Was alte und neue Netzwerke können und wollen

von Jo Groebel22.10.2009Gesellschaft & Kultur, Medien

Die Mutter aller Netzwerke ist der Club: Er ist offline, hat schwere Ledersessel und funktioniert auch im Zeitalter von Online-Communities noch vortrefflich. Soziale Abgrenzung als Motor – auch für gute Taten. Facebook und Co werden das nie erreichen.

Es begann als Herrenclub. In Chicago vor mehr als 100 Jahren. Einige Honoratioren wollten interessens- und ideologiefrei der Gesellschaft an Gutem zurückzugeben, was sie selbst positiv erfahren hatten. Rotary war geboren, bald schon international.

Rotary 2.0

Und damit fast ein Vorläufer der heute senkrechtstartenden sozialen Netzwerke im Web. Diese verdrängen mehr und mehr die traditionellen freiwilligen Gemeinschaften. Oder? Nützlich sind jedenfalls Netzwerke immer. Das haben sie mit den noch älteren legendären Clubs gemein, die allen voran im London des 18. und 19.Jahrhunderts entstanden waren, White’s, Atheneum, Reform. Elitär alle, geheimnisumwoben oft. Und der Karriere durchaus förderlich, mal politisch, mal für den Job. „Dazugehören“ war halt schon immer ein erstrebenswertes und erhöhendes Sozialprinzip. Selbst wenn in den 1968ern der Spruch populär wurde: „Einem Club, der mich aufnimmt, möchte ich nicht angehören.“ Diese Koketterie zieht kaum noch. Trotz der Snob- Attitüde, mit der manche Mitglieder welcher Gesellschaft auch immer genau diese gerne runtermachen. Und sich in eine andere, selbstreferentiell-klugscheißerische einreihen. Bei Facebook oder StudiVz wäre das Motto eh nur lachhaft. Apropos Gesellschaft. Auch diese, die so genannte gute, schmückt sich natürlich nur zu gerne mit dem tatsächlichen Guten. Wohltaten für Bedürftige, Gehandicapte, Gebeutelte sind geschickte Vehikel, um bei Charity-Galas freudig die soziale Arriviertheit zu demonstrieren. Auch wenn die üppigen Dinners zu Hungernden-Dias geschmackliche Drahtseilakte sein können: Erkleckliche Sümmchen kommen so zusammen. Der Mensch ist tatsächlich von Natur aus gut. Meist allemal zu sich selbst. Und er liebt die Gemeinschaft. Und kennt vielfältige Möglichkeiten, all dies miteinander zu verbinden. Besser denn je mit Facebook und Co. Auch als Ausgangspunkt für den Realkontakt. Und seine Fortsetzung im Netz.

Soziale Verantwortung inklusive

Lassen wir die archaischen Stämme mal außen vor, dann ist die Kulturgeschichte auch eine der unterschiedlich definierten Gemeinschaften. Die jeweiligen Begriffe signalisieren es schon. Der Club das gemütlich-wohlige Beisammensein einiger weniger auf Einladung. Bei Rotary, Lions und Co. bis heute ein Kernmerkmal. Gepflegte Unterhaltung und soziale Verantwortung inklusive. Die Community die freundliche, weltumspannende Massierung möglichst vieler im virtuellen Dauerkontakt. Emotional und expressiv. Als ASW so’n bisschen clubby. Die „Gesellschaft“ eine informelle Größe. Geregelt durch Status, Einfluss und differenzierte Riten und Codes. Nie besser karikiert als bei Marcel Proust. Das Netzwerk schließlich ein meist ebenfalls informeller Verbund rund um gegenseitige Interessensbedienung. Sei’s in den Lounges, sei’s bei XING. In der FAZ vor kurzem trefflich beschrieben als jederzeit aufkündbare Kontaktstruktur, die eher situativ als durch langfristige Loyalität funktioniert. Ersetzen nun die virtuellen Netzwerke die physischen? Natürlich nicht. Auch wenn Personalchefs bei Facebook und StudiVz nach Kompromittierendem suchen. Für den positiven Eindruck bedarf es immer noch des Aug’-in-Aug’. Und auch rotarische Wohl-Taten funktionieren nur in Realität. Mit Klingeldosen und vielem mehr hat bis zum 24.Oktober 2009 der Club weltweit ein paar hundert Millionen Dollar zusammenbekommen. Mit einem Ziel. Die sehr reale Kinderlähmung weiter auszurotten. Gemeinsam mit der Stiftung von Bill Gates. Auch den gibt’s nur real.

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