Der Wert der Kultur | The European

Kultur ist Leben. Kultur ist Freiheit

Joachim Lux13.03.2015Gesellschaft & Kultur

Erst Kultur macht das Leben lebenswert. Als unabdingbare Überflüssigkeit steht sie gegen die Ökonomisierung der Lebensverhältnisse. Und für die Freiheit.

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Dietze / photocase.de

Kultur, Ritus, Religion gibt es von Anbeginn unserer Gattung deshalb, weil dem Menschen zutiefst klar ist, dass sich sein Menschsein nicht in Effizienz, Karriere, Geld oder Alltag erfüllen kann. Er braucht anderes, das das Leben lebenswert macht. Kultur ist nichts anderes als die Selbstfeier des Lebens und seiner Würde – ein Bannstrahl gegen den Tod, von dessen Existenz wir als einzige Gattung wissen. Kultur fängt ganz früh und im Elementaren an: mit der Kleidung, mit Hygiene, mit der Tischdecke, die man zu Ehren eines Gastes auflegt – alles vollkommen überflüssig, paradoxerweise aber vor allem unabdingbar. Auch die Kunst gehört in diesen Kontext, auch sie entstand menschheitsgeschichtlich sehr früh: als Höhlenmalerei, als Tanz, als Musik, als fantasievolles Nachspiel der eigenen Lebenswirklichkeit.

Das hat sich bis heute ausdifferenziert, aber nicht geändert: geistige Orientierung, kulturelle Bildung, spielerische Rebellion, die Beschäftigung mit den geistigen Fundamenten der eigenen Kultur, die Entwicklung von Neuem, zweckfreies Spiel, Ausbildung sensorischer Fähigkeiten, ganzheitliche Menschenbildung, Vertiefung sozialer Bindungskräfte, innere Referenzsysteme jenseits von Alltagsbewältigung – all das braucht der Mensch. Und die Gesellschaft in ihrer Diversität sowieso.

Kultur ergibt Sinn – auch für Unternehmen

Es ist bemerkenswert, dass große Konzerne, die völlig auf ökonomische Effizienz getrimmt sein müssen, sich in Richtung Kunst und Kultur verschwenden. Sie finanzieren in verödeten retortenhaften Städten wie Leverkusen oder Wolfsburg mit Millionenaufwand nicht nur Sportereignisse, sondern unterhalten eigene Festivals, eigene Musik- und Theaterhäuser, pflegen Kultur. Das ergibt aus ihrer Sicht offenbar Sinn! Andere Firmen geben ihren leitenden Mitarbeitern, wenn sie einmal beruflich nach New York müssen, mit auf den Weg, dass sie dort bitte nicht nur Geschäfte machen sollen, sondern auch mal das Museum of Modern Art oder die Metropolitan Opera besuchen sollen.

Aus ähnlichen Gründen pflegt auch unser Staat die Kultur, in der Überzeugung, dass eine Nation, ein Volk eine kulturelle Identität und spielerische Freiräume braucht. Es muss um seine Traditionen wissen, braucht Geschichtsbewusstsein, in Zeiten dynamischen Wandels erst recht. Es geht längst nicht mehr nur um die nationale Identität, denn wir begreifen uns nicht mehr nur als Deutsche, sondern auch als Europäer, und entwickeln darüber hinaus weitere neue hybride Identitäten – das sind große und aufregende Herausforderungen für das 21. Jahrhundert. Nicht wenige haben Angst davor. Ich bin sicher, dass die Kultur hier Brücken bauen kann, dass das Theater als Versammlungsort der Stadtgesellschaft _ein_ identitätsstiftendes Medium auf dem Weg in die Zukunft sein kann.

Abgeleitet aus der grundsätzlichen Wertschätzung für Kultur in Deutschland ist ein höchst komplexes kulturelles Adersystem entstanden, das das Ziel hat, nahezu überall die Teilhabe an Kultur zu ermöglichen. In jeder mittleren Großstadt gibt es ein Stadttheater mit drei Sparten, und Besucherorganisationen ermöglichen auch dem näheren Umland den Weg in die regionalen Metropolen. In kleineren Städten gibt es dann sogenannte Landestheater, die per Kulturauftrag nicht nur ihr Stammhaus, sondern auch die Provinz versorgen und in Schulaulen, Gemeindesälen etc. spielen. Ortschaften, die durch diese Versorgungsnetze aus irgendwelchen Gründen herausfallen, werden von Tourneetheaterproduktionen leichtgewichtigeren Zuschnitts privatwirtschaftlich versorgt. Und in den großen Metropolen schließlich gibt es Spitzentheater, die die großstädtische Bevölkerung anziehen. Um diese differenzierte Kulturlandschaft beneidet uns die Welt, die verzweifelt versucht, ihre Provinzen und Regionen attraktiv zu halten, aber außer Freizeitparks leider nicht mehr viel zu bieten hat.

