verbunden sind. Eine verlässliche Honorierung solcher zusätzlichen Nachhaltigkeitsleistungen ist zwingend erforderlich. Hier ist auch eine gestärkte Position der Landwirtschaft innerhalb der Lebensmittelkette notwendig und es braucht insbesondere im Naturschutz einen klaren gesetzlichen Vorrang für Kooperationsmodelle. Als Deutscher Bauernverband sind wir überzeugt, dass mit der Umsetzung dieser Vorschläge neues Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit der Landwirtschaft wachsen kann, sowohl bei Landwirten als auch bei Bürgern und Verbrauchern.

Klimawandel entschlossen entgegentreten

Das Mega-Thema ist der Klimawandel. Dieser ist auch für die Landwirtschaft die größte Herausforderung. Wir haben vorgeschlagen, sowohl den Klimaschutz als auch die Ernährungssicherung als Staatsziel zu definieren und damit ins Grundgesetz aufzunehmen. Als Verband haben wir eine eigene Klimastrategie entwickelt. Im Bereich des Ackerbaus haben wir unsere Anbaumethoden modifiziert, etwa durch wassersparende und bodenschonende Verfahren oder dem reduzierten Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln. Dies wollen wir noch weiter entwickeln. Die Zunahme von Wetterextremen, aber auch von Schädlingsbefall und Krankheiten der Pflanzen, nehmen wir Landwirte deutlich wahr – auch hier brauchen wir dringend Lösungen: In diesem Bereich sollten wir mehr auf die Wissenschaft vertrauen und uns beispielsweise modernen Züchtungstechniken gegenüber offen zeigen. Um den klimatischen Herausforderungen gewachsen zu sein, müssen wir zügig resilientere Pflanzensorten züchten. Dabei dürfen wir keine Zeit verlieren.

Digitalisierung in Deutschland fördern

Für den Schutz des Klimas ist auch die Digitalisierung unverzichtbar. Das gilt für Mobilität und Energiegewinnung ebenso wie für die moderne Landwirtschaft. Unsere Betriebe kommen ohne die digitale Technik nicht mehr aus – egal, ob im Management, im Stall oder auf dem Feld. Die Technologien lassen die Landwirtschaft noch präziser und effizienter und damit auch ressourcen- und klimaschonender arbeiten. Die Zukunft unserer Gesellschaft und auch der Landwirtschaft lebt von Innovationen in diesem Bereich. Die großen Entwicklungen bei Digitalisierung, Automatisierung und künstlicher Intelligenz dürfen wir daher nicht Ländern wie den USA, China oder Indien überlassen. Hier muss noch mehr in Forschung und Entwicklung investiert werden, um den Anschluss an die Großen nicht völlig zu verlieren. Zu allererst muss jedoch mit dem Ausbau der digitalen Infrastruktur überhaupt die Grundlage geschaffen werden. Noch immer gibt es zahlreiche sogenannte weiße Flecken. Der Ausbau von leistungsfähigem Breitband und flächendeckenden, stabilen Mobilfunkverbindungen auf dem Land muss dringend beschleunigt werden. Wir brauchen 5 G an jedem Milchtank. Hier haben wir noch einiges aufzuholen.

Europa stärken

Wir alle brauchen ein starkes Europa! Nur eine starke EU ist ein Garant für Frieden, soziale Stabilität und Wohlstand. Für die deutsche Landwirtschaft ist der europäische Binnenmarkt existentiell. Entscheidend für den Wohlstand der gesamten Europäischen Union ist jedoch die Entwicklung des ländlichen Raums – 70 Prozent Europas sind ländlicher Raum! Eine starke, gemeinsame europäische Agrarpolitik (GAP) ist daher ein entscheidender Faktor für Stabilität und Prosperität der gesamten Union. Diese ist für eine flächendeckende und erfolgreiche Landwirtschaft in Deutschland und Europa unverzichtbar, ebenso wie für den Erhalt von Arbeitsplätzen im gesamten ländlichen Raum. Die gemeinsame Agrarpolitik muss in den kommenden Jahren so ausgerichtet werden, dass sie eine nachhaltige und gleichzeitig wettbewerbsfähige Landwirtschaft ermöglicht.

Gleiche Standards im gemeinsamen Markt

Ein funktionsfähiger gemeinsamer Markt braucht gemeinsame Standards. Deshalb gilt es, die ordnungsrechtlichen Anforderungen in den für die Landwirtschaft relevanten Rechtsbereichen möglichst im europäischen Gleichschritt und ohne nationale Sonderwege zu entwickeln. Gesetzliche Einschnitte in Eigentum, Wirtschaftsweisen und Nutzungsrechte, die über europäische Vorgaben hinausgehen, müssen grundsätzlich mit einem wirtschaftlichen Ausgleich für die betroffenen Land- und Forstwirte verbunden werden. Der Erhalt landwirtschaftlichen Eigentums in der Hand von uns Bauernfamilien ist eine Grundvoraussetzung für eine prosperierende Wirtschaft im ländlichen Raum.

Wir fordern ein klares Bekenntnis zu einer heimischen Landwirtschaft. Verlagerungen ins nichteuropäische Ausland müssen verhindert werden. Eine erfolgreiche Transformation des Agrar- und Ernährungssystems kann nur gelingen, wenn Produktionsverlagerungen, sogenannte Leakage-Effekte, vermieden werden. Daher ist ein EU-weiter Ansatz dringend geboten.

Bauern erwarten klare Signale von Bundesregierung

Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe ist in den letzten Jahren noch einmal deutlich zurückgegangen, die wirtschaftliche Situation in vielen Betrieben seit geraumer Zeit mehr als angespannt. Die deutsche Landwirtschaft braucht von der nächsten Bundesregierung klare Signale, welche Form von Landwirtschaft in Deutschland zukünftig gewünscht ist und wie diese gestaltet werden soll. Dieser Veränderungsprozess ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und kann nicht von den Bauern allein getragen werden. Es geht vor allem darum, die Zukunft der Landwirtschaft und des ländlichen Raums zu sichern. Oberstes Ziel muss dabei sein, dass landwirtschaftliche Betriebe gute Einkommen erzielen können, Zukunftsperspektiven haben und mehr Wertschätzung erfahren.

 

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