Russische Nächte, europäische Tage

von Jo Groebel21.01.2010Medien

Moskau lädt ein. Jo Groebel über das Meeting internationaler Topjournalisten. Pressefreiheit wird natürlich angesprochen, doch vor allem geht es um Europa. Eine Nachbetrachtung.

Diesmal fast live aus Moskau. Anlass: das Deutsch-Russische Mediengespräch von der Robert-Bosch-Stiftung und dem Deutschen Digital Institut. Klar, wenn einige Topjournalisten beider Länder zusammensitzen, geht es auch um Pressefreiheit. Doch die Westeuropäer sind ohne Hochmut. Auch in ihrer Region ist sie kein Selbstläufer. Siehe Italien. Und definiert man sie über ein Kontinuum von völlig bis gar nicht, sind direkte und indirekte politische Einflussnahmen auf einen TV-Sender Anlass zu auch ein wenig deutscher Sorge. Mehr selbstverständlich im geografischen Riesenreich. Und in den Provinzen noch mehr als in Moskau. Was aber eint, was unterscheidet Medienprofis in Ost und West neben Freiheitsinteressen unter dem gemeinsamen europäischen Dach? Zuallererst genau dieses Europa. Den Deutschen schrecklich zäh als Thema. Nicht sexy. Abstrakt. Politisch zwar bestimmend, doch nur durch die nationale Hintertür.

Europa ist Kioskgift

Als Brüsseler Behördenwillkür. Immer noch. Oder zur Machtsicherung eigener Teilinteressen. Nichts Neues also unter der täglichen Sonne. Und selbst europäisch gesonnenen Gutwilljournalisten immer weniger Möglichkeit, einen Tropfen Enthusiasmus rauszuquetschen. Gar populär aufzubereiten. Gähn. Nächstes Thema. Europa ist Kioskgift. Hüben wie drüben, am schönen Strand von Wolga und Moskwa. Die Suche also nach den gemeinsamen Werten, europäischen Werten. Demokratie, Humanismus und so. Akademisch historisch belegbar. Intuitiv journalistisch lebbar. Anerkannt. Und gelebt. Auch als Hoffnungstor gen Russland. Denn 52 Prozent Handelsanteil mit der EU, also mehr als mit allen anderen Weltregionen zusammen, stärken neben den gemeinsamen kulturellen Wurzeln auch wirtschaftlich den Halt. Das geht weit über das gegenseitige Verstehen im Hang zur Schwermut bei Deutschen und Russen hinaus. Von Interesse und Empathie zur Wertebasis. Sofort sichtbar in der Form des Dialogs. Zuhören, argumentieren, sich überzeugen lassen. So leicht wie mit anderen Kollegen, leichter sogar als manchmal mit solchen romanischer Provenienz. Doch wohin mit der Leichtigkeit des medialen Zusammenseins? Die Krise, ja Krise gleich dreier Identitäten allein schon in der Moskauer Konstellation: Deutschland/EU. Russland. Medien. Fantasielos und blutleer an der Spitze die ersten. Erschöpft von Ideologien, der Suche nach neuer Größe und wirtschaftlich getrieben das zweite. Ratlos ob der digitalen Zukunft viele der dritten. Krise mal Krise gleich Chance? Aber dreimal Krise? Russische Nächte machen melancholisch. Manchmal. Doch das Leuchten des Schnees auf dem Roten Platz lässt auch journalistische Seelen leuchten. Und Köpfe. Sie kommen mit gemeinsamen Plänen. Nicht mit dem großen Entwurf diesmal, nicht den Visionen, die den Politikern im Moment sowieso abgehen. Ist auch nicht Aufgabe der Medien. Aber Informieren ist schon ein Wert. Schafft die Basis für Identität. Wer bin ich, wer ist der andere? Wer sind wir zusammen? Fast ein wenig wie mit Mann und Frau. In der Mischung aus Eingebung und Analyse. Die Eingebung: Wir erkennen uns.

Wenn’s sogar Journalisten hinkriegen, schafft’s der Bürger erst recht!

Die Analyse: Wir können was tun. Nüchterne Werte aus Interessen geboren tragfähiger als sentimentale. Die von keinem mehr infrage gestellte gegenseitige Sicherheit vor Aggression kann jetzt leicht, die Journalistenrunde belegt es, aus Fremden gute Bekannte mit dem Schuss faszinierender Fremdheit machen. Wenn’s sogar Journalisten hinkriegen, schafft’s der Bürger erst recht! Er braucht dazu nur den Journalisten und dessen Neugier. Auch die kritische. Und sein Sehen, seine ersten Antworten. Der Moskauklub wird also die Augen noch offener halten. Ohne Auftrag, aber mit zunehmenden Zuwendungen auch außerhalb der Russlandressorts. Was waren deutsche Medienthemen über Russland? Ganz früher Großmacht, Kalter Krieg, Bedrohung. Vor Kurzem Oligarchen, Armut, Energie. Demnächst auch normal werdende Normalität. Populärkultur, Nähe zu uns, geografisch und psychologisch, Alltag. Wie hießen bis vor Kurzem die Deutschenthemen in den russischen Medien? Nein, nicht die (Nazi-)Bösen. Die Rolle waren sie längst los. Deutschland fand kaum mehr statt. So wenig wie die anderen Europäer. Demnächst wird’s wieder sein. Diesmal als die Netten. Wenigstens Bekannten. Ist ja auch was. Und irgendwann die Freundschaft. Druschba!

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