Wellen und Jachten

Jo Groebel30.09.2010Medien

Jo Groebel zum European und dem einen oder anderen Kolumnisten. Gratulation zum Einjährigen!

Den European gab’s schon mal in den 80ern. Als grenzüberschreitende Qualitätszeitung in der noch europaenthusiastischen Medienlandschaft platziert. Als der Herausgeber Maxwell in Schuldenberg und Fluten ertrank, versank auch das Blatt bis auf eine Marginalausgabe mit ihm. Diesem Schicksal zu entgehen, muss man dem Online-European, demnächst auch englischsprachig, gar nicht wünschen. Es geht ihm blendend. Allemal bei der Qualität von Gestaltung, Beiträgen und Autoren. Das European-Team hätte glatt die Maxwell-Jacht minus Untergang verdient. Da reiste der Hin- und Wieder-Essayist neben den hochkarätigen Lohnschreibern glatt mit. Mit oder ohne Lohn, die Kolumnisten, ex und jetzt, sind der Plattform roter Faden. Sie repräsentieren die Vielfalt (sic Europa!), man mag sie nicht, man mag sie, Zuneigung und Reibung sind jedenfalls garantiert.

Man mag es, man mag es nicht, Vielfalt ist garantiert

Da erfreut(e, siehe Archiv) Beate Wedekind mit den Gesellschaftsreportagen und bewies, dass rote Teppiche nicht nur Horte dummer Oberflächlichkeit sind, sondern auch Quell für intelligente Sozialanalysen sein können. Kein Wunder, dass sie auf Facebook eine Marcel-Proust-Debatte anstieß. Wer sich heute auf dem Berliner Parkett umschaut, findet zahlreiche Strukturen, Charaktere so wieder, wie sie der große Romancier schon für das Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts beschrieben hatte. Da bietet/bot Birgit von Heintze dem “neuen Exhibitionismus” gleich öffentlich gezeigtem Privatwohnstil stimulierende Ideen, aber genauso dem, der die Kemenate lieber privat hält. Très Berlin! Da ergötzt Jan Fleischhauer nach Spiegel, Bestseller und jetzt TV-Reportage mit ach so seltenen humorvoll-feingeistigen Konservativismen und ist doch nie ideologisch be- und gefangen. Jan, klasse!

Online-Journalismus ist Qualitätsjournalismus

Und dann der Chef. Den muss man einfach ‘neilasse ins Köppsche, helau (Achtung, Anspielung auf seine Mainzer Herkunft und katholische Affinität). Auch wenn er für den Klischee-Chefredaktor eigentlich viel zu informell, sympathisch und umgänglich ist. Selbst wenn er manchmal Attitude-Anfälle hat und dann den unerreichbaren Boss mimt. Sorry, lieber Alexander, Du bist einfach nett. Und das in der ursprünglichen, nur positiven Bedeutung des Wortes. Köstlich, wie sich ein Großherausgeber an dir rieb. Spitze, wie die Brahmanen des Gewerbes allmählich merken, dass Digitaljournalismus exakt die gleiche Qualität wie der gedruckte hat. Nur viel schneller und aktueller ist oder sein kann. Jedenfalls ist es einfach schön, den European zu lesen, für ihn zu schreiben, sich (manchmal) über ihn zu ärgern, seine Debatten zu verfolgen, seine tollen (!!!) Bilder zu genießen, sich inzwischen recht erfolgreich durch ihn hindurch zu navigieren, ihn nicht mehr missen zu wollen. Und jetzt den Erfolg des ersten Jahres mit ihm zu feiern. Glückwunsch euch und uns!

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