Zur Trauer um Notre Dame

von Jo Groebel20.04.2019Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Medien

Durchaus liebenswerte und intelligente Menschen beklagen jetzt in den sozialen Medien, dass so viele bestürzt auf den Brand der Pariser Kathedrale reagieren, zugleich aber kaum noch Notiz nähmen von den Hunderten täglicher Toter auf der Flucht, in Kriegen, durch Hungersnöte.

So, als würde man mit der Betroffenheit über das Feuer das Mitleid mit menschlichen Opfern (noch weiter) reduzieren. Pardon, aber das entbehrt jeder Logik. Ja, es ist schlimm, dass wir abgestumpft sind gegenüber dem Leid vieler Menschen. Wobei noch wichtiger als emotional unverbindliche Anteilnahme echtes Handeln wäre: Spenden, Aufnahme Hilfsbedürftiger, deutlicheres Engagement für die Bekämpfung der Ursachen dieses Leids. Allerdings korreliert dies überhaupt nicht positiv oder negativ mit den Notre Dame-Reaktionen. Eben nicht: je weniger Einfühlung für die einen, desto mehr für das andere. Oder umgekehrt. Emotionen sind kein Nullsummenspiel. An so was glaubt allenfalls noch Trump.

Psychologisch sind die beiden Gefühlslagen völlig unabhängig voneinander zu sehen. Die schiere Masse dauernden Menschenleids macht uns hilflos, lässt uns, leider, scheinbar, ja nur scheinbar, gleichgültig werden, da wir ob der meist mangelnden Beeinflussbarkeit sonst schlicht wahnsinnig werden müssten. Wie schnell wir auch hier wieder zur Empathie zurückkehren, zeigen die archetypischen Bilder von Einzelschicksalen, toter Junge am Strand, früher fliehendes Mädchen in Vietnam. Die Kraft der Bilder hat dabei sogar die Politik verändert.

Um Bilder geht es auch bei Notre Dame. Bilder von weit mehr als einer Touristenattraktion. Die Flammen erschüttern uns, weil sie etwas zu vernichten drohten, zum Teil vernichtet haben, was für uns im Guten wie im Schlechten für die Geschichte, für die Werte unseres europäischen Kontinents stehen. Im Schlechten für Machtkämpfe, für autokratische Anmaßung. Vor allem aber im Guten für die im Ur-Christentum verankerte Idee des Humanismus, für Zugehörigkeit zu einer sozialen Gemeinschaft, für Zivilisation und Kultur, für eine überdauernde Idee. Für Schönheit von weit mehr als künstlerischer Ästhetik.

Vielleicht brauchen wir die Erschütterung, um zur Besinnung zu kommen. Notre Dame wurde in den Grundfesten erschüttert. Aber sie ist stehengeblieben. Solchen Grundfesten sollten wir uns wieder jenseits der Symbole verschreiben. Den europäischen Werten, einer humanen Gesellschaft, der Zugehörigkeit zu Gemeinschaft, die an mehr glaubt als an materiellen Nutzen. Dies schließt dann das Mitleid mit dem anderen nicht aus. Es legt vielmehr nahe, dem anderen Menschen helfend beizustehen. Gerne im Schatten der Notre Dame.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Ursula von der Leyen ist eine überzeugte Europäerin

„Der Prozess war schwierig, hat Wunden geschlagen und bedeutet einen Rückschritt gegenüber dem 2014 Erreichten. Das Geschehene muss aufgearbeitet werden, damit die Bürgerinnen und Bürger 2024 unter deutlich besseren Voraussetzungen zur Europawahl gehen können. Heute gilt aber: Die überpartei

Wie ein Präsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und ausländischen Freunde der Ukraine ist entsetzt über den Ausgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und Geschäftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in Brüssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erläutert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und Parlamentspräsident, sowie den Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grünen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der über dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu