Hommage für eine Filmgeschichte des Sentiments

von Jo Groebel11.02.2010Medien

Kino rührt zu Tränen und gibt es ein ehrlicheres Gefühl? Mit und ohne Berlinale. Kino, ich liebe Dich für meine Tränen.

Dem Essen ist auf der Berlinale eine eigene Reihe gewidmet. Ich dagegen möchte dem Kino die Tränen widmen. Nicht der Trauer ob des Niedergangs des Films. Dazu besteht kein Anlass. Nein, Tränen der Freude. Denn auch im Zeitalter von Heimvideo, YouTube, TV-Clips schafft es nur eine Geschichte mit ein wenig Zeit, uns im Innersten zu bewegen. Wir können es im Berlin dieser Tage konzentriert erleben. Bis hin zu den fließenden Tränen. Heimlich verdrückt im Kinosaal. Offen vergossen durch den Mann, der damit das Herz einer Frau gewinnt. Filmgeschichte lässt sich mit einem gewissen Konsens chronologisch, technisch (eine neue Phase erleben wir gerade mit “Avatar”), filmsprachlich, über Genres, Länder, Regisseure beschreiben.

Kollektive Wasserflüsse sind fast langweilig

Eine Filmtränenhistorie jedoch fehlt, lässt man Kitsch-, Drama- und Romantikbeschreibungen außer Acht. Sie müsste sich auch eher um Szenen als um komplette Werke ranken und zudem biografisch geprägt sein. Fast langweilig sind kollektive Wasserflüsse wie bei “Titanic” und “Love Story”. Sie haben die Drüsen aller stimuliert. Doch den Schlüssel zum Ego, zur individuellen Gefühlswelt bietet erst das Muster aus vielen Einzelbildern. Quer zu Qualitätskriterien und Kulturansprüchen. Das kann ein Moment aus Sissi sein, natürlich. Meine Freundin Ildiko ist jedes Mal erschüttert, wenn die Kindlich-Strahlende die Herzen der Ungarn gewinnt. Es kann ein Ganghofer sein, aber genauso eine chinesische Problemszene. Sentiments sind der Klischees verdächtig, aber selbst diese entziehen sich der anmaßenden Bewertung, wenn’s um die Reinheit/Echtheit der Gefühle geht. Können Tränen dumm sein? Nein. Höchstens das, was sie veranlasst. Tränen lügen nicht. Bilder, (Film-)Geschichten sind Projektionsflächen unseres Seins, Zeichen dessen, was uns bewegt. Bei Zarah Leander, “Nur nicht aus Liebe weinen” (sic!), werden männliche Fantasien bedient. Die archetypische Frau, die sich aus Liebe nach ihm verzehrt, das jedoch nicht zeigt. Herrlich, wir werden geliebt, müssen uns aber nicht einlassen … Und auch so eine Männersache, ebenfalls in Schwarz-Weiß, Wim Wenders’ “Im Lauf der Zeit”. Nicht nur ein erstes deutsches Roadmovie, auch das Feiern der einsamen Männerhelden, tapfer der Liebe entsagend. Statt John Waynes Horizontritt nun der Klapperbus der 70er. Bis heute lassen sich etliche Geschlechtsgenossen nicht auf Beziehungen ein, weil sie ihre “tapferen” Tränen des Verzichts mehr lieben als die Frau. Und sich in die Filmbilder hineinprojizieren. Fantasiegrandeur statt Gefühlsrisiko.

Gefundene Liebe. Verlorene Liebe. Erhoffte Liebe

Oder Michael Mann mit “Heat”. Mehr noch als die Spannung faszinieren die Beziehungsszenen. Perfekt geschnitten. Mann-Frau. Mann-Mann, De Niro-Pacino. Gefundene Liebe. Verlorene Liebe. Erhoffte Liebe. Immer das Motiv Einsamkeit. Der auch mit Schüssen nicht zu entkommen ist. Aber Tränen ihr Ehrlichkeit verschaffen. Was wäre Michael Mann ohne kongenial eingesetzte Musik. Sie traut den Szenen und uns. Ist minimalistisch. Hundertmal wirkungsvoller als ein Melodienmist von Drüsendrücksoundtracks, die nur belästigen. Ein einziger Anfangsakkord dagegen bestimmt den ehrlichen Tränentenor eines ganzen Dreistundenfilms. Archaisch, wahr, Grundfragen des Lebens berührend, mitten ins Herz bei “Thin Red Line”. Und dann noch Sean Penns Monologbeginn: “In this world …” Wir finden zu uns selbst. Endlos der feuchte Fluss ins Innere bei weiteren Wahrheitsfilmen. Belgiens “De zaak Alzheimer” im 21. Jahrhundert-Melville-Stil über Einsamkeit, Stolz, Altern, Moral eines Killers. Pure Verzweiflung und dennoch Würde in einer herkömmlich würdelosen Situation bei Eltern, die ihre Kinder verloren: “The Door in the Floor” mit Bridges und Basinger. Die Rat- und Hoffnungslosigkeit der Liebe in “2046” von Wong Kar-Wai. Und die Tränen, als zwei jüdische Brüder, nazivertrieben, getrennt, sich und die ehemalige Heimat in Realität und Film wiederfinden. In “Menachem und Fred”. Bei der Cinema for Peace beide persönlich erleben zu dürfen, ewige Rührung ohne Scham im Übergang vom Zelluloid zurück in die Wirklichkeit. Wieder erzählt ein Moment mehr über Verfolgung und Versöhnung als Hundert Geschichtsstunden. Selbst dieses Thema erschließt sich den Lachtränen. Auch wenn sie im Halse stecken bleiben. Wie in Lubitschs “To Be or Not to Be”. 1942 gedreht und unfassbar genial zwischen Lachen und Grauen. Viel zu selten das reine, arglose Lachen im Film wie bei Harold Lloyd, Billy Wilders “Front Page” (Walter Matthau: “Auf dass der Wind in Deinem Rücken niemals Dein eigener sein möge.”), Blake Edwards’ “Victor Victoria” und “Rabbi Jacob” mit Louis de Funès. Filme bis ins Mark. Mit und ohne Berlinale. Kino, ich liebe Dich für meine Tränen.

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