Enke, was jetzt

von Jo Groebel17.11.2009Gesellschaft & Kultur

Jo Groebel über die längerfristigen Konsequenzen der öffentlichen Trauer um Robert Enke.

Der Alltag ist wieder eingekehrt. Enkes Selbstmord aus den Schlagzeilen verschwunden. Jetzt folgt nach Live-Trauer, Spiegel-Titel, ARD-Specials die unauffälligere Zweitverwertung in Monatsmagazinen und vermutlich auch Fachjournalen. Immerhin ist das Thema Depression jetzt auf der Agenda. Und damit Anlass für die Metaanalysen. Über die Funktion Prominenter für Themensetzung. Über den Druck auf den modernen Mann. Über die Leistungsgesellschaft. Kaiser und Kissler haben hier in The European völlig recht: Ganz wehleidig wird à la mode wieder einmal ein persönliches Los gleich der Kälte des ganzen Zusammenlebens zugeschrieben. Als ob man mit einem essayistischen Federstrich die ganze Komplexität eines Krankheitsverlaufs ferndiagnostizieren könnte. Allerdings wird der 10. November nicht gleich zu einem historischen Marker werden wie der 11. September, außer vielleicht in Hannover.

Angeblich “natürlichen” Zwangsverbindungen aus Stärke und Spiel

Der Fußball wird sich nicht gleich ändern, Depression, wie die vermeintliche Schwäche Schwulsein, nicht sofort mit der Männerdomäne vereinbar sein. Und doch erodieren mit der öffentlichen Trauer die angeblich “natürlichen” Zwangsverbindungen aus Stärke und Spiel, aus Wettkampf und Kälte weiter. Die Witwe Enke hat es vorgeführt. Eine Frau hat uns gezeigt, dass öffentliche, medial bis zum Boulevard vervielfachte Trauer mit Würde einhergehen kann. Dass ein Mensch in der schwächsten Stunde die größte Stärke ausstrahlen kann. Bierhoffs Tränen setzten dies auf Mannesseite fort. Es sind solche Bilder, die Realität verändern. Das Ernstnehmen der Depression. Das Weichsein eines Mannsbildes. In der Trauer vermutlich erotischer als zwanzig Siegerposen.

Wegbereiter für gesellschaftliche Veränderungen

Sport und Unterhaltung waren immer schon Vehikel, gar Wegbereiter für gesellschaftliche Veränderungen. Vielleicht wichtiger als akademische Analysen und ideologische Pamphlete. Netzers Revoluzzerattitüde öffnete in den 70ern dem Reformduktus die Köpfe der (Klein-)Bürgergesellschaft, vulgo Spießertum. “Dynasty” (“Denver Clan”) machte in den USA mit einer einzigen, nicht karikierenden Rolle Homosexualität selbst bei der Moral Majority ansprechbar, gar salonfähig. Bei allem Respekt vor Alice Schwarzer: Das Bild der gleichberechtigten Frau hatte sich ereits in den 60ern durch die Hintertür in Deutschland etabliert. Jetzt also Enke. Und seine Witwe. Tröstlich vermutlich, dass, Kissler hat’s geschrieben, der Tod den Nachlebenden einen Sinn macht. Vielleicht im Jenseits. Sicher hier. Denn wenn die einfachen Zuweisungen à la Leistungsdruck und Mannestum verblasst sind, bleiben in den Köpfen neue Verbindungen. Dass medialer Overkill mit Aufklärung einhergehen kann. Kann! Dass öffentliches Image nichts, aber auch gar nichts mit dem privaten Sein zu tun haben muss: Bewunderung und Anbetung vertreiben nicht Todestrauer. Sympathieträger können Idioten sein, Kotzbrocken warmherzige Seelen. Kluge Köpfe dummes Zeug reden. Bekannt. Jedoch vor allem: Öffentlichkeit bedeutet überhaupt nicht Peinlichkeit. Durch das öffentliche Private von Immerschon- oder Dadurch-Prominenten kommen gleichsam kathartisch Veränderungen in Gang. Die Medien sind zwar nicht die Botschaft. Aber sie bringen nach oben, was schon irgendwo diffus herumschwirrte. Depression darf, ja muss geäußert werden. Trauer darf man hinausrufen. Und Männer sind dann keine bedrohte Spezies, wenn sie die unendlich beschworene Mischung aus schwacher Stärke und starker Schwäche endlich hinkriegen. Selbst im Fußball. Und gegenüber anderen Männern. Frauen finden das eh umwerfend.

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