Barbarei aus Not

Dieses System, das zu dem kulturellen Reichtum unseres Landes beiträgt, ist in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr aus dem Blickfeld der politischen Akteure geraten. Und so ist die Kultur mittlerweile ausgeblutet und auf himmelschreiende Art und Weise „unterfördert“. Überall wird geschlossen und fusioniert, Strukturen werden vernichtet – insbesondere in den Landschaften und den Mittelstädten und in Ostdeutschland. Dass all das schleichend passiert, macht den Akt der Barbarei nicht kleiner.

Die Situation ist bekannt: Die Gemeinden, Städte und Kreise sind pleite. Warum aber sind sie pleite? Weil ihnen Steuern entzogen wurden – also erfinden die attraktiveren Städte neue und nennen sie Bettensteuer, Öko- oder Kulturtaxe; modernes Begriffsdesign für Wegezoll. In Wahrheit sind es hilflose Selbstrettungsversuche gegen den zunehmend besorgniserregenden Zentralismus Richtung Berlin. Gegen ihn haben die föderalen Strukturen keine Chance, weil sie politisch die eigenen Parteizentralen bekämpfen müssten. Ergo kürzen die Kommunen in Akten der Notwehr ihre Haushalte und reißen – gleich Ertrinkenden nach dem Nächstliegenden greifend – die Schwachen mit, die sogenannten freiwilligen Leistungen: dazu gehören Schwimmbäder, Bibliotheken, Theaterhäuser und anderes mehr. Sie schlagen zugegebenermaßen aus Not und nicht aus Boshaftigkeit um sich. Das allerdings ist denen, die sie in den Abgrund reißen, verständlicherweise egal.

Über kaputte Straßen in heile Theater

Einer dramatisch „unterförderten“ Kultur steht also ein ebenso dramatisch „überforderter“ Staat gegenüber. Da ist etwas falsch. Falls der gesellschaftliche Konsens unserer Kulturen seit Jahrhunderten fortdauert und immer noch überzeugt ist, dass Kultur ein unverzichtbarer Inhalt ist, muss sich etwas ändern. Denn selbst derjenige, der sich nicht für Malerei, Musik, Theater interessiert, wird anerkennen müssen, dass die gesellschaftliche Bedeutung dieser Soziotope nach wie vor hoch ist. Wir brauchen die Theater, die Museen, die Konzerthallen. Ihr Sinnstiftungspotenzial ist enorm und lädt sich immer wieder neu auf. Es sind Orte der Stadt- und Regionalentwicklung und haben gerade hier eine strategisch erhebliche Funktion. Denn sie machen unsere Orte lebenswerter. Der Kulturdezernent der reichen Stadt München hat vor einiger Zeit gesagt, er ziehe es vor, über eine kaputte Straße in ein intaktes Theater zu fahren. Das sei ihm lieber als das Umgekehrte … Ein Kommentar des korruptionsgebeutelten ADAC ist nicht bekannt. Wohl aber, dass Künstler dem zustimmen. Denn in dem Satz wird noch etwas anderes aufgerufen: Kultur ist nicht nur eine Funktion der Stadtentwicklung, sie hat auch jenseits dessen einen Wert. Sie besteht darauf, einen Wert zu haben, der sich der Messbarkeit entzieht. Noch deutlicher: es geht um den Widerstand gegen die pure Ökonomisierung all unserer Lebensverhältnisse. Um den Kampf für die Freiheit der Kunst und der Fantasie: für die Freiheit des Lebens. Vielleicht ist das die politische Funktion von Theater heute – schlimm genug.

Damit die Kategorien nicht völlig verrutschen, sollten wir uns vielleicht einmal daran erinnern, dass wir trotz Schuldenbremse in einer der wohlhabendsten Gesellschaften des Erdballs leben. Und auch daran, dass unsere Ahnen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, als alles in Schutt und Asche lag und es wirklich kein Geld gab, als Allererstes dafür gesorgt haben, dass die Theater wieder spielen. Warum wohl haben sie das gemacht?

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