Sicherheit und Gefahr im Web

Jo Groebel4.03.2010Medien

Der höchst unappetitliche Mao Tse-tung empfahl den Revolutionären, wie die Fische im Wasser zu sein. Lasst uns für das Internet dagegen wie die Fische im Netz sein. Nein, nicht gefangen. Vielmehr die Knoten für die Verbindungen untereinander nutzen.

Das Dilemma zwischen Sicherheit und Freiheit wird nie ganz zu lösen sein. Die Kontrolle über jedes Detail, jede Information des Nutzers mag den Schutz vor Kriminalität und Terrorismus erhöhen. Doch der Einzelne wird in seiner Freiheit potenziell massiv beschränkt. Das völlige Loslassen aber vonseiten des Staates eröffnet nicht nur finsteren Elementen Tür und Tor. Es schafft auch den Gutwilligen, Unternehmen wie Privatpersonen, zu viele Verlockungen, nach Gutdünken zum eigenen Nutzen Informationen zu sammeln und zu horten. Ohne “die da oben” geht es also nicht. Glücklicherweise sind in der aktuellen Debatte über Sicherheit und Freiheit im Netz Polemik und gegenseitige Bezichtigungen weitgehend ausgeklammert. Nur wenige unterstellen dem Staat, mit mehr Datensammlung und -überwachung harmlose Bürger kontrollieren zu wollen. Umgekehrt geht kaum ein Behördenvertreter davon aus, dass der Ruf nach freiem Datenverkehr vor allem dem Missbrauch dienen soll. Insofern ist eine konstruktive Netzpolitik schon von vornherein gewährleistet. Gerade weil die meisten Ressorts ergebnisoffen und im Dialog mit der Web-Gemeinde an die Herausforderungen herangehen. Der deutsche Innenminister ist nur ein Beispiel dafür.

Leider recht sorglos

Wenn wir heute über Datensicherheit, Datenschutz und Schutz der Privatsphäre sprechen, müssen jenseits offizieller Maßnahmen und Gesetze vor allem aber auch weiche Faktoren berücksichtigt werden. Ein Großteil riskanter Datenstrukturen stammt aus dem Manko hinreichender Schutzmaßnahmen durch die Internetnutzer selbst. So haben wir in etlichen Studien sehen können, dass die Bürger das eigene Handeln als maßgeblichen Bestandteil von Sicherheit oder Unsicherheit ansehen, gleichzeitig aber sich selbst attestieren, viel zu wenig auf den Schutz zu achten. Natürlich entziehen sich etliche Sphären dem individuellen Einfluss. Die soeben in der bisherigen Form abgeschmetterte Datenspeicherung bei Internetnutzung und Telefonie wäre nicht durch den Einzelnen zu unterlaufen. Jedoch ist neben der Sorge vor staatlicher Kontrolle, und sei es zum Schutz vor Dritten oder vor Missbrauch durch Unternehmen, ein wesentlicher subjektiver Risikofaktor der jeweils andere Web-Nutzer. Die meisten bringen sogar Behörden und Regierung recht großes Vertrauen entgegen, selbst Unternehmen wird dann verantwortungsvolles Handeln zugeschrieben, wenn sie nicht Daten ohne Wissen der Kunden sammeln und zusammenfügen. Leider verhalten sich die meisten Internetaktiven wider besseres Wissen recht sorglos. Dabei kann man sich gerade gegen die so beurteilte Hauptgefahr im Netz, verantwortungslose Teilnehmer anderer und eigener Gemeinschaften, besonders gut schützen. Die überwältigende Mehrheit der Community-Mitglieder handelt ethisch. Die wenigen Abweichler können allerdings verheerend wirken. Besonders der Missbrauch der eigenen Identität, die Verunglimpfung im Netz oder das unkontrollierte Platzieren peinlicher Persönlichkeitsdetails wie fieser Fotos oder widerlicher Worte gehören zu den Risikofaktoren. Genau hier aber greifen eben die Verhaltensmöglichkeiten. Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit des individuellen Handelns ist vergleichsweise einfach zu reduzieren, wenn einige feste Regeln und Usancen eingehalten werden. So wenig man sich nackt auf den realen Marktplatz stellt, so sehr kann man sich bis zum Reflex angewöhnen, grundsätzlich keine potenziell kompromittierenden Bilder oder Texte ins Netz zu stellen. Beim Autofahren ist es uns selbstverständlich und läuft ohne große Willensanstrengung ab, immer rechts zu fahren, bei Rot anzuhalten, nicht gegen die Einbahnstraße zu lenken. Hirnphysiologisch sind das automatisierte Prozesse. Man kann sie genauso gut für das Internet einüben, ohne gleich einen entsprechenden “Führerschein” machen zu müssen. Der ist eine eher dem deutschen Behördendenken entstammende Regulierungsidee.

Präventivverhalten auf individueller Ebene

Menschen sind von Natur aus vernünftig und moralisch. Daher muss nicht Misstrauen die Netzdebatte beherrschen, sondern es geht um einen in öffentlicher Debatte auszuhandelnden Konsens, welche Schutzmaßnahmen offiziell notwendig sind. Zu unserem eigenen Datenschutz. Aber auch durch Nutzung persönlicher Informationen zu unserer existenziellen Sicherheit. Zur Debatte gehören auch die selbst regulierende Kraft und gegenseitigen Unterstützungen zur Datensicherheit innerhalb der sozialen Netzwerke. Und schließlich das Präventivverhalten auf individueller Ebene. Regelmäßiges Downloaden von Schutzsoftware, umsichtiges Platzieren privater Information ohne Leichtsinn, aber auch ohne Paranoia gehören dazu. Auch wenn Big Brother als jetzt zehnjähriges Fernsehformat das ursprüngliche Schreckenskonzept in unserem Bewusstsein verwässert hat und wir der Schreckensvision genau durch die Verharmlosung ein bisschen näher gekommen sind: Die Diskussionen und Verhandlungen vor dem Bundesverfassungsgericht, innerhalb der Regierung und besonders bei allen Bürgern laufen in einer so konstruktiven Weise ab, dass der “echte” Big Brother auch wieder ein wenig gebannt scheint. Unser Gemeinwesen ist aufgeklärt und ist alert. Freiheitsgedanke und Verantwortung überwiegen an allen Fronten. Und wer als Personalchef wirklich nur stromlinienförmige Web-Informationen akzeptiert, hat seinen Job verfehlt. Heilige im Himmel sind der Himmel, auf Erden sind sie die Hölle. Es gibt sie eh nicht.

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