Wir dürfen uns nicht auf Einzelne verlassen. Jeffrey Sachs

Nicht Amazon macht den Einzelhändler kaputt, sondern Leute wie ich

Ich denke beim ganz normalen Einkauf – dem Einkauf, den man immer und immer wieder macht – nicht ein einziges mal “Ach! Wie schön wäre es, wenn ich jede einzelne Ware, die ich brauche, bei einem Schalter bestellen würde oder mich darüber mit netten Verkäufern und Verkäuferinnen unterhalten könnte. Verdammt, Amazon hat mir das kaputtt gemacht.”

Ich lese ja seit 20 Jahren schon, das “Internet macht die kleinen Geschäfte kaputt”. Ich las auch schon vor 40 Jahren, dass Supermärkte und Großmärkte die Tante Emma Läden vernichten. Die anonymen, kalten Konzerne vernichten das Einkaufserlebnis: kein persönliches Gespräch mehr mit der netten Verkäuferin hinter dem Schalter, die immer noch ein paar gute Ratschläge hat, was man mit der Packung Gries noch alles anstellen kann. Kein gemütlicher Bummel durch die sonnige Innenstadt über die Flaniermeile, auf der einem lächelnde Menschen begegnen und sich einen schönen Tag wünschen. Keine haptischen Extasen weil man Waren anfassen, Bücher blättern, Stoffe fühlen und Blumen riechen kann. Das ist, was in Gefahr ist. Was schon fast verschwunden ist und was gerettet werden muss, jetzt zur Abwechslung mal wieder vor dem bösen Amazon.

Ich erzähl euch jetzt mal, warum man zum Einkaufen geht: Man braucht Sachen – Nahrungsmittel, Waschkram, Klamotten. Oder man möchte bestimmte Sachen: Ein Buch, Musik, eine warme Winterjacke. Dann geht man los und kauft diese Sachen ein – dabei achtet man darauf, dass Preis und die Qualität im Verhältnis der eigenen Ansprüche an beides steht. Dann geht man nach Hause und räumt die Sachen da hin, wo sie hin gehören. Fertig. Das macht man bei den allermeisten Sachen, die man kauft, regelmäßig. Ich bin jeden zweiten Tag im Supermarkt, weil er vor der Haustür ist und ich mir daher den Luxus erlauben kann, in 15 Minuten eingekauft zu haben, ohne ein Auto zu brauchen und ein mal die Woche zum Großmarkt zu fahren, wie es meine Eltern noch taten – und zwar aus einem pragmatischen Grund: Weil der Tante-Emma-Laden nunmal keine fünfköpfige Familie für eine Woche komplett mit Vorräten ausstatten kann.

Hoffentlich gibt’s keine Schlange an der Kasse!

Ich denke beim ganz normalen Einkauf – dem Einkauf, den man immer und immer wieder macht – nicht ein einziges mal “Ach! Wie schön wäre es, wenn ich jede einzelne Ware, die ich brauche, bei einem Schalter bestellen würde oder mich darüber mit netten Verkäufern und Verkäuferinnen unterhalten könnte. Verdammt, Amazon hat mir das kaputtt gemacht.” Nein, ich denke: “Hoffentlich gibt’s keine Schlange an der Kasse.” Und mir ist schon die Frage nach der Paybackkarte zu viel lästige Konversation. Ich habe keinen Spaß beim Einkaufen. Ich spüre da keine Freude. Einkaufen ist kein Erlebnis. Einkaufen ist wie Wohnung putzen. Wenn ich eine Möglichkeit bekomme, diesen Vorgang noch schneller, einfacher und effizienter zu gestalten, dann mache ich das. Da ist nichts, was ich vermissen würde.

Sprich: Die ganze Argumentation basiert seit 40 Jahren auf einer falschen These, nämlich der, dass Einkaufen Spaß macht.

Was Großmärkte, Supermärkte, das Internet, Amazon tun, ist genau das, was ich möchte: Sie erleichtern mir Dinge, die mir lästig sind. Sie sorgen dafür, dass ich nicht in zig verschiedene Läden muss, erleichtern mir das Bezahlen, möglichst ohne vorher noch zur Bank zu müssen, und lassen mich schneller zu Dingen zurückkommen, die mir wirklich Spaß machen und die ich tatsächlich tun möchte.

Daher: Ja, Tante-Emma-Läden sind in der Theorie herzig. Ich bin aber noch nie in meinem Leben für den täglichen Einkauf in einen Tante Emma Laden gegangen und werde das auch nie freiwillig tun. Ich gehe auch nicht einkaufen, um Menschen zu treffen. Ich möchte auf keinen Fall von Verkäufern angequatscht werden und gehe daher nur im Notfall in kleinere Läden – dann aber sehr bewusst und mit viel Zeit. Ich kaufe Hosen im Klamottenladen und Schuhe im Schuhladen, weil ich die anprobieren muss. Ich kaufe ansonsten alles online, sobald online einfacher ist als offline.

Und morgen schreib’ ich, wann ich wirklich Spaß am Einkaufen habe. Und wer wirklich die Innenstädte kaputt gemacht hat. Und es ist immer noch nicht das Internet oder Amazon. Ein Tip schon mal im Voraus