2011 war ein schlechtes Jahr für böse Jungs. Srdja Popovic

Zur Trauer um Notre Dame

Durchaus liebenswerte und intelligente Menschen beklagen jetzt in den sozialen Medien, dass so viele bestürzt auf den Brand der Pariser Kathedrale reagieren, zugleich aber kaum noch Notiz nähmen von den Hunderten täglicher Toter auf der Flucht, in Kriegen, durch Hungersnöte.

So, als würde man mit der Betroffenheit über das Feuer das Mitleid mit menschlichen Opfern (noch weiter) reduzieren. Pardon, aber das entbehrt jeder Logik. Ja, es ist schlimm, dass wir abgestumpft sind gegenüber dem Leid vieler Menschen. Wobei noch wichtiger als emotional unverbindliche Anteilnahme echtes Handeln wäre: Spenden, Aufnahme Hilfsbedürftiger, deutlicheres Engagement für die Bekämpfung der Ursachen dieses Leids. Allerdings korreliert dies überhaupt nicht positiv oder negativ mit den Notre Dame-Reaktionen. Eben nicht: je weniger Einfühlung für die einen, desto mehr für das andere. Oder umgekehrt. Emotionen sind kein Nullsummenspiel. An so was glaubt allenfalls noch Trump.

Psychologisch sind die beiden Gefühlslagen völlig unabhängig voneinander zu sehen. Die schiere Masse dauernden Menschenleids macht uns hilflos, lässt uns, leider, scheinbar, ja nur scheinbar, gleichgültig werden, da wir ob der meist mangelnden Beeinflussbarkeit sonst schlicht wahnsinnig werden müssten. Wie schnell wir auch hier wieder zur Empathie zurückkehren, zeigen die archetypischen Bilder von Einzelschicksalen, toter Junge am Strand, früher fliehendes Mädchen in Vietnam. Die Kraft der Bilder hat dabei sogar die Politik verändert.

Um Bilder geht es auch bei Notre Dame. Bilder von weit mehr als einer Touristenattraktion. Die Flammen erschüttern uns, weil sie etwas zu vernichten drohten, zum Teil vernichtet haben, was für uns im Guten wie im Schlechten für die Geschichte, für die Werte unseres europäischen Kontinents stehen. Im Schlechten für Machtkämpfe, für autokratische Anmaßung. Vor allem aber im Guten für die im Ur-Christentum verankerte Idee des Humanismus, für Zugehörigkeit zu einer sozialen Gemeinschaft, für Zivilisation und Kultur, für eine überdauernde Idee. Für Schönheit von weit mehr als künstlerischer Ästhetik.

Vielleicht brauchen wir die Erschütterung, um zur Besinnung zu kommen. Notre Dame wurde in den Grundfesten erschüttert. Aber sie ist stehengeblieben. Solchen Grundfesten sollten wir uns wieder jenseits der Symbole verschreiben. Den europäischen Werten, einer humanen Gesellschaft, der Zugehörigkeit zu Gemeinschaft, die an mehr glaubt als an materiellen Nutzen. Dies schließt dann das Mitleid mit dem anderen nicht aus. Es legt vielmehr nahe, dem anderen Menschen helfend beizustehen. Gerne im Schatten der Notre Dame.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Tim Segler, Beatrice Bischof, Holger Klein.

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