Grauzone – mit Seniorenticket in die Medien

von Jo Groebel19.03.2010Medien

Der Treppenlift scheint in den Himmel zu schweben. Es geht aber nur in die erste Etage. Der Spot für den Gehersatz markiert die Zielgruppe fürs Programm. In dem Fall des ZDF. Durchschnittsalter um die 60, höher als das Mittel der Bevölkerung. Und nicht relevant für Fernsehwerbung. Jedenfalls laut Kommerzstrategen. Außer für Treppenlifte und dritte Zähne.

Seniorenkommunikation dennoch auf allen Kanälen. Da spricht ob ihrer großen Zahl keiner von den Alten. No-Ager, Senioren, Silver Surfer heißen unterschiedlich gruselig die Euphemismen, die sich locker einreihen in jahrzehntelang geübte Kunstbegriffe. Azubi statt Lehrling. Mitarbeiter statt Untergebener. Raumpflegerin statt Putzfrau. Ach, die gute alte (!) Ehrlichzeit. Ersatz nicht nur der echten Zähne. Und dennoch keine neuen Assoziationen und Bilder bietend. Denn am Ende steht doch wieder das Klischee. Da tüddeln tatenlose Tattergreise durch trostlose TV-Serien. Da lachen uns lachhaft Tapfergreise mit Raglanjacke aus verzweifelt, aber vergeblich Jugend beschwörenden Kraftmittelspots zu. Derzeit ein Höhepunkt, wie das rüstige Gesundheitspaar am Berggipfel auf Günther Jauch trifft. So alt, wie’s seine Klamotten signalisieren, ist der doch noch gar nicht?! Immerhin erfreute sehr unterhaltsam die Revolution der Weißhaare in Dieter Wedels “Der große Bellheim”. Immerhin durften wir klischeedurchbrechend Geistes- und Gefühlslebendigkeit der Greisin sehen, als Monica Bleibtreu in “Marias letzte Reise” starb. Und wenige Jahre später in gleicher Aura dann auch wirklich. Selbst Iris Berben wird auch schon 60. Und überzeugt als Verführerin immer noch genauso wie als Doyenne. Wie man es als Mann mit Würde und Sex-Appeal schafft, demonstriert Clint Eastwood. Als Kreativkopf und Akteur.

Identifiziert sich damit wirklich jemand?

Eine Intelligenzzumutung dann aber wieder die Werbesortierung in Gestaltung und Ansprache. Kaffeekränzchen. Wanderrentner. Nicht mal schlimm die Produkte. Schrecklich die altbackene Mache. Schlimmer noch die Schönfärberei, siehe oben. Identifiziert sich damit wirklich jemand? Vielleicht ein paar. Ein paar mehr gab es allenfalls noch in den 70ern. Immerhin setzen Dove und wenige andere auf Attraktivität, nicht Hilflosigkeit oder Möchtejungsein des Alters. Generation korrespondiert mit biologischem Alter. Doch heute 70-Jährige sind kulturell, ästhetisch, medial ganz anders drauf als die gleiche Altersgruppe vor 20 Jahren. In den Medien hat sich das nur begrenzt rumgesprochen. Dabei haben sie bei der Veränderung der Geschlechterbeziehungen, dem Aufheben vieler Bildungsgrenzen eine Avantgarderolle gehabt. Mögen sie den demografischen Wandel viel häufiger vollziehen. Mit noch älteren guten Moderatorinnen. Mit noch mehr Altrockern, die mit Teenies rappen. Altachtundsechziger sind nicht unbedingt würdig. Langweilig aber auch nicht. Gibt’s manchmal sogar in Telenovelas, Rolf Zacher in “Rote Rosen” ist ein Beispiel. Nicht mal schlecht gemacht speziell für die Zielgruppe. Da treiben es auch Alte bunt. Verlieben sich und haben Sex. Selbstverständlich nicht mit Stützstrumpfsorge. Witta Pohl begann’s in den “Drombuschs”. War es nicht sogar mit Michael Degen? Glückwunsch!

Eben kein Clint Eastwood

Werber aufgepasst. Programmplaner ebenso. Kultur und Web-Community machen‘s von selbst. Alte Zählungen sind für Alte. Des Denkens, nicht der Jahre. Den demografischen Wandel hat er überzeugender beschrieben als die Netzwelt. Frank Schirrmacher. Im Kollektivgeist der Medien angekommen ist der Wandel nicht. Kein Wunder, wenn hastige TV-Jungs ihre Stereotype ausleben und eben kein Clint Eastwood. Weg also mit den Altersklischees, weg vor allem mit der blödsinnig beleidigenden Währung werberelevante Zielgruppe. Die Alten haben Kohle. Die Alten geben sie aus. Weil sie nicht alt sind. Im Netz die Wende? Im Verhalten ja. Im Klischee nicht. Da droht mit Amateurfoto und ebensolchem Layout das Seniorennet mit einer Tüddeltruppe aus dem Altersheim. Bohnerwachsgeruch und Kantinenatmosphäre inklusive. Jeez, schlimmer als der schlimmste Treppenlift. Dann lieber gleich ins Grab! Wie gut, dass die Angst der Alten alt. Auch ohne nachsichtige Behördenhelfer aus Medienpädagogik oder Mitleidsjugend bewegt man sich selbstverständlich durch Computer, Web und das soziale Netz. Ich jedenfalls fische jetzt mein künstliches Gebiss aus dem Wasserglas, erfreue mich am Musikantenstadl, surfe silbern durch das Netz. Und connecte auf Facebook die junge Frau, die nicht meine Enkelin ist. Sie könnte aber auch meiner Oma Alter haben. Naja, fast. Johannes Heesters lebt.

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