Über den Wert von Bildern, über den Wert von Fakten

Jo Groebel19.09.2018Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Willkommen im Zeitalter der wahren und fast wahren Bilder. Immer noch. Der Augenschein ist zunächst nicht mehr als dies: ein Schein. Und doch bewegen Bilder die Welt in der Regel mehr als abstrakte Fakten. Das war schon in der Steinzeit so. Es gilt bis heute, vermutlich sogar mehr denn je, für Politik und Gesellschaft, für die Wirtschaft, für die Bewertung eines Unternehmens.

_Traditionell weit vorne: Werbung für Schuhcreme, damals wie heute durch die Firma Werner und Mertz hergestellt; seit einien Jahren beschäftigt sich die Firma auch mit Recyclaten, also wiederverwendetem Plastikmüll._

In den letzten Wochen wurde viel über den Wahrheitsgehalt von Bildern debattiert. Bis hin zu Karriereauf- und abstieg eines Verfassungsschutzchefs. Zunächst hatte es offenbar visuell belegte Hetzjagden gegeben, dann wurde bezweifelt, dass die Aufnahmen echt sind, dann die Echtheit doch wieder bestätigt. Die Fakten treten häufig erst sehr viel später zu Tage. Und so wie in der Politik ist es in der schönen neuen Welt der Wirtschaft: Kaum stecken die Videos von optimistisch und charismatisch wirkenden Firmengründern und die schicken Verlaufskurven wilder Zukunftsvisionen die Anleger an, schon schnellen die Kurse nach oben. Zumal in der Ära digitaler Träume. Auch wenn zum Teil über Jahre hinweg die tatsächliche Performance zu wünschen übrig lässt. Der werte Leser kennt das ein oder andere aktuelle Beispiel. Wie heißt es so schön: „Die Phantasie hat der Aktie Flügel verliehen.“

Die Macht der Bilder kommt natürlich auch zum Tragen, wenn es um einige der ganz großen Themen der heutigen Zeit geht. Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Volkswirtschaften, das Überleben unseres Planeten. Ich tausche mich dazu regelmäßig mit dem Mainzer Mittelständler Reinhard Schneider und seinem Team von Werner und Mertz aus, unter anderem bekannt für die deutschen Traditionsmarken Frosch und Erdal. Das Unternehmen hat mit der Recyclat-Initiative Lösungen zu einem wirksamen 100-Prozent-Kreislauf für Plastikbehältnisse vorgestellt und in der Praxis umgesetzt. Verbraucher honorieren diese Initiative. Die Umsätze zeigen es. Und die entsprechenden Analysen, Ergebnisse, Lösungen wurden und werden in Fachwelt und Wissenschaft viel beklatscht.

Ein immer noch unterschätztes Thema

So richtig ab geht das Thema Plastikmüll im Meer aber wieder mal erst in den Medien, wenn ein junger Held, der Niederländer Boyan Slat, in einer Einzelaktion verspricht, er könne ‘mal eben die Welt retten’. Wenig bewegt beim Umweltschutz derzeit die Gemüter tatsächlich so sehr wie die Bilder eines vermüllten Ozeans. Eklig wirkende Plastikflaschen verdrängen da offenbar den Lebensraum von Fischen, verschmutzen das, was ehemals Traumstrände waren. Vor all dem muss man ob der Riesenmenge, ob der Komplexität des Problems, ob der unzähligen möglichen, aber abstrakt bleibenden Lösungen durch die Wissenschaft dann zunächst einmal kapitulieren. Psychologisch entsteht die ‘erlernte Hilflosigkeit’, eine Art innerer Ohnmacht.

Und dann naht die vermeintliche Rettung in Gestalt eines aufrechten Schleppnetzaktivisten. Er ist jung, er ist dynamisch, er ist idealistisch. Nebenbei kommt er auch noch visuell gut rüber. Sein Optimismus überträgt sich auf den nur zu willigen, aber eben bislang hilflos-ohnmächtigen Bürger, der ja auch noch ein paar andere Sorgen und Befürchtungen hat. Trump, Terror, Migration, wir konnten es soeben erneut den aktuellsten Angstrankings entnehmen. Mijnheer Slat geht dagegen freundlicherweise davon aus, dass man wenigsten des Plastiks Herr werden kann. Dass man nämlich in fünf Jahren mit jeweils rund 500 Meter langen und drei Meter tiefen Seilkonstruktionen tatsächlich mal eben den Pazifik vom Müll befreien könne. Zur Erinnerung: Wir reden über eine See von etwa 162 Millionen Quadratkilometern und einer Tiefe von bis zu 11.000 Metern. Atlantik und Indischen Ozean gar nicht mitgerechnet. Ach ja – 500 Meter Seil? Drei Meter tief? Fünf Jahre? Weltrettung. Von möglichen Kollateralschäden durch mitgefischte Meerestiere, von der Unmöglichkeit, Mikroplastik einzufangen, rede ich nicht einmal.

