Über Teenager, kollektives Eigentum und überhaupt

von Jo Groebel18.02.2010Medien

Selbstgefälligkeit, Selbstreferenzialität, Selbstsucht – ob bei nur mäßig kreativen und gar nicht selbstironischen Buchvorstellungen oder grauenhaften Cover-Versionen eigentlich guter Songs: Mit der Belanglosigkeit nimmt auch die Wichtigkeit des geistigen Eigentums ab.

Neulich in Berlin-Mitte. Ein Autor stellt sein Werk vor. Zwischen Buchdeckel gebrachte Blog-Einträge und Geschichten, die “wichtige” Mitte-Kollegen nennen. Von Freunden und vor allem Freundinnen. Also Social-Network-Literatur. Und von erschütternder Belanglosigkeit. Der Clou: Nicht der Autor, sondern die im Buch Vorkommenden lesen die meisten Passagen vor, zum Teil jene, die sie selbst beschreiben. Klingt gut, ist aber im cool-anmaßenden Auftritt und Mangel an Selbstironie (oder ist mir was entgangen) vor allem Beispiel für die Selbstreferenz der Kulturkopfwerker. Übrigens äußerst sympathische Leute durchweg und natürlich gebildet, intelligent, eloquent. Gerade das aber macht die Nummer zur Verschwendung von kreativer Kapazität.

Aber lustig ist die Literatur nicht mal

Die Zuhörer erinnern in ihrem heiligen Ernst an Vernissage-Besucher, die auch lustige Dick-und-Doof-Videos mit bedeutungsschwangerer Besinnlichkeitsmimik honorieren würden. Aber lustig ist die Literatur nicht mal. Ich verlasse frühzeitig den Ort. Und höre auf Star.fm eine wirklich grausige Live-Version von Dolly Partons “Jolene”. Sie klingt nach der ersten Übungsstunde einer schlechten Schülerband. Nur, der Sänger ist Jack White. Nein, nicht der vom Schlager. Der von den “White Stripes” und den “Raconteurs”, zwei meist ausgezeichneten Bands. Und wieder wird der größte Egotripschrott zu einer vermutlich als spontan, ursprünglich, genial etikettierten Kultursache. Weil’s halt vom Richtigen kommt. Attitüde! Oder, wie trist, Zeichen des Zeitgeistes. Mit dem in den 1980ern ein Kostabi Fließbandgemälde schaffen ließ als angeblich konsequente künstlerische Zuspitzung des Marktprinzips. Oder Grinsechinesen noch vor Kurzem die Kunstbörse dominierten. Selbstgefälligkeit, Selbstreferenzialität, Selbstsucht. Wie bei den TV-Talkmastern, die sich immer gegenseitig einladen. Auch nicht besser als Klogespräche von Discotussen. Mal abgesehen davon, ob Blogästhetik und -inhalt nicht am besten dem Moment vorbehalten bleiben: Auch wenn Literatur keiner Botschaften bedarf, irgendwas auch Nicht-Insidern Sagendes/Gefallendes wär schon schön. Doch genau dieses Insidertum ist hier offenbar die entscheidende Funktion des Schreibens. Neben dem Narzissmus. Das Selbst wird geweiht. Jede Gefühlsnuance hat öffentliche Bedeutung. Wie im Web. Wie im Nachmittagstalk. Schreibend schafft man die selbstdistanzlose Distanz zu anderen, erschreibt ihnen den Wunsch, auch in der Gruppe willkommen zu sein. Sind sie dann drin, wünschen sich einige wieder nach draußen.

Mit der Belanglosigkeit nimmt auch die Wichtigkeit des geistigen Eigentums ab

Weil nix passiert. Doch die meisten fügen sich dankbar der Gruppendynamik und den Bewunderungshierarchien. Mit der Belanglosigkeit und Beliebigkeit des Gesagten und der Bedeutungsverlagerung weg vom Werk hin zur Funktion der Zugehörigkeit nimmt auch die Wichtigkeit des geistigen Eigentums ab. Bei nicht wirklich genialen Inhalten bedient man sich aus dem vorhandenen Tableau von Worten und Bildern, collagiert oder “remixt” sie beliebig. Zartes Aufbegehren entsteht höchstens dann mal, wenn sich einer/eine den Ruhm und die Kohle alleine herausnimmt. Wir erleben es gerade bei einem literarischen oder besser marktstrategischen Wunder und der Dreistigkeit eines bei Harald Schmidt nur mäßig sympathisch erscheinenden, fülligen Teenagers. Der Boulevard wird von den Literaturgranden verachtet. Nur der findet sich nicht grandioser als er ist. Die Kulturbrahmanen sich aber sehr wohl. Nun ist Kultur als Spiegel und Impulsgeber des Zeitgeistes toll. In der Endlosschweife allerdings trist und banal. Man darf natürlich alles. Aber die Kollektivliteratur gab’s ja schon, apropos Remix. Vor allem hat sich Langeweile als Stilprinzip ganz schnell überholt. Seit Oblomow, Flaneursromanen und vielleicht noch mal einigen 1990er-“Pop”-Literaten ist alles dazu gesagt. Zuletzt ganze 15 Jahre lang. Langeweile ist langweilig geworden. Narzissmus und Selbstaffirmation sind besser vor dem Spiegel und in Selbstverwirklichungsgruppen aufgehoben. Aber vermutlich geht es genau darum. Mit lässiger Geste und manchmal Extremwortinflationen demonstrativ Wichtigkeit und Echtheit zu behaupten, die nicht halten. Das soll die Begehrlichkeit des Dazugehörenwollens wecken. Und lässt Coolness zur Herzenskühle werden.

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