Gemeinsam zusammen

von Jo Groebel1.01.2011Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Soziale Netzwerke machen Freundesbeziehungen immer oberflächlicher. Von wegen! Facebook und Co. bilden ein normales gesellschaftliches Universum mit allen herkömmlichen Facetten und vielen neuen. Alte Grenzen werden dabei immer mehr aufgelöst.

„Niemals!“, reagieren verschreckt die IT-Chefs wichtiger Behörden, als ich ihnen Anfang 2010 vorschlage, Mitglied eines sozialen Netzwerks zu werden. Oberflächlich, Aufhebung der Privatsphäre, gefährlich, lautet einhellig das “Verdikt der Mainframe-Generation(Link)”:http://www.theeuropean.de/jan-felix-schrape/4438-schattenseiten-von-facebook. Ungeprüft wird die Negativeinschätzung als Common Sense übernommen, Belege gibt es viele, und selbstverständlich können auch einschlägige Forschungsergebnisse zitiert werden. Menschen geben massenhaft Trivialitäten zum besten, die ins Netz gestellten und markierten Fotos scheinen zudem entweder lauter Hollywoodstars aus der Provinz zu zeigen oder bilden “witzige“ Privatexzesse ab. Und zumindest StudiVz und Facebook merkt man in Atmosphäre und Zeichenstruktur immer noch den studentischen Duktus an. Wenn dann auch noch Facebook-Gründer Zuckerberg journalistisch und filmisch irgendwo zwischen Autist und Gottseibeiuns angesiedelt wird, steht manchem der Niedergang des Abendlandes wieder einmal kurz bevor. Wie bei Einführung des Buchdrucks, des Telefons, des Films, des Fernsehens, des Computers.

Banalitäten wie aus dem wahren Leben

Und doch: Auch wenn nur wenige der Netzwerkfreunde als “echte“ Freunde bezeichnet werden können, mit denen man auch private Themen vertrauensvoll besprechen würde, haben Facebook und Co. den Kommunikationsraum insgesamt immens erweitert. Dass sich auf einer vergleichsweise jungen und doch schon fest etablierten Plattform die Formen des Umgangs miteinander erst allmählich verfeinern, ist völlig normal. “Netiquette“ jedenfalls ist längst selbstverständlich. Wer durch die Hintertür versucht, unerwünschte Botschaften loszuwerden, wird schnell decouvriert. Und die Banalitäten unterscheiden sich in nichts von denen aus jedem persönlichen Alltagsgespräch. Markierte Peinlichfotos kann man entfernen. Und kein vernünftiger Mensch geht mit entblößtem Allerwertesten auf den Marktplatz. Beim sozialen Netz sollte man es genau so wenig tun. Denn genau das ist es, ein großer Platz im besten Sinne des Wortes. “2011 wird dieser Platz sich mit noch mehr Qualität füllen(Link)”:http://www.theeuropean.de/christoph-koch/4574-widerstand-gegen-facebook. Es kommen immer mehr Gruppen hinzu, die alle Facetten des Zusammenlebens abbilden. Sie vermischen sich wie kaum je zuvor zu hochinteressanten neuen Gemeinschaften und bringen ihre Bildung und ihre jeweilige Erfahrungen mit. Da reicht das Foto einer Erstausgabenseite von Prousts “A la recherche du temps perdu“, um eine lebhafte Diskussion über das geniale Werk auf dem immer noch teenieverdächtigen Facebook auszulösen. Unglaublich, wer sich alles an dem Austausch beteiligt. Und welch neue Bekanntschaften dadurch entstehen. Wie oft teile ich ein kunstvoll gemachtes Video mit anderen und erhalte selbst Tipps über Ereignisse, Werke, Kontakte hoher Kulturqualität. Gerade wurde das soziale Netz selbst Auslöser für das Innehalten in der Trauer und deren Teilen, als viele vom Tod einer guten Freundin hörten.

Soziale und demografische Grenzen werden aufgehoben

Facebook und Co. bilden ein normales gesellschaftliches Universum mit allen herkömmlichen Facetten und vielen neuen. Neu sind die fließenden Übergänge zwischen privater und (semi-)öffentlicher Kommunikation. Neu ist vor allem, dass nicht nur geografische Grenzen aufgehoben werden, sondern auch über frühere soziale und demografische Schranken hinweg kommuniziert wird. Banal. Aber auch “wertvoll“. Denn die Netzwerke sind genauso intensiv, wie es ihre Nutzer sind. 2011 werden noch mehr Menschen mit Qualitätsansprüchen ihre Vorbehalte aufgeben. Und damit das soziale Web immer besser machen.

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