„Lust statt Frust!“

von Joachim Brockpähler6.11.2015Innenpolitik

Die teils begründeten, teils geschürten Ängste der Flüchtlingswelle verstellen den Blick dafür, dass es in unserer Gesellschaft noch aus ganz anderen Gründen brodelt: Viele Menschen haben „Frust auf Arbeit“ und sehnen sich danach, dass ihre Chefs dies erkennen. Die Gefrusteten geraten in den Strudel von Pegida, aber niemand traut sich, die Befindlichkeiten in Worte zu fassen.

Die derzeitige Staatskrise – denn wir erleben eine Staatskrise! – erfasst alle Bereiche unserer Gesellschaft, das lässt sich klar erkennen. Die kommunikativen Unverständnisse und Blockaden in der Mitte unserer Gesellschaft sind auch dadurch entstanden, dass sich allerorten und bereits über Jahre hinweg großer Frust aufgestaut hat. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Pegida-Bewegung das Asylthema aus einer allgemeinen Unzufriedenheit gegenüber der Politik heraus als Ventil nutzt.

In Wahrheit sind sehr viele Menschen auch aus anderen Gründen unzufrieden. So gibt es viele Menschen, die sich bei Gefährdung ihrer Gesundheit abrackern und dafür keinen angemessenen Lohn erhalten. Es gibt Chefs, die sich mittels der von ihren Mitarbeitern erwirtschafteten Gewinne im Luxus sonnen und ihren Angestellten noch nicht einmal den Mindestlohn gönnen. Es gibt Menschen, die ihre Kompetenz nicht entfalten können, weil sie auf der falschen Stelle sitzen und die zudem noch mit einer miesen Beurteilung abgestraft werden. Wer einmal mies beurteilt wurde, kann selten noch dorthin wechseln, wo er zum Nutzen für unser Gemeinwesen brillieren könnte. „Lust statt Frust im Job“ könnte somit ein bedeutsames Zukunftsprogramm werden. Es gilt, der Devise des renommierten Psychologen Joseph Murphy Geltung zu verschaffen: „Nur wer seine Arbeit liebt, hat darin auch Erfolg.“ Dies sollte in allen Bereichen des Erwerbslebens gelten!

Aber die Menschen müssen ermutigt werden, ihren Unmut in Worte zu fassen. Sie sollten sich zur Ermutigung organisieren. Denn es gilt natürlich: „Wer im Glashaus sitzt, werfe nicht mit Steinen.“ Demnach kann man von keinem Einzelnen erwarten, dass er seinen Frust artikuliert. Vielleicht ist Pegida dahingehend ein zartes Pflänzchen, das den Medien nicht nur die böse Fratze irregeleiteter Chaoten demonstriert, sondern vielmehr den Gestaltungswillen von Menschen, die ein positives Programm haben. Ein solches gibt es bisher leider nicht. Reiner Antiislamismus und die Verweigerung der Integration von rechtmäßig in Deutschland gestrandeten Flüchtlingen stellen kein Programm dar, mit dem wir Deutschland voranbringen.

„Freiwilligkeit ist der Preis der Freiheit!“

Gleichwohl: Wir haben es der Pegida-Bewegung zu verdanken, dass sie intensive Diskussionen provoziert hat, die weithin als notwendig gelten. Wichtig wäre jedoch, dass der Austausch von Argumenten, auch in verschriftlichter Form, seriöser wird. Denn allein meckern, demonstrieren und sich verweigern zählt nicht. „Freiwilligkeit ist der Preis der Freiheit!“ (Gottlieb Duttweiler) Überaus weise sind in diesem Zusammenhang auch die Worte von Peer Steinbrück bei einem Vortrag 2013 in Dresden: „Wenn Sie sich für so schlau halten, dass Sie meinen, nicht mehr wählen gehen zu müssen, dann werden Sie von Leuten regiert, die dümmer sind als Sie.“ Thilo Sarrazin hat sich 2014 nach einem Vortrag in Bad Schlema vom Druck im Saal nicht dazu hinreißen lassen, eine bestimmte Partei zur Problemlösung zu empfehlen. Er hat angeraten, das bestehende Parteiensystem zu nutzen, um in verschiedenen Parteien mitzuwirken und eventuell auch neue Mehrheiten zu gestalten.

Neben der Streitkultur gibt es also ein weiteres Zauberwort der Zukunft: die Partizipation. Die Politik muss es den Menschen ermöglichen, sich leichter einzubringen, sie muss die Menschen dort abholen, wo sie der Schuh drückt, sie muss die Probleme der Menschen sensibler erkennen und bei der Problembewältigung überzeugender sein. Und sie muss die Menschen wieder fröhlicher machen, indem sie glaubwürdig vermittelt, dass es voran geht, dass es sich lohnt, für unser Gemeinwesen zu streiten, um es weiter zu entwickeln.

