Die x-te Gewalt

von Jo Groebel7.01.2010Medien

Die x-te Gewalt ist omnipräsent, sie wirkt zu jeder Zeit um uns herum. Sie ist Produkt und immer öfter auch Quellbestandteil der sie verbreitenden Medien: die Täuschung, Verarsche, Heuchelei. Kurz: der Fake.

Wenn ein Ministerpräsident skrupellos mit “Sachargumenten” seine Medienmacht durchzieht. Wenn eine durchtriebene “Stilikone” zum Wohle der Kinder posiert. Wenn Betrugsbankern Boni hinterhergeworfen werden, um sie offiziell “zu halten”. Wenn eine anmaßende Glückskeksfee als beste Schauspielerin gilt. Wenn ein Trennungsflegel den Gentleman macht. Wenn profillose Tröpfe mit Repräsentanzbehauptungen zu Gallionsfiguren Europas gemacht werden. Dann wirkt sie, die x-te Gewalt. Auch Fake, Täuschung, Verarsche, Heuchelei genannt. Eine gar nicht so heimliche unheimliche Kraft, die sich horizontal zu anderen Zählmächten, der vierten, den Medien, der sechsten, den Blogs, bewegt. Ganz zu schweigen von den Kommunikationsfinessen, mit denen sie seit je selbstverständlicher Bestandteil der übrigen “Gewalten” von der Legislative bis zum Lobbyismus ist. Sie treibt es überall. Häufig durch Journalismus oder Blogs aufgedeckt. Aber inzwischen auch grundlegender Bestandteil derer selbst. Noch harmlos als heiße Luft, weniger, wenn sie zum augenzwinkernd sowieso unterstellten System wird. Die Medien sind ihre Treibhäuser. Die Durchdringung allen Zusammenlebens mit professionalisierter Kommunikation hat ihr die Blütezeit beschert. In der Mischung aus dem unterstellt vom Markt Gewollten und natürlicher Eitelkeit werden Menschen, Sachverhalte, mögliche Konflikte glatt gebügelt, um leicht verdauliche Kommunikationsfertigprodukte zu platzieren. Und wenn bei solcher Schöngestalt ein Kind oder ein Journalist hier mal die Wahrheit spricht, ergießt sich ein ganzes Heer von PR-Profis oder Medienjuristen oder beiden über die Frechen. Es gab mal den DDR-Sprech, hier das offiziell Gesagte und Geschriebene, dort das von (fast) allen ungesagt Gewusste. Aus dem DDR-Sprech von früher ist heute die geschmeidige Sprache der PR-Profis geworden. Und wer mal wider den Stachel löckt, kriegt gleich Unterlassungsaufforderungen profil- und profitsüchtiger Medienanwälte auf den Hals. Des Kaisers neue Kleider um jeden Preis.

PR ist nicht gleich Fake

Mit den Web-Communitys ist zunächst ein Gegengewicht zu den stromlinienförmigen Kommunikationswelten entstanden. Interessanterweise parallel zu deren immer größerer Perfektionierung. Und, keine Missverständnisse, PR ist nicht gleich Fake. Nur wird im Dilemma zwischen langfristigem Wahrheitslohn und kurzfristigem Schönheitsauftrag der erste eben doch häufiger geopfert, als es Lehrbücher ersehnen. PR trifft sogar auf unsere Natur. Die Camouflage, erst recht zum schönen Schein, ist Teil des Menschseins. Und cromwellscher Moralrigorismus fehl am Platz. Solange es nur der Unterhaltung und dem vertretbaren Selbsterhalt oder der Höflichkeit dient: geschenkt! Dann kann uns egal sein, ob Rennfahrerpärchen tatsächlich Glücksfamilien sind oder er’s doch mit seinesgleichen treibt. Oder Politiker zwei Privatleben leben. Gefährlich wird es mit der X-Gewalt, wenn Journalismus wider besseres Wissen seine Kriterien preisgibt. Und aktiv den Lügenschein mitverbreitet. Egal ob in Politik oder Boulevard. Und wenn in unbeabsichtigter Verschwörung aus Trägheit keiner mehr am System rüttelt. Kein Kind mehr “Der hat ja gar nix an!” ruft. Da ist die herkömmliche Medienwelt gefährdet. Aus Zeitdruck, Geldmotiv, Abhängigkeit, Machtlust. Und eben Trägheit.

Empörung wird über nüchterne Aufklärung gestellt

Die digitalen Netzwerke lassen sie allerdings bröckeln, die x-te Gewalt. Man merkt’s an den aufatmenden Kommentaren bei einem promikritischen Facebook-Status. Wenn’s zu dicke für zu viele kommt, entsteht die Gegenkommunikation. Und doch unterliegt auch das Web manchen ihrer Mechanismen. Da entziehen sich komplexe und Insider-Themen dem Community-Zugriff und deren Interesse. Da bestimmen Egotrips der digitalen Meinungsführer die Wahrheitsdefinition. Da wird Empörung über nüchterne Aufklärung gestellt. Nee, bloß nicht schon wieder “mehr Medienkompetenz” als Antwort. Vielmehr muss der alberne Gegensatz zwischen traditionellem Journalismus und der Blogosphäre aufgehoben werden. Beiden obliegt es, zusammen die x-te Gewalt, den Fake, zu entlarven. Eher ohne klare Freund-Feind-Bilder. Der Aufklärung dient Nüchternheit mehr als denunziatorische Häme. Selbstkritische Distanz ist der beste Wahrheitsfinder.

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