Kukident und Caipirinha. Und Koch

von Jo Groebel26.09.2009Gesellschaft & Kultur, Medien

Was kann das ZDF denn überhaupt noch? Nicht viel, meint Jo Groebel, Medienpsychologe aus Berlin. Es hat aber noch viel Potenzial. Auf dem Alten aufbauen, als das ZDF noch die Avantgarde der öffentlich-rechtlichen Sender war. Allein es fehlen junge kreative Köpfe. Die bleiben aus, solange der Gremienproporz auf dem Lerchenberg regiert. Da bleibt nur eins: die Alten wegmobben.

Am Montag kanns das ZDF. Das Beste deutscher Fernsehfilme, connaisseurige US-Produktionen, wilde TV-Experimente. Chapeau! Aber dann verzweifelte Bemühungen um Jugendlichkeit. Telenovelas, die selten funktionieren. Jahrmarkts-TV. Nur wegen der hirnrissigen Währung “werberelevante Zielgruppe” nicht im Kommerz. Nicht zuletzt fiese Gremienränke. Der ARD war das ZDF mal, was heute die Privaten den Öffentlich-Rechtlichen sind. Leichter, unterhaltsamer, actionreicher, angeblich auch oberflächlicher. US-Serien, Pop-Appeal, frühe Reality à la “Aktenzeichen XY”. Und Schweinchen Dick. Kaum zu glauben, aber der als “Adenauer-Fernsehen” gelobte und geschmähte Sender war auf der katholischen Rheinschiene ein erster Abschied vom staatsoffiziellen TV.

Das Dilemma des ZDF

Heute gilt fürs ZDF ganz besonders das Dilemma: Ist man zu “kulturell”, wird über Gebührenverschwendung geklagt, zugunsten weniger. Ist man zu populär, gilt man als subventionierte Direktkonkurrenz zu den Privaten. Aber trotz dutzender Auftragssender und verzweifelten Quotenstrebens fehlts völlig an öffentlich-rechtlicher Attraktion für die Web-Generation. Die Chance fürs ZDF! Keine teuer erkauften Berufsjugendlichen wie Pilawa mehr, sondern konsequent ran an die echten Jungen. Und dann von Kukident zu Caipirinha. Quoten weit unterm 10-Prozent-Niveau für Teenager & Co: jetzt keine Chance auf breite Initiation. Dabei brauchen Alt und Jung ein paar von den ZDF-(und ARD-)Funktionen auch im Digitalzeitalter. Her also mit der richtigen ZDF-Radikalkur. Als Jugend- und Zukunftssender. An der ARD vorbei, die dazu mit ihren Hunderten Gremienmitgliedern mehr noch weniger in der Lage ist. Und mit den Tugenden, die auch Web-Communitys und gewinnabhängige Sender nicht garantieren können:   *Information*. Wahrheit kommt nicht durch Mehrheit zustande. Twitter ist als Quelle prima. Das Web ersetzt aber keine aufwendigen internationalen Korrespondentennetze, die sich übrigens selten direkt refinanzieren. Qualitätsjournalismus also. Die ZDF-Struktur ist da.   *Pluralismus*. Das ZDF sendet für alle. Naja, sollte. Neue Gruppen sind entstanden, die wenig vorkommen im TV. Wo sind Millionen JUNGE Menschen mit “Migrationshintergrund” repräsentiert, wo die Digikids? Verständigung mit allen. Auch Unterhaltung hat ’ne Funktion. Nicht als Quotenbringer. Sondern als Plattform für viele. Gottschalk schafft so was. Michelle Hunziker? Naja. Eine echte Intelligenzgöre wär genialer gewesen. Typ Mieze von Mia. Oder so. *Innovation*. TV ist Kulturgut, das ZDF setzte in den 60ern und 70ern Maßstäbe. Das wirkt heute noch nach. Nur: neue Formen, neue Formate mit Risiko? Fehlanzeige. Stattdessen Weiterführen des Bewährten. Ist ja gut. Verzweifelte Versuche, den Erfolg anderer zu imitieren, Telenovelas und Co. Ist nicht gut. Also ran an den Speck. Innovation muss nicht teuer sein. Sie braucht nur Sendeplätze. Und online da, wo man nicht anderen die Kohle streitig macht. Ob all das für ZDFneo zutrifft? Mal sehen!

Bleibt die Intrige?

Auch ministerpräsidentenstolze Bloggerjournalisten mit “Mut” zur Hinterherabrechnung kommen kaum an die Interna ran. Doch beim öffentlichen Eindruck haben sie sogar recht. Machtpoker und gremienpolitisches Reinregieren à la Koch schaden dem Sender mehr, als es mögliche (!) Personalprobleme hinkriegen. Lasst also Sympathieträger im Amt, beweist Führungskraft durch Dialog, nicht Ränkespielchen. Die helfen nicht beim Umbau. Zum Jugendsender ZDF, der – bestenfalls – Zukunft des Fernsehens.

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