Die gläserne Werbung

von Jo Groebel28.01.2010Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Inzwischen nerven redaktionelle Fernsehbeiträge schon, da sie das schön bunte Werbefernsehen mit all seinen Verheißungen unterbrechen. Vielleicht gelingt es uns ja so, unsere Wirtschaft anzukurbeln. Dadadadadaa. Dadadadaaa.

Achtung! Dieser Beitrag richtet sich nur an die werberelevante Zielgruppe. Also: Mich nerven die redaktionellen TV-Beiträge, die mein Lieblingsprogramm immer noch unterbrechen. Verbraucherfreundliches Fernsehen, das einem in diesen schweren Zeiten unmittelbar Geld sparen hilft. Dadadadadaa. Dadadadaaa. Vertrauenerweckende Helfer tauschen, das zeigt mein Favoritenglasspot, blitzschnell jede Autoscheibe aus. Bis zu viermal der gleiche Spot pro Stunde. Da muss jemand besinnungslos viel Kohle mit einer Serviceidee machen. Der Traum jedes Deutschen wird erfüllt.

Dadadadadaa. Dadadadaaa.

Was kann es Schöneres geben: Ohne Kosten und ohne Verlust von Versicherungsrabatten wird jeder noch so kleine Kratzer, jeder Flecken, jeder Minisplitter entfernt. Dadadadadaa. Dadadadaaa. Wir kriegen was umsonst, sparen dabei. Und tun auch noch was für unsere Sicherheit. Zahlen tun andere. Die Versicherung. Die anderen Beitragszahler. Für den Rest aber DAS Geschäftsmodell. Werbeindustrie. Sender. Jinglekomponisten. Reparaturbetriebe. Nervenärzte. Dadadadadaa. Dadadadaaa. Doch das Ankurbeln der darbenden Medienindustrie geht noch weiter. Autoglaswerbung ist erst der Anfang. Jetzt schnell eine Firma gründen, die Pharmazeutika gegen zwanghaftes und hysterisches Nachsingen von Werbejingles aus Autoglas- und anderen Spots herstellt. Dadadadadaa. Dadadadaaa. Dann Spots schalten. Nicht kleckern. Wie wär’s mit einer Dauerwerbesendung? Zumindest mit ständiger Wiederholung. Der Clou: Die körperlichen Beschwerden entstehen erst durch den Spot. Und er hilft, sie dann wieder zu bekämpfen. Im selbstreferenziellen System Fernsehen eine neue Drehung. Von Unternehmensberatern lernen, heißt kassieren lernen: Problem erst schaffen, dann lösen! Hier zahlt dann die Krankenversicherung. Jede Bank investiert sofort in dieses Vorhaben. TV-Spot implizierte Nervenbelastung. Und selbstverständlich die Schadenersatzklagemöglichkeiten wegen fernsehverursachter Nervenzerrüttung. Zunächst die Zahlung durch die eigene Rechtsschutz-, dann durch die gegnerische Haftpflichtversicherung. Dadadadadaa. Dadadadaaa. Also loslegen. Die Wirtschaft wird wieder angekurbelt. Kostenintensive Fernsehbeiträge aus dem Normalprogramm werden überflüssig, die Refinanzierung des Spot(t)-TV steht.

Wie gut, dass uns das Unternehmen vor sich selbst warnt

Das Verbraucherfernsehen geht weiter. Schlechter Service? Flugs einen Vertrauensspot schalten. Da scheint ein Diensteanbieter für Telekommunikation ein paar unzufriedene Kunden zu viel gehabt zu haben. Abhilfe naht. Jetzt kümmere er sich um jeden Kunden persönlich, verspricht uns ein “Sympathieträger”, irgendwo zwischen Dorfdiskobesitzer und unduldsamem Jungbeamten mit hessischem Einschlag. Wer vielleicht noch nichts zu meckern hatte, wird erst jetzt hellhörig. Wie gut, dass uns das Unternehmen vor sich selbst warnt. Auch selbstreferenzielles Fernsehen. Diesmal andersrum. Ich jedenfalls hol mir jetzt erstmal ’ne neue Windschutzscheibe. Dann die Antijinglepille. Dann geh ich zum Anwalt. Dadadadadaa, Dadadadadaaa. PS: Übrigens, wussten Sie schon, dass Ihre Hausratsversicherung bei Staubschäden den alten Fernseher durch einen neuen ersetzt? Dadadadadaa. Dadadadaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa … PPS: Haben wir diese Hölle der Miserabelwerbung wirklich verdient? Oder verdient auch hier nur die Melange aus gerissenen Kettenbetrieben, trostlosen Kreativen und den armen Sendern? Immerhin wirkt es doch …

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