Justizminister Maas und die Zensur

von Joachim Nikolaus Steinhöfel31.05.2017Gesellschaft & Kultur, Medien

Immer mehr Facebook-Profile werden gesperrt, DafĂŒr gibt es mittlerweile in den sozialen Medien eine erhebliche Resonanz. Es ist Zeit, hier endlich fĂŒr (Rechts-) Klarheit zu sorgen.

Das unter dem unvergesslichen Titel „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ bekannt gewordene, kontroverse Gesetzgebungsvorhaben von Justizminister Maas zur Attacke auf die Meinungsfreiheit in den sozialen Medien befindet sich nach der 1. Lesung im Bundestag in den AusschĂŒssen. Die Koalition wird versuchen, dieses Gesetz noch vor dem Ende der Legislaturperiode durchzupeitschen. SpĂŒrbare Änderungen oder gar den Entwurf eines besseren Gesetzes wird es nicht geben.

In der BegrĂŒndung zu dem Gesetz findet sich folgender interessante Satz:

__„Niemand muss hinnehmen, dass seine legitimen Äußerungen aus sozialen Netzwerken entfernt werden.“__

Eine Regelung zu diesem Punkt sieht das Gesetz nicht vor. Möglicherweise geht der Justizminister davon aus, dass sich AnsprĂŒche gegen eine ungerechtfertigte Löschung und/oder Sperrung bereits aus dem schon jetzt geltenden Recht ergeben. Urteile, die diese Fragen behandeln, sind mir nicht bekannt.

Markus Hibbeler ist Fotograf. Er hat 5000 Facebook-„Freunde“ und, Stand 26.05.2017, knapp 22.000 Abonnenten. Mitte Mai veröffentlichte der auf seiner Facebook-Seite, wie er dies öfter tut, einen lĂ€ngeren Text zu Meinungsfreiheit und Zensur, der auch auf einem Blog veröffentlicht wurde.

Und zwar nachdem Facebook diesen Text löschte und Hibbeler fĂŒr 7 Tage sperrte. Der entfernte Text (bei Löschung 2000 likes, 1000 mal geteilt) bewegt sich ganz und gar innerhalb der Grenzen der verfassungsrechtlich gewĂ€hrten Meinungsfreiheit, es gibt nicht einmal SĂ€tze oder Passagen, die auch nur annĂ€hernd fragwĂŒrdig sein könnten. Der Text steht auch in jeder denkbaren Hinsicht in Einklang mit den „Gemeinschaftsstandards“, den „Nutzungbedingungen“ und den „Facebook-GrundsĂ€tzen“. Wenn Justizminister Maas, wie oben zitiert, Recht hat, und ich pflichte ihm insoweit völlig bei, muss Hibbeler sich dies nicht bieten lassen. Hamed Abdel-Samad hat zu diesem Vorfall auf seiner Facebook-Seite folgendes geschrieben:

__“Markus Hibbeler ist fĂŒr 7 Tage gesperrt. ‹Er ist ein weltoffener Photograph, Blogger und Journalist. Er ist kein Ideologe. Er schreibt nur seine Meinung zum Islam und Migration im Rahmen seines Rechts auf Meinungsfreiheit. ‹Die Demokratie, die eine unbequeme Meinung eines Markus Hibbelers nicht aushalten kann, ist schwach und nicht wehrhaft.‹Ein Justizminister, der unliebsame Meinungen erwĂŒrgt, verstĂ¶ĂŸt gegen Artikel 5 und ist somit nicht mehr tragbar. ‹Lieber Herr Maas, wenn Sie glauben, dass das Zensieren von kritischen Meinungen die Demokratie stĂŒtzt und den inneren Zusammenhalt des Landes garantiert, dann irren Sie sich gewaltig. Nicht Hibbeler ist eine Gefahr fĂŒr die Demokratie, sondern ein Justizminister, der sich nicht an die Verfassung hĂ€lt!‹SolidaritĂ€t mit Markus ist Verteidigung des Grundgesetz und somit Pflicht jedes Demokraten!”__

Auch darĂŒber hinaus stĂ¶ĂŸt diese Löschung und Sperrung von Facebook in den sozialen Medien auf erhebliche Resonanz. Es ist Zeit, hier endlich fĂŒr (Rechts-) Klarheit zu sorgen. Himmelfahrt hat Markus Hibbeler mein AnwaltsbĂŒro beauftragt, gegen Facebook vorzugehen. Heute, am Freitag, ist unsere Abmahnung in Irland eingetroffen. Hibbeler verlangt die Wiederherstellung des gelöschten Textes und die strafbewehrte Unterlassungsverpflichtung von Facebook, den Text weder bei Hibbeler, noch bei Dritten, die ihn geteilt haben, erneut zu löschen oder Hibbeler wegen der Veröffentlichung dieses Textes bei Facebook zu sperren. Die Frist endet in einer Woche. Handelt Facebook nicht wie verlangt, klagen wir. Weil Markus Hibbeler hier einen Kampf nicht nur fĂŒr sich, sondern fĂŒr Viele fĂŒhrt, wĂŒrde er sich sicher ĂŒber eine Subventionierung des Verfahrens freuen.

HĂ€ufig wird die These vertreten, es gĂ€be keine Handhabe gegen Facebook, das Unternehmen habe „Hausrecht“ und könnte löschen, was es wolle. Dem ist nicht so.

Am Ende ist es beinahe sekundĂ€r, wie ein möglicherweise nötiger Prozess ausgeht. Denn sollten deutsche Gerichte nach rechtskrĂ€ftigem Abschluß des Verfahrens zu dem Ergebnis kommen, es gĂ€be keine Anspruchsgrundlage, dass Justizminister Maas und ich mithin falsch liegen („Niemand muss hinnehmen, dass seine legitimen Äußerungen aus sozialen Netzwerken entfernt werden.“), dann wĂ€re das geklĂ€rt und der Gesetzgeber, der einen solchen Zustand unmöglich tolerieren kann, zum unverzĂŒglichen Handeln aufgefordert. Die Spiele können beginnen!

“© Joachim Nikolaus Steinhöfel 2017”:https://www.steinhoefel.com/2017/05/hallo-facebook-wir-muessen-jetzt-mal-etwas-klaeren.html

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