Die Zukunft des Christentums ist ökumenisch

von Joachim Gauck17.03.2017Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Bundespräsident Joachim Gauck wird heute aus seinem Amt mit einem Großen Zapfenstreich nach fünf Jahren verabschiedet. In einer seiner letzten Reden sprach er vom ökumenischen Wagnis. “Eine Zukunft wird das Christentum in unserem Land am ehesten als ökumenisches haben.”

Auf mittelalterlichen Bildern von der Geburt Jesu in Bethlehem ist der Heilige Joseph sehr oft nur eine Randfigur – und zwar buchstäblich: Er steht ganz am Rande der Szene, wie unbeteiligt geradezu. Dagegen sind die Hirten, ja sogar Ochs und Esel zentrale Elemente des Geschehens. Sie rahmen aktiv die Geburtsszene ein, während Joseph aus einem gewissen Abstand eher wie ein Zeuge wirkt.

Vielleicht ist das heute Abend hier meine Rolle, die Rolle des Bundespräsidenten. Denn das eigentliche Geschehen ist eine Angelegenheit, die die beiden Kirchen unter sich auszumachen haben. Es sind die Kirchen, nicht der Staat, die hier die aktive Rolle haben, die hier, um im Bilde zu bleiben, eine schwere Geburt vollbracht haben, wobei man, fast wie in Bethlehem, auch von einem Wunder sprechen muss, dass es soweit gekommen ist. Das Wunder ist nicht ganz so groß wie das vor zweitausend Jahren, als der Gottessohn geboren wurde. Aber wer die Geschichte der getrennten Kirchen in den letzten fünfhundert Jahren einigermaßen im Kopf hat, kommt nicht umhin, im heutigen Ereignis zumindest ein Zusammenspiel menschlicher Anstrengung, menschlichen guten Willens auf der einen und gnädiger Hilfe andererseits zu entdecken.

Als Staatsoberhaupt bin ich nicht der oberste Ökumenebeauftragte, erst recht kein Ökumenebestimmer. Aber da das Verhältnis der Kirchen untereinander, das für Jahrhunderte vor allem eines gegeneinander war, bei uns in Deutschland direkt und indirekt auch das Zusammenleben in Staat und Gesellschaft zutiefst geprägt hat, kann der Bundespräsident sich nur darüber freuen, wenn er als Zeuge erleben darf, wie Versöhnung, Verständigung und Frieden zwischen den Konfessionen wachsen.

Wie haben die Kriege, die aus der Feindschaft der Konfessionen erwuchsen, unser Land verwüstet! Wie hat die Feindschaft derer, die alle an denselben Erlöser glaubten, die Seelen verwüstet. Wieviel Leid ist bis vor wenigen Jahrzehnten in Familien getragen worden, wenn über christliche Konfessionsgrenzen hinweg geliebt wurde und geheiratet werden sollte! Wieviel üble Nachrede und böse Vorurteile, wieviel Gemeinheiten und, ja, wie man heute sagen würde: Hasspredigten hat es in alten Zeiten gegeben! Das kann man zwar heute nicht mehr verstehen, aber nur, wenn man sich daran erinnert, kann man ermessen, welch weiten Weg die Kirchen in unserem Land aufeinander zugegangen sind. Und umso größer wird der Dank dafür sein.

Der Prozess, der zu dem heutigen Ereignis geführt hat, hat eines deutlich gezeigt. Versöhnung meint nicht die Wiederherstellung irgendeines vermeintlichen Urzustandes. Wir haben vielmehr gesehen: Es gibt kein zurück. Versöhnung gibt es nur mit dem Blick nach vorne, ohne das Vergangene zu vergessen, aber auch ohne das Vergangene übermächtig bestimmend sein zu lassen. Wenn wir den Weg der Versöhnung gehen, dann bedeutet das: Wir sind keine Gefangenen der Geschichte, sondern wir sind – belehrt durch frühere Fehler wie durch früher schon Gelungenes – unterwegs in eine gute Zukunft.

Wenn ich jetzt also ganz kurz meine Zeugenrolle verlassen und als evangelischer Christ sprechen darf, dann möchte ich sagen: Trotz all dem, was schon erreicht ist, gerade mit dem heutigen Tag, das eigentliche ökumenische Wagnis echter Gemeinsamkeit steht den Kirchen noch bevor. Ich bin der Überzeugung, dass dieses Wagnis eingegangen werden muss. Eine Zukunft wird das Christentum in unserem Land am ehesten als ökumenisches haben – in welcher Gestalt und mit welchen Profilen auch immer es sich zeigen wird. Von hier und heute geht ein sehr hoffnungsvolles Signal aus. Aber von hier und heute geht auch die Botschaft aus, dass weitere Schritte zu wagen sind.

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