Kunst ins Netz

Jill Greenberg29.07.2015Gesellschaft & Kultur, Medien

Instagram gibt Künstlern ungekannte Freiheiten. Lange kann es nicht mehr dauern, bis das auch die Hierarchien der Kunstwelt über den Haufen wirft.

Ich habe mir nie träumen lassen, welchen Einfluss die Technik auf die Kultur haben würde. 1984 besaß ich ein Modem und einen Apple II, das Internet benutzte ich zum Chatten, Daten und Programmieren. Noch zu meiner Zeit an der Kunsthochschule war digitale Technik kaum zu gebrauchen – bis kurz nach meinem Abschluss im Jahr 1990 Photoshop 1.0 erschien und alles auf den Kopf stellte. Neue Technik hat mich immer fasziniert, weil sie eine Vision der nahen Zukunft bot. Folglich verwendete ich Bildbearbeitung und Internet so früh wie möglich.

In den 1990er-­Jahren wurde mir bei diversen Unterhaltungen bewusst, dass ältere und etablierte Fotografen zögerten, Photoshop zu lernen. Sie stellten sowohl die Software als auch das Internet infrage, manche weigerten sich, eine Website aufzusetzen. Zur gleichen Zeit war meine eigene Seite „The Manipulator“ die meistbesuchte Website eines Fotografen weltweit.

Als 2010 Instagram erschien, war ich gerade dabei, meine Website zu einem tumblr-­basierten Fotoblog umzubauen. Es war eine faszinierende Mischung der zwei Medienmechanismen: Selbstvermarktung und Teilen.

Dopamin beim Anhäufen von Likes

Manche Bilder meines Portfolios wurden bis zu 18.000 Mal geteilt. Jedes Mal steht mein Name dabei, und damit erledigen die Besucher meine Arbeit: Sie machen sowohl meine Bilder als auch meinen Namen bekannt.

Instagram kam mir also nicht besonders modern vor, und ich brauchte eine Weile, um zu entdecken, dass sich das Herzstück der App hinter vielen Likes und Emojis versteckte. Ich bemerkte, dass Instagram fast magnetisch Blicke anzieht, dass es unser Bewusstsein mit seinen kleinen, durchlaufenden und stets neuen Bildern vollständig in den Bann zieht. Die App zeigt nicht nur schöne Motive, sondern spricht auch unser Gehirn an: Beim Anhäufen von Likes schütten wir fortwährend Dopamin aus. So ist Instagram ein großer Wettbewerb der Bilder, wo die Nutzer stellvertretend für ihr wahres Leben um Aufmerksamkeit kämpfen, ein ganz einzigartiges Produkt.

Instagram zeigt eindrücklich, dass die Macht des Bildes keineswegs abgenommen hat und niemals abnehmen wird. Bilder sind weiterhin die mächtigste Form von Propaganda und das wirksamste Mittel, um Geschichten zu erzählen. Wo wir diese Bilder zu sehen bekommen, ist tatsächlich nebensächlich. Künstler haben das erkannt und erzählen ihre Geschichten heute auf ganz andere Weise als früher. 1995 hatte ich zwar eine Website, sie bestand aber aus nichts als einer Bildergalerie und meinem Lebenslauf.

Auf Instagram sprechen Künstler direkt mit ihrem Publikum

Mein Instagram­-Konto im Jahr 2015 bietet so viel mehr: Dort liest man meine Worte, sieht meine Bilder, meinen künstlerischen Blick auf jeden Moment. Es ist eine fortlaufende Geschichte aus täglichen, von mir kuratierten Piktogrammen.

Instagram projiziert meine Gedanken, Inspiration und Obsessionen. Ich zeige dort visuelle Scherze, fertige und unfertige Projekte, Ausstellungsankündigungen und Bilder der eigentlichen Ausstellungen. Künstler müssen nicht mehr vermittelt werden, auf Instagram können sie direkt mit ihrem Publikum sprechen. Für mich bedeutet das mehr Aufträge und mehr verkaufte Bilder.

Die Galerie oder das Kunstmuseum hat Instagram aber weder ersetzt noch obsolet gemacht. Kunst in „echt“ zu erleben, ist eine andere Erfahrung, als sie digital zu sehen, manchmal ist dieser Prozess sogar ein bewusstes Element der Kunst. Soziale Netzwerke können bloß Ergänzung für das „Echte“ sein – kein Ersatz dafür.

Auch der Weg vom Instagram­-Star zum anerkannten Künstler ist voller Hürden. Im Internet mögen die Hierarchien flach sein, in der echten Welt sind sie es aber nicht. Schon gar nicht in der Kunstszene. Es ist sehr schwierig, in die höchsten Zirkel vorzudringen, dort, wo kritisch über Kunst geschrieben wird und wo große Institutionen systematisch sammeln. Die Plätze in den Kunstgeschichtsbüchern sind umkämpft, daher steht diese Welt nur wenigen offen – erst recht nicht solchen Künstlern, die die Macht der etablierten schwächen könnten.

Die gläserne Decke der Kunstwelt durchbrechen

Das macht die Kunstwelt sehr anders als andere Medien: Justin Bieber oder die populäre Comedy­-Central-Sendung „Broad City“ haben ihre Karrieren bei Youtube begonnen – undenkbar in der Kunstwelt, wo man nicht bloß Bekanntheit misst, sondern vor allem darauf achtet, dass sich Neuankömmlinge an die etablierten Regeln halten. Schließlich sägt niemand an dem Ast, auf dem er selber sitzt.

Kein Wunder also, dass noch kein berühmter Instagram­-Künstler in einer wichtigen Kunstgalerie ausgestellt wurde. Die etablierten Machtstrukturen lassen das bislang nicht zu, und keins der neuen Werkzeuge hat sie bisher erschüttern können.

Ich begrüße es, dass soziale Medien vielen ehemals unterdrückten Gruppen eine Stimme verliehen haben. Sicherlich kann ein besonders begabter Künstler den Status quo verändern: Eine gut gemachte und intelligent kuratierte Digitalkampagne könnte so viele Menschen erreichen, dass die gläserne Decke der Kunstwelt durchbrochen wird. Die Zynikerin in mir kann sich das kaum vorstellen. Aber die Optimistin und Künstlerin in mir hofft, dass es irgendwann geschieht.

_Übersetzung aus dem Englischen von Lars Mensel_

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