Duisburg – ein Ende

von Jo Groebel30.07.2010Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Das Unglück von Duisburg hat allenthalben der Event-Sucht der Veranstalter ein Ende gesetzt. Die Technokultur bleibt davon unbeeinträchtigt. Wer jetzt den Abgesang eines Zeitalters anstimmt, verkennt, dass Techno gesellschaftspolitisch nicht mehr als eine Marginalie darstellt.

1969 starb in Altamont der Traum einer besseren Hippie-Gesellschaft. Während eines Freikonzerts der Rolling Stones wurde Meredith Hunter von Hell’s Angels erstochen. Tote bei Konzerten der Toten Hosen und Pearl Jam bekamen später weniger symbolische Aufmerksamkeit. Doch wenn eine Bewegung sich mit den Insignien der Liebe schmückt, als Loveparade “demonstriert”, liegt die Versuchung nahe, mit Duisburg erneut das Ende eines unbeschwerten musikalischen Zeitalters zu beschwören. Techno hatte anders als die 60er-Kultur nie wirklich den Anspruch, an einer besseren Gesellschaft zu bauen, allenfalls, sich selbst zu verwirklichen, im Gemeinschaftsgefühl oder gar im Rausch die Abwesenheit von Alltagsdruck und Konflikten zu feiern. Es gab keinen ansteckenden Enthusiasmus für alle Lebensbereiche, keine flankierende Theorie, keine Korrespondenz zu ernsthaften Gesellschaftsreflektionen, wie es, wie naiv auch immer, in der Aufbruchsstimmung der Sechziger geschehen war.

Gesellschaftspolitisch eine Marginalie

Denn bei Techno hatte man sich schon längst der Realität angepasst, nie ernsthaft versucht, diese sich anzupassen, jedenfalls nicht bei klarem Verstand. Die Bewegung in allen Bedeutungen des Wortes war den meisten eine des Feierabends, sehr schnell auch eine des Marktes. Musik- und kulturhistorisch vielleicht interessant, gesellschaftspolitisch eine Marginalie. Und damit ehrlich. Insofern kennzeichnet die Duisburg-Katastrophe auch kein Ende eines Zeitalters, weil es gar keines war. Selbst Altamont war eher eine Projektionsfläche für die zufällige Synchronität zwischen der Gesamtverabschiedung einer Illusion und einem singulären Ereignis. Die Musik hatte sich zu dem Zeitpunkt schon längst von psychedelischen Fantasien verabschiedet. Die Stones und die Beatles hatten bereits 1968 wieder harte Töne angestimmt, “Jumpin’ Jack Flash”, “Helter Skelter”. Ein Dr. Motte ist bei allem Respekt nun kein Jagger oder Lennon. Und insofern waren seine Kommentare zu Duisburg vernünftigerweise auch kein Abgesang auf eine von ihm mitbegründete Kultur, sondern beschränkten sich auf die Verantwortung für die Katastrophe. Wenn etwas endete, dann war es etwas gar nicht erst Begonnenes. Nämlich der Wiederaufstieg einer trostlos gewordenen Stadt. Und vielleicht endete auch die Verselbstständigung einer Ereigniskultur, in der sich depressive Stadtväter Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Verjüngung von einer nicht gerade seelenvollen Routine großer Massenfeiern erhofft hatten. Wie viel Schuld Bürgermeister, Veranstalter etc. auch immer treffen mag, ihr Treiben mag seelenlos gewesen sein, sie selbst sind es sicher nicht.

Eine Kurzdosis sedierender Verzweiflungshoffnung

Wenn eine Eva Hermann in einem unbedachten Lapsus von Drogenkultur spricht, mag das für etliche Teilnehmer sogar stimmen. Sicher stimmt es für die grau gekleideten Funktionäre, denen ein Jugendgroßereignis eine Kurzdosis sedierender Verzweiflungshoffnung hätte sein können. Denn die Überbeanspruchung von Events als Heilmittel für alles Mögliche reiht sich ein in die Überschätzung gemachter Kommunikation in Schaffung, Bewertung und Verarbeitung von Realität. Vermutlich hätte ein besseres “Image” Duisburg nicht wirklich einen zusätzlichen Arbeitsplatz verschafft. Dies immer wieder vorzugaukeln gehört in den Zauberkasten moderner PR-Profis. Die jetzige Sprachlosigkeit der Verantwortlichen ist wenigstens ehrlich. In der echten Trauer der Menschen ist Duisburg nun ganz bei sich. Und schafft eine Zuneigung, die nichts mit “Image” und “Events” zu tun hat.

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