Die hübsche Retterin an Rios Strand

Das alles, die Zahlendimensionen, die unsichtbaren Schäden – es bleibt abstrakt. Die Rettungsbilder dagegen sind konkret. Auf den hässlichen Müll folgen die hübschen Retter, auch an Rios Stränden, wenn sonnige Models in konzertierter Aktion ein paar Flaschen einsammeln. Der Wunsch nach Lösung ist der Vater des Gedankens und der Aktivität. Genau das ist das übrigens wirklich Lobenswerte an solchen Geschichten, an den Bildern, die sie produzieren. Man wird auf ein Thema aufmerksam. Man steigt emotional ein. Man entwickelt Hoffnung, dass man was machen kann. Aber eben dies, die Hoffnung, könnte in Wirklichkeit der Pferdefuß sein, wenn sich nämlich jetzt alle außerhalb der Fachwelt beruhigt zurücklehnen. Wenn man glaubt, nicht mehr an wirklichen Lösungen arbeiten zu müssen. Die nette junge Generation scheint es schon zu richten. Da wird dann der Augenschein unfreiwillig zur Augenwischerei.

Ich setze dagegen. Ja, wir brauchen die aufrüttelnden Bilder über das Problem des Plastikmülls. Oder auch ganz anderer Herausforderungen. Ja, wir brauchen den jugendlichen Enthusiasmus derer, die sich begeistert in Aktionen stürzen. Nein, wir brauchen aber nicht die Verharmlosung durch nette Videos und sedierend-stellvertretende Scheinlösungen. Auch nicht die durch aufwändig gemachte PR- und Greenwashing-Kampagnen, die immer noch billiger sind als die zunächst vermeintlich aufwändige Umstellung von Produktionsabläufen.

Die Nachaltigkeit und der Wert von Aktien

Dieses Thema steht stellvertretend für viele andere gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Herausforderungen gerade auch börsennotierter Unternehmen. Langfristige Investitionen, deren finanzieller Gewinn nicht unmittelbar sichtbar ist, verbessern vielleicht noch das Image. Nachhaltigkeit aber schlägt sich nicht kurzfristig als Gewinnnotierung nieder. Selbst die offensichtlichen Trickser in anderen Branchen verlieren ja trotz Gesichtsverlusts so gut wie gar nicht an finanziellem Wert. Eher steigern sie ihn noch, siehe die jüngsten Beispiele aus der Automobilbranche.

Dabei gibt es neben den auf den ersten Blick eindringlichen Bildern, um zum Thema Meeresplastik zurückzukehren, viel einfachere Lösungen als beim Beispiel Luftverschmutzung im Automotivesektor. Die Recyclat-Initiative der Mainzer Frösche hat, darin stimmen alle Fachleute und die Industrie überein, einen tragfähigen und bewiesenermaßen wirkungsvollen, großen Schritt gemacht. Wenn nun neben der Investition in schöne PR-Bilder und kleinere, nicht so teure, aber auch nicht so effektive Recyclingmaßnahmen auch noch ein paar mehr Multinationale den Stab übernehmen, wenn sich die Goliaths mit den Davids vereinigen – dann gibt es börsentaugliche Skalierungseffekte. Dann winken allen Beteiligten schöne Gewinne, die auf nachprüfbaren Fakten bauen.

Der Konsument zieht mit, wenn….

Der Konsument wird immer mitziehen, wenn es im Portemonnaie kaum spürbar ist – nur zu gerne tut er das. Denn auch er will natürlich bei der Rettung der Meere oder auch bei anderen Problemen mithelfen, jedenfalls, solange es nichts oder nicht viel kostet. Und ja, dann mögen auch Fakten durch die Bilder sympathischer Aktivisten ergänzt werden. Fakten sind die Basis für echte Lösungen. Bilder allein allerdings lösen noch keine Probleme. Erst recht nicht in der Wirtschaft, die auch Werte schaffen will. Ökonomische UND gesellschaftliche. Die Vermählung beider, sachlich basierter Strategien und ermutigender Gefühlsbilder, ist der Königsweg. Und alle haben sich lieb. Hoffentlich.

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