Früher retteten die Grünen Frösche, heute eben den Kanzler. Harald Schmidt

Die neue Politik der Post-Wahrheit

Das Vertrauen in öffentliche Institutionen ist in vielen Ländern so niedrig wie nie; Meinungen bleiben unbestritten – ein idealer Nährboden für populistische Bewegungen. Nachdem das politische Establishment in Österreich und Italien jüngst auf die Probe gestellt wurde, blickt die Welt im kommenden Jahr gespannt auf die Wahlen in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland.

Zu sagen, Demokratien im Westen erleben derzeit spannende Zeiten, wäre eine maßlose Untertreibung. Während Großbritannien das Ausmaß des Brexit noch immer nicht ganz begriffen hat, bezieht Donald Trump in wenigen Wochen das Oval Office des Weißen Hauses. In Frankreich könnte Außenseiterin Marine Le Pen, Vorsitzende des Front National, bald zur Präsidentin gewählt werden. Die populistische Bewegung in Amerika wie in vielen Ländern Ost- und Westeuropas war seit dem Zweiten Weltkrieg nie mehr so stark wie jetzt. Viele Gesellschaften kämpfen mit den Folgen der Globalisierung sowie wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen. Was sich nun zeigt, ist eine stetig wachsende Kluft zwischen altgedienten Politikern des Establishments und großen Teilen der Wählerschaft.

Die Veränderungen sind sehr komplex, und gerade deshalb wären klare Analysen notwendig. Stattdessen verzerren soziale Medien das Weltbild der Menschen, das heißt unterschiedliche Interessensgruppen leben in völlig unterschiedlichen Wissenswelten. Eine ganze Flut von „Fakten“ entwertet sich selbst durch falsche Nachrichten-Feeds. Es findet sich immer ein (selbst ernannter) Experte, der die eigene Auffassung teilt. Mit diesem gefährlichen Mix tun sich Politiker und Medien derzeit recht schwer.

Die neue Politik der Post-Wahrheit

Vor dem Hintergrund einer Politik der Post-Wahrheit, falscher Fakten und Filterblasen wächst die Bedeutung verlässlicher und neutraler Nachrichtenquellen. Allein im vergangenen Jahr verbuchten das BBC Fernsehen und bbc.com aufgrund des Brexit-Referendums in Großbritannien, des gescheiterten Putschversuchs in der Türkei, Terroranschlägen in ganz Europa und nicht zuletzt der US-Wahlen Rekordquoten. In den Stunden und Tagen nach dem Wahlergebnis in den USA berichtete unser Netzwerk an Korrespondenten von überall auf der Welt, um Zuschauer und Nutzer über die Folgen von Trumps Siegs in China, Russland und Mexiko aufzuklären.

Doch als seriöser, vertrauenswürdiger Sender, von dessen Einfluss andere traditionellen Nachrichtenanbieter nur träumen können, tragen wir auch ein enormes Maß an Verantwortung. Wir als Teil der Medien sollten an einem informierten demokratischen Dialog teilnehmen und einen solchen ermöglichen. Wir sollten darüber nachdenken, ob wir uns nicht etwa zu geziert gegenüber den Menschen verhalten, die der gängigen, als richtig angesehenen, Meinung nicht genehm sind.

Das Vertrauen in öffentliche Institutionen ist in vielen Ländern so niedrig wie nie; Meinungen bleiben unbestritten – ein idealer Nährboden für populistische Bewegungen. Nachdem das politische Establishment in Österreich und Italien jüngst auf die Probe gestellt wurde, blickt die Welt im kommenden Jahr gespannt auf die Wahlen in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland. Für die Medien wie auch für Politiker werden die Ereignisse eine Herausforderung sein.

Auf der Jagd nach Quoten

Es besteht die Gefahr, dass sich Nachrichtenorganisationen auf ihrer Jagd nach Quoten in seichter Berichterstattung verlieren könnten. Für die Befragung der diesjährigen Präsidentschaftskandidaten nach ihren Positionen und Lösungsvorschlägen zu den dringlichsten politischen Themen planten die drei wichtigsten Nachrichtensendungen in den USA zusammen 32 Minuten ein – ein Bruchteil im Vergleich zu früheren Wahlen (2012 waren es 114 Minuten, 2008 sogar 220 Minuten). Themen, über die kaum oder gar nicht berichtet wurde, waren u. a. Drogen, Gesundheitswesen, Armut, Regulierung des Waffenbesitzes und der Klimawandel. Im Gegensatz dazu verbrachten die Kandidaten die meiste Zeit damit, über selbst gewählte Themen zu sprechen und ihre eigenen Anliegen in den Vordergrund zu stellen.

Und genau hier liegt die Herausforderung. In einer Welt, in der sich der „Informationsdunst” falscher Tatsachen und Filterblasen immer weiter verdichtet, dürfen wir langjährige redaktionelle Prinzipien nicht aufgeben. Gerade jetzt brauchen wir vertrauenswürdige, transparente Nachrichten und Nachrichtenanbieter, die Fakten liefern, Diskussionsrunden veranstalten und deren Teilnehmer befragen. Kurzum, seriöse Nachrichtenorganisationen wie die BBC sollten das tun, was sie am besten können.

Statt “Informationsdunst” seriöse Inhalte

Mag sein, dass seriöse Inhalte weniger Leser anziehen als verzerrte Berichterstattung und Effekt haschende Reportagen – sollte die BBC sich jedoch entscheiden müssen, ihren Ruf zu wahren oder ihre Quoten zu erhöhen, ist schon jetzt klar, welchen Weg sie einschlagen wird.

Im Zuge unserer Berichterstattung über das Brexit-Referendum wurde heftig über das Ungleichgewicht der Sendezeit diskutiert – Anhänger und Gegner sollten gleich viel Sendezeit erhalten, ungeachtet der Fakten, redaktioneller Bewertung und dem Wissen der Interview-Partner. Einige Brexit-Gegner waren der Ansicht, die BBC hätte es mit der Neutralität übertrieben und angesehene Experten genauso behandelt wie ignorante Dünnbrettbohrer. Tatsächlich jedoch gab sich die BBC größte Mühe, sich an ihre strengen redaktionellen Richtlinien zu halten und Behauptungen aller Seiten in Frage zu stellen. Nicht selten deckten Journalisten auf, dass sich vermeintliche Fakten beider Seiten als falsch erwiesen.

Meiner Ansicht nach sind die (wenn auch beinahe 100 Jahre alten) journalistischen Prinzipien der BBC wie Genauigkeit, Ausgewogenheit und Neutralität nach wie vor wichtig. Sie schenken den Nachrichten den Grundstein des Vertrauens – und dass dieses Vertrauen derzeit massiv bröckelt, trägt maßgeblich zu den Ereignissen weltweit bei. Wir müssen diese Prinzipien in einen modernen Kontext einbetten. Wir müssen in die besondere Fähigkeit von Journalisten vertrauen: die Klärung von Mythen, der Appell an die Menschen und, der Auftrag, einzelne Personen und Behauptungen zur Rechenschaft zu ziehen. Die Menschen brauchen unsere Fähigkeiten mehr denn je.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Alice Weidel, Wolf Achim Wiegand, Angela Merkel.

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