2011 war ein schlechtes Jahr für böse Jungs. Srdja Popovic

Die FDP, ihr Messias und der Frosch

Christian Linder hat die FDP noch vor wenigen Monaten im Stich gelassen. Sein jetziges Comeback zeigt vor allem die abgrundtiefe Verzweiflung der Partei.

In einem Überraschungscoup hat sich die FDP in Nordrhein-Westfalen entschlossen, Christian Lindner zum Spitzenkandidat bei der anstehenden Landtagswahl zu machen und ihm zudem noch den Landesvorsitz anzutragen. Das Comeback von Lindner ist insofern überraschend, als sein Abgang Ende vergangenen Jahres nicht weniger illoyal gegenüber Partei und ihrer Führung hätte ausfallen können. Das Klima zwischen Lindner und Rösler gilt seitdem nachvollziehbar als schwer belastet.

Wenn Lindner nun als „bester Mann“ in Nordrhein-Westfalen die Sache für die FDP richten soll, dann ist das ungefähr so, als wenn die SPD im Jahr 2000 Lafontaine zum Spitzenkandidaten einer entscheidenden Landtagswahl gemacht hätte. Die Hoffnungen, die sich mit einer Person verbinden, die etwas ändern soll, sind meistens umgekehrt proportional zur Verzweiflung derjenigen, die diese Hoffnung hegen. Die Nominierung Lindners und die überschwänglichen Hymnen auf ihn spiegeln daher nur die abgrundtiefe Verzweiflung und die nackte Existenzangst der FDP wider.

Lindner kann nur gewinnen

Lindners Entscheidung, anzutreten, würde man in der Spieltheorie, die sich mit der Analyse sogenannter strategischer Entscheidungen rationaler Akteure beschäftigt, als dominante Strategie bezeichnen. Das heißt, unabhängig davon, wie die Sache ausgeht, wird sich die Position Lindners in der Partei verbessert haben. Als Rückfallversicherung bleibt ihm der offerierte Landesvorsitz wohl selbst dann, wenn er die Wahl verlieren sollte. Sollte er es allerdings schaffen, die FDP wider alles Erwarten über die fünf Prozent zu bringen, dann ist Lindner der neue Heilsbringer der FDP, dem jedes Wunder zugetraut wird, auch das, Tote wiederzubeleben.

Umgekehrt kann Rösler nun nur noch verlieren. Geht NRW verloren, ist er wohl nicht mehr zu halten, dies gilt erst recht, wenn nach dem Saarland auch Schleswig-Holstein flöten gegangen sein sollte. Gelingt hingegen der Einzug in Nordrhein-Westfalen, wird dieser Sieg Lindner zugeschrieben werden und die interne Machtbalance zwischen den beiden sich zugunsten Lindners verschieben. Da dies Rösler auch klar sein muss, kann man daraus nur den Schluss ziehen, dass Rösler offensichtlich nicht in der Lage ist, in der Partei seine eigene Personalpolitik durchzusetzen, oder er vernachlässigt aus Konfliktscheu diesbezügliche Auseinandersetzungen. Dies zeigte sich schon bei seiner Unfähigkeit, sich Westerwelles zu entledigen, als dieser die FDP wie ein Stein in die Untiefen der Umfragen zog. Das entsprechende „Fenster der Gelegenheit“ hat Rösler nach dem kleinen Putsch ein zweites Mal verstreichen lassen, als sich Westerwelle als Außenminister durch seine Libyen-Äußerungen desavouierte. Inzwischen sind Röslers eigene Umfragewerte so desaströs, dass es ihm nicht mehr möglich ist, jemanden wegen schlechter Popularitätswerte aus der Parteispitze zu entfernen.

Das Ende für Rösler?

Möglicherweise ist ja Rösler schon längst der von ihm selbst beschworene Frosch, der in einem Wasserglas sitzt, dessen Temperatur mit jeder weiteren Landtagswahl kontinuierlich erhöht wird, bis der Frosch, ohne dass er es wahrnimmt, an der Hitze zugrunde geht. „So viel zum netten Herrn Rösler.“ Das neue Führungstrio der FDP könnte dann aus Brüderle, Bahr und Lindner bestehen. Allerdings wären auch für diese die Probleme der FDP, die vor allem noch auf Westerwelles Zeit zurückgehen und die in einer programmatischen Entkernung der Partei liegen, nicht erledigt. Nur mit Personen, aber ohne Inhalte kann keine Partei Wahlen gewinnen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Stefan Goch, Andreas Blätte, Karl-Rudolf Korte.

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