Soziale Isolation und Ungleichheit sind völlig außer Kontrolle geraten. Kumi Naidoo

Blut, Schweiß und Tränengas

Das Netz hat eine beeindruckende Wirkung entfaltet, von Teheran bis Tunis. Von Social Media-Revolutionen dürfen wir trotzdem nicht sprechen. In 140 Zeichen ist noch kein Diktator gestürzt worden.

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Zu oft reden westliche Medienexperten über Netzaktivismus in Entwicklungsländern mit einem paternalistischen Unterton, als wäre das Internet eine großzügige Gabe der Mogule des Silicon Valley oder der US-Regierung an arme Fremde. Wenn man sich eine aktuelle Rede des libyschen Führers Gaddafi ansieht, mag man diese These fast glauben. Gaddafi versuchte tatsächlich, die Revolution in Tunesien als Machenschaft amerikanischer Social Media-Unternehmen zu bezeichnen. Wenn wir zwei Jahre zurückblicken, bietet sich ein anderes Beispiel dieser Denkweise: Als junge Iraner 2009 auf die Straße gingen, um gegen eine manipulierte Wahl zu protestieren, sprang die globale Medienlandschaft schnell auf den Internet-Zug auf und proklamierte im Brustton der Überzeugung, dies sei eine “Twitter-Revolution”.

Netizen-Journalismus im Nahen Osten

Es stimmt, das junge Menschen zwischen Teheran und Tunis begonnen haben, digitale Plattformen als Teil von politischem Aktivismus zu begreifen und beispielsweise auf Facebook Proteste koordinieren oder Videos und Fotos bereitstellen. In Tunesien haben junge Blogger wie Lina Ben Mhenni Bilder und Eindrücke ihrer Reisen durch das aufgewühlte Land geschildert. Aus dem Exil meldeten sich Malek Khadraoui, Sami ben Gharbia und der anonyme “Astrubaal”, um die Welt durch Updates auf ihrer Seite Nawaat auf dem Laufenden zu halten. Und Slim Amamou – inzwischen ein Teil der Übergangsregierung in Tunis – ließ die Welt an seiner Verhaftung teilhaben, als er auf Foursquare im Innenministerium “eincheckte”. Eine Woche später twitterte er live aus dem ersten Treffen des neuen Kabinetts.

In Ägypten begannen Aktivisten vor dem 25. Januar damit, Proteste per Netz vorzubereiten. Auf Twitter wurde über den besten Hashtag diskutiert (das Rennen machte am Ende #jan25), auf Facebook traten zehntausende der Gruppe We are all Khaled Said bei und sammelten für den Fall einer Zensur von Facebook Email-Adressen bei Google Docs. Während der Demonstrationen wurde der Rest der Welt über Twitter (und sogar durch Modem-Verbindungen) mit Informationen aus Ägypten versorgt.

Wessen Revolution?

Es scheint also deutlich, dass Social Media eine wichtige Rolle gespielt hat. Doch die Frage bleibt: Warum sollten wir nicht von einer Social Media-Revolution sprechen?

Die Implikation einer solchen Bezeichnung ist, dass Twitter und Facebook entscheidend dafür sind, ob aus einer Revolte eine Revolution erwächst. Das stimmt nicht: Weder im Iran noch in Tunesien war Social Media der Katalysator des Aufstandes. Im Iran ging es um eine manipulierte Wahl, in Tunesien protestierten die Menschen gegen Arbeitslosigkeit und Armut, ausgelöst von der Selbstverbrennung von Mohammed Bouazizi.

Zweitens ist es wichtig, sich die Entstehungsgeschichte dieser Terminologie anzusehen. Die Revolution im Iran war keine “Twitter-Revolution” bevor westliche Medien sich des Terminus bedienten. Und in Tunesien hatte Online-Aktivismus eine lange Geschichte, die bis zum Januar 2011 allerdings von den Medien nicht beachtet worden war. Im Rest der arabischen Welt sieht es ähnlich aus. In Marokko, Syrien, dem Libanon und anderen Staaten nutzen junge Menschen das Netz, um gegen Korruption oder Extremismus mobil zu machen.

Das Internet hat die Dynamik des Protests verändert. Doch die Idee einer Social Media-Revolution vergisst das Blut, den Schweiß und das Tränengas, mit dem normale Menschen auf der Straße für Veränderung kämpfen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Hardy Ostry, Christoph Giesa, Sheldon Himelfarb.

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