„Lasst uns die Gräben nicht vertiefen“

von Joachim Gauck25.12.2016Innenpolitik

Die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten Joachim Gauck im Wortlaut.

Guten Abend aus dem Schloss Bellevue.

Ich wünsche Ihnen ein frohes, gesegnetes Weihnachtsfest.

Ja, es ist wieder Weihnachten geworden. Wieder haben unzählige Menschen das Weihnachtsevangelium gehört und die Geburt Christi gefeiert. Wieder strahlen in Millionen Wohnungen die Weihnachtsbäume.

Und doch ist etwas anders in diesem Jahr. Der Terror, den wir seit Jahren weltweit erleben, ist plötzlich vorgedrungen bis in unsere Hauptstadt. Wir wussten zwar alle: Deutschland wird von solchen Terroranschlägen nicht verschont bleiben. Doch die vielen Toten und Verletzten auf einem Berliner Weihnachtsmarkt haben uns zutiefst erschreckt und verstört. Und so sind sie über uns gekommen: die Wut und der Zorn, aber auch die Gefühle von Angst und Ohnmacht.

Allerdings: Wenn wir ganz genau hinschauen in diesen Tagen, dann erkennen wir noch mehr.
Wir spüren die Angst – aber: Die Angst hat uns nicht.
Wir spüren die Ohnmacht – aber: Die Ohnmacht hat uns nicht.
Wir spüren die Wut – aber: Die Wut hat uns nicht.

Wir sind vielmehr zusammengerückt als Gemeinschaft derer, die die Mitmenschlichkeit verteidigen. Ganz unterschiedliche Menschen haben einander gesucht, haben einander gestärkt, haben einander Wärme und Nähe gegeben. Konfrontiert mit dem mörderischen Hass haben sie ihr Ja zum friedlichen und menschenfreundlichen Miteinander bekräftigt – ihr Ja zum Leben.

Das bedeutet keineswegs, auf politische Auseinandersetzungen zu verzichten, etwa in der Flüchtlingspolitik. Es muss diese Auseinandersetzungen geben, auch darüber, ob wir zukünftig noch mehr tun müssen, um die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten. Aber gerade in Zeiten terroristischer Attacken sollten wir die Gräben in unserer Gesellschaft nicht vertiefen, weder Gruppen pauschal zu Verdächtigen noch Politiker pauschal zu Schuldigen erklären. Wir sollten das Augenmaß bewahren und die Achtung vor dem politischen Gegner. Und wir sollten uns gerade in diesen Tagen besinnen auf das, was Weihnachten ausmacht und über die Christen hinaus Teil unserer Kultur geworden ist.

Die christliche Weihnachtsbotschaft sagt: In dem Menschen Jesus begegnet uns die Liebe Gottes. Beziehen wir diese Botschaft auf uns, so kann sie uns inspirieren, empfindsam, zugewandt und hilfsbereit zu leben. Dann schlagen Wut und Zorn nicht in Hass um. Dann können sich Wut und Zorn in Kräfte verwandeln, die dem Hass, der Gewalt und der Verachtung des Anderen wehren. Dann bleibt unsere Gesellschaft ein Ort des solidarischen Miteinanders.

Ich beschreibe hier keine Wunschträume. Ich rede von der Wirklichkeit. Zum Beispiel von den Berlinern, die ich getroffen habe. Augenzeugen des Anschlages, die, einem inneren Impuls folgend, sofort zu den sterbenden und verletzten Menschen eilten, um zu helfen und Gefahr für sich selbst nicht scheuten. Ich verweise nur auf dieses Beispiel. Aber fortlaufend begegne ich Menschen, die unser Land durch eigenes Wirken bewohnbarer, die es verlässlich, vertrauenswürdig machen – im Beruf oder in der Freizeit, in der Familie oder im Ehrenamt. Diese Menschen haben mich in meinen Jahren als Bundespräsident immer zuversichtlicher werden lassen.

Sagen wir es an diesem Festtag einmal deutlich: Dieses Land verdient das Vertrauen seiner Bürger. Auch gegenwärtig, da es mit ungelösten Problemen ringt. Dieses grundlegende Vertrauen haben Unzählige mitbegründet: Zum Beispiel die Krankenschwestern und Pfleger, die sich in unseren Krankenhäusern und Heimen trotz mäßiger Bezahlung verlässlich und hingebungsvoll um jeden einzelnen kümmern, die Liebe und Wärme geben. Oder die Kindergärtnerinnen und Lehrer, die danach streben, allen, selbst den schwierigsten Kindern, gerecht zu werden. Die Soldatinnen und Polizisten, die engagierten Gewerkschafter und verantwortungsbewussten Unternehmer, die Sozialarbeiterinnen und Quartiersmanager und alle, die dem Recht Geltung verschaffen.

Und dann die vielen Ehrenamtlichen, die etwa Flüchtlingen helfen und damit zeigen, dass man das Fremde nicht ablehnen und abweisen muss, um das Eigene zu bewahren und zu leben. Gerade in Zeiten der Unsicherheit wissen wir das zuverlässige Wirken von so vielen Menschen zu schätzen. Nicht weil sie etwas Außergewöhnliches tun, sondern weil sie das Gewöhnliche außergewöhnlich gut tun. So können wir uns zu Hause fühlen in unserem Land. Und dafür will ich Ihnen danken.

Zum Schluss muss ich aber noch einmal ganz bewusst auf die Weihnachtsgeschichte zurückkommen. Angesichts all des Unfriedens in der Welt, angesichts der Kriege in unserer Nähe, ist das Wort „Und Friede auf Erden“ in diesem Jahr ganz sicher Millionen von Menschen besonders tief ins Herz gedrungen. Es weckt unsere Wünsche und ist Teil unserer Sehnsucht. Und wir spüren: Dieses Wort vom Frieden, es meint uns. Es sucht unseren Mut, unsere Verantwortungsbereitschaft, auch unsere Weisheit und unsere Fähigkeit, Mitmensch zu sein. Denn wir wissen: Friede auf Erden will erst noch werden.

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