Von Teppichen, Verhaltensauffälligen, Lichtbildnern

von Jo Groebel25.02.2010Medien

Die Berlinale, ein Zirkus mehr oder weniger professioneller, mehr oder weniger eleganter, oft weniger, gezielt Intelligenter, Dummer, Aufdringlicher, Dezenter, Könner, Nichtskönner.

Öffentlichkeit ist hoch riskant. Wir sehen es beim Rücktritt der vermutlich integeren Bischöfin Käßmann. Neben dem eigenen Druck und möglichen weiteren Wahrheiten hatte sich auch die massive Berichterstattung auf den Umgang mit der Trunkenheitsfahrt ausgewirkt. Ihre Kirchenfunktion war und ist wichtig. Eine neue Dimension hatte sie ihr aber auch durch mediale Modernisierung gegeben. Öffnung des Privatlebens. Homestories. Ungezählte Fotostrecken. Da musste niemand auflauern. Da waren nicht an Stelle von Profifotografen Detektvbüros mit zweifelhaften Methoden eingesetzt worden, wie es wohl vor kurzem mit Politikern, Müntefering, Lafontaine, Seehofer, geschehen war. Fotos schaffen also Realität, nicht nur Abbildung. Im Alltag von Politik und Glamour ist es zu beobachten: Berlinale, roter Teppich. Noch nicht ganz vergessen. Gedränge derer, die als Stars oder Sternchen gerne auf dem Teppich bleiben. Gedränge aber auch bei den Garanten für den Ruhm, den Fotografen, fälschlich Paparazzi genannt. Hier werden nicht heimliche Privatsituationen abgeschossen. Hier posieren und positionieren sich, mehr oder weniger professionell, mehr oder weniger elegant, oft weniger, gezielt Intelligente, Dumme, Aufdringliche, Dezente, Könner, Nichtskönner. Beliebt sind auffällige Verhaltensweisen von oft Verhaltensauffälligen. Zahnarztbegeisternd aufgerissene Münder, sinnlos gespreizte Arme, Luftsprünge ins Leere. Hauptsache, man hat den Teppichkonkurrenten was voraus. Politiker bevölkerten vorübergehend auch sehr gerne die Laufstege der Eitelkeit. Bis die Wirtschaftskrise es nicht mehr schicklich erscheinen ließ, zu viel Gesellschaftsglanz zu verbreiten. Allenfalls ein zu Guttenberg darf sich das noch erlauben, da sein Glanz offenbar genetisch bedingt ist. So verschieden die Objekte der Objektive, so verschieden die dahinter, die Bildmacher. Da treffen langjährige Profis auf Schnappschussschützen. Da gibt es die gut Vernetzten, da gibt es die Schüchternen. Da fordern die Drängler, da warten die Vornehmen. Da treffen die Kreativgestalter auf die, die mit dem Objektiv auch Objektivität verbinden. Ihnen allen ist gemein, dass sie Währung schaffen und bewahren; mal gut, mal schlecht. Die Währung Medienaufmerksamkeit. Denn erst die garantiert den Abgelichteten Jobs, Geld, Zuneigung, Wählerstimmen. Bis hin zu denen, deren Starsein sich ausschließlich aus der Teppichpräsenz nährt. Der Begriff Teppichluder bekommt hier eine neue Bedeutung. Und selbst Toprollen werden nicht zwangsläufig nach bester Schauspielleistung besetzt. Vielmehr ist der vorhandene „Marktwert“, sprich die Häufigkeit von Stories und vor allem Fotos in der Presse ein zentrales Moment der Erfolgserwartung. Das gilt auch für die, der Name sagt es, Fotogenität öffentlicher Funktionsträger. Obama, zu Guttenberg, Käßmann bis zu ihrem Supergau: they got the looks. Von daher ist die demonstrative Verachtung, die manche ihren visuellen Währungshütern entgegenbringen, verfehlt. Als Paparazzi werden sie nicht wohlwollend bezeichnet. Angelehnt, kaum einer weiß es, an die Figur des Paparazzo aus Fellinis „La Dolce Vita“. Anita Ekberg im Trevi-Brunnen und so. Der feuchte Traum des modernen Paparazzo ist heute das Eine-Million-Dollar-Foto. Zufällig geschossen oder durch Jagd erbeutet. Z.B. Brad Pitt aktuell in Flagranti mit Jennifer Aniston. Oder der Toppolitiker mit seiner Geliebten, ohne gleich Detektivbüros einzuschalten. In der Realität kitzelt man als Nicht-Paparazzo , da eben nicht durchtriebener Bildjäger, die Eitelkeit von C- bis D-Promis, deren Nachhaltigkeit nicht länger andauert als der Blitz des Blitzlichts. Und muss sich fordernder PR-Agenten erwehren. Sich mit Freizeitfotografen ohne Ausbildung rumschlagen. Die Arroganz mancher nachgeordneter Eventmanager ertragen, deren Anlass man doch auch die visuelle Publizität verschafft. Und das mittlerweile zu Dumpingpreisen. Eingeschlafene oder eingefrorene Füße inklusive. Trotzdem funktioniert es im Interessensviereck ganz gut: Dem zwischen Stars, „Stars“ und Leitfiguren, also den manchmal unterbelichteten Belichteten; den Ereignisschaffenden und Sponsorenabhängigen; den Medien und ihrem Publikum; und natürlich den Lichtbildnern selbst. Richtig spannend wird es aber dann, wenn diese Interessenskonstellation kollabiert. Weil plötzlich unerfreuliche Ereignisse wie persönliche Krisen oder ungünstige Körperveränderungen den zuvor Aufmerksamkeitsheischenden nicht mehr öffentlichkeitsgeeignet erscheinen. Dann werden fiese Medienanwälte losgelassen. Dann wird der Zugang zu Pressekonferenzen verweigert. Dann erinnert man sich an die guten Beziehungen zu Verlegern. Dann werden Wenn-Du-nicht,dann-Du-Deals geschlossen nach dem Motto: Verzicht auf ungünstige Fotos bedeutet beim nächsten Mal Exklusivzugang zu ersehnten Stars. Alles kleine Erosionen der Pressefreiheit, eines unserer wertvollsten Güter. Mal abgesehen davon, dass Fotos auch Teil der Kultur sind. Die Abbildner mit einer eigenen Handschrift könnten eines Tages sogar den Museumsstatus eines Weegee oder des schweizerischen Polizeireporters Arnold Odermatt bekommen. Auch die waren zunächst reine Gebrauchsfotografen. Zeitzeugen sind die Visualprofis allemal. Und bezeugen, oft unfreiwillig, die unfreiwillige Komik der Scheingesellschaft, aber auch die echte Bedeutung. Wenn Substanz hinter dem Schönen steckt. Die besten hinter der Kamera zeigen beides, die inszenierten Gesichter. Und die Gesichter dahinter. Ohne aus dem Sumpf heraus Fallen stellen zu müssen.

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