Erholt euch

von Jo Groebel4.07.2012Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Wider allen Klischees sind unsere Politiker im Dauerstress. Deshalb sollten sie in der Sommerpause vor allem eines tun: sich wirklich zurückziehen. Öffentlichkeit aus.

Regierungsmaschinen fliegen mal eben einen Minister aus Mallorca zu einer Sommersondersitzung ein. Der Linienflug wäre nicht standesgemäß gewesen. So das Klischee, so oder ähnlich auch mal geschehen. Tatsache ist jedoch: “Unsere Volksvertreter”:http://www.theeuropean.de/debatte/9734-typus-berufspolitiker verabschieden sich mit Ende der Parlamentsperiode nicht von einem hoch dotierten faulen Job in noch fauler gestaltete Ferien. Mitten in der Krise – den Krisen – sind schon jetzt mehrere Sondersitzungen angesetzt, verlängern sich für die politische Klasse Anspannung, Arbeit und Aufregung auch anderweitig in die Urlaubszeit hinein. Wer auch nur eine kleine Ahnung vom Berliner Betrieb hat, kann die Parlamentarier nicht wirklich beneiden. Allenfalls um ihre manchmal gegebenen Gestaltungsmöglichkeiten, die aber schon mit dem nächsten Kompromiss, dem Widerstand aus den eigenen Reihen, den berühmten Sachzwängen wieder begrenzt sind. Chapeau also vor der Leistung, meist auch der Leidenschaft. Denn ohne die hält man das 24/7-Treiben kaum aus.

Bitte lasst die Öffentlichkeit außen vor

Bei normalen Arbeitnehmern dient die Ferienzeit nach der preußisch-asketischen Ursprungsidee der Regeneration, um wieder fit fürs fröhliche Schaffen zu werden. Genau das wünscht man unseren Entscheidungsträgern auch. Denn zu regenerieren gibt es eine ganze Menge. Private Beziehungen, körperliche Fitness, Distanz zum eigenen Tun, seelisches Durchatmen, Wiederentdeckung nicht-politischer Begeisterung, normalen Alltag, einfach mal sein. Dass selbst das dann in der Vergangenheit wieder zum Politikklischee wurde, zeigten die “Presseinszenierungen”:http://www.theeuropean.de/christina-holtz-bacha/9744-berufspolitiker-und-die-medien vermeintlicher oder tatsächlicher Erholung bevorzugt an heimischen Seen oder auf luftigen Höhen. Kohls Wolfgangsee ist hier immer noch Ikone. Merkels Badefotos lassen wir mal außen vor. Und auch Vorgänger Schröders medienwirksame Adria-Absage, als ihm 2003 Tourismusstaatssekretär Stefano Stefani durch Deutschenbeschimpfung den Italienurlaub versalzen hatte. *Mein Plädoyer:* Liebe Politiker, widmet Euch wirklich mal wieder der zwangsläufig vernachlässigten Familie, Ehe, Partnerschaft. Oder klärt eine brüchige Beziehung, selbst um den Preis der ehrlichen Trennung. Aber bitte lasst bei beidem die Öffentlichkeit außen vor. Und Finger weg von allen unter 18, sonst geht’s mit der Karriere schief. Nicht nur in Schleswig-Holstein. Tut, was Ihr wollt, auch wenn es nicht „korrekt“ ist. Zigarren rauchen, exotische Inseln besuchen, schlemmen, unvernünftigen Kram kaufen, laut Rockmusik hören, tanzen. Dabei sich nicht durch Fotografen erwischen lassen wie weiland Lafontaine bei den Jusos. Seid unvernünftig. Dass Vernunft das handlungsleitende Prinzip aller Politik sei, ist eh eine Chimäre.

Tut gar nichts, erholt Euch

Apropos CSU. Entdeckt das Kind in Euch. Nicht nur Seehofer hat wohl eine Modelleisenbahn im Keller, persönlich gesehen habe ich sie allerdings nicht. Wie wär’s mit der Puppenstube bei von der Leyen und Schröder? Nein, DAS kann man sich wirklich nicht vorstellen. Kocht. Eine “Herdprämie”:http://www.theeuropean.de/albert-wunsch/10692-das-unwuerdige-gezeter-ums-betreuungsgeld droht zumindest der Kanzlerin dabei noch lange nicht. Verausgabt Euch körperlich. Radfahren können ja zumindest Energieminister schon ganz gut. Wenn es sich dann auch noch in der Figur zeigt, umso besser. Da ist noch Luft drin, nicht nur in den Schläuchen. Tut gar nichts. Einmal darf auch der politikverdrossenste Bürger recht haben. Der Anruf vom Fraktionsvorsitzenden kommt eh jederzeit. Vielleicht ist das alles Euch selbstverständlich. Umso besser. Jedenfalls pfeift auf das Image, macht was Ihr wollt, lasst die Medien draußen. Nur, bitte, erholt Euch. Auch mal von Euch selbst. Und von uns, den kritischen Wählern.

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