Diejenigen, die sich sorgen, dass ihre schwer erarbeiteten Leistungen spätestens zu Zeiten ihrer Rente zunichte gemacht werden könnten, die sich sorgen, dass sie nach dem ersten Herzinfarkt oder Bandscheibenvorfall im Beruf noch nicht einmal das normale Rentenalter erleben, all diejenigen, die derzeit mehr Frust als Lust verspüren, wollen nichts sehnlicher erle-ben als eine Bewegung, die ihnen eine bessere Zukunft verheißt. Unser politisches System und unsere Wirtschaft sind so stark, dass wir hoffentlich darauf vertrauen können, dass die Verantwortlichen ihre Hausaufgaben erkennen. Sie können dabei darauf bauen, dass es sehr viele neue Unterstützer für ihre Politik gibt, wenn die eigenen Bürger nur abgeholt und motiviert werden. Im Bereich der Arbeitswelt bedeutet dies, dass die Arbeitgeber das brachliegende Potenzial erkennen sollten, über das sie verfügen, nur weil Arbeitnehmer aus unterschiedlichen Gründen gefrustet sind.

Die Menschen aus ihren Motivationssenken holen

Die ritualisierten Arbeitskämpfe zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern, die im Volk jedes Mal Emotionen zwischen Wut und Verständnis bewirken, verschleiern den eigentlichen Skandal in der Arbeitswelt: Das gigantische brachliegende Potenzial eines Großteils derer, die von den Arbeitgebern nicht als wertvolles und zu ehrendes Humankapital begriffen werden. Das Feilschen um Lohnerhöhungen hat seine Berechtigung, aber die Lohnerhöhungen könnten noch höher ausfallen, wenn es nicht so viele Menschen gäbe, die es sich unverschämt und unverdient in den diversen sozialen Hängematten komfortabel eingerichtet haben. Diese Hängematten gibt es nicht nur für Hartz-IV- und Sozialhilfeempfänger, die millionenfach in der Schattenwirtschaft illegal hinzuverdienen. Nein, es gibt sie auch in zahlreichen Unternehmen und Behörden, die über keine Methoden des Qualitätsmanagements verfügen. So geben sich Beschäftigte oftmals unkontrolliert dem berühmten „Dienst nach Vorschrift“ hin.

In diesen Fällen hat niemand einen Überblick über die vergeudeten Ressourcen, die Langeweile von Menschen, die weder gefordert noch gefördert werden. Würde man diese Ressourcen entdecken, ließen sich ungeahnte Produktivitätsgewinne erzielen. Diese würden mittels unternehmens- und behördenspezifischer Motivationsstrategien die Beschäftigten aus ihren Motivationssenken führen. Teilweise werden Löhne und Gehälter dann auch Anpassungen nach oben erfahren können. Egal wo jemand arbeitet: Es gebietet der Anstand, Menschen gerecht zu entlohnen, wenn sie einen guten Job machen. Wer keinen guten Job macht, soll sich mit Unterstützung seines Arbeitgebers der Frage widmen, was die Ursachen sind. Es gibt so viele Menschen, die an anderer Stelle in neuer Verantwortung aufblühen könnten. Die Strategien der Arbeitgeber sind danach auszurichten, die Beschäftigten zu motivieren und gemäß ihrer Kompetenzen zu fördern und einzusetzen. Aber die meisten Arbeitgeber kennen solche Strategien nicht – oder machen sei einfach nicht funktionsfähig. Aber eines ist unabweisbar: Unser soziales Wohlergehen wäre durch ein kreatives Wechselspiel von Streitkultur und Integrationsbemühungen allerorten optimierbar.

Wir sollten vor dem Hintergrund unserer Geschichte reif sein für die Einsicht, dass die Bewältigung der gesellschaftlichen Herausforderungen nicht nach einem einfachen Rezept zu erfolgen hat, das eine Regierung oder eine Partei vorgibt. Nein, es gilt, die widersprechenden Meinungen zu den Problemlösungsstrategien dankbar entgegenzunehmen und in einer großen gesellschaftlichen Ideenschmiede so zu verarbeiten, dass ein neues Wir-Gefühl entsteht. Wer den höheren Sinn der Streitkultur verstanden hat, wird dem folgen können. Politik in einer Demokratie ist normalerweise aus dem Spannungsfeld unterschiedlicher Meinungen heraus zu entwickeln. In der tarifrechtlich geregelten Arbeitswelt ist dies das Spannungsfeld, welches vom Betriebsverfassungsgesetz beziehungsweise – im öffentlichen Dienst – dem Personalvertretungsgesetz in Form der gesetzlich vorgeschriebenen „vertrauensvollen Zusammenarbeit“ normiert wurde. Ein sich aus diesen ganz normalen und notwendigen Spannungsfeldern heraus selbst stabilisierender sozialer Frieden würde unsere Demokratie noch nachhaltiger zum Vorbild auch für andere Staaten machen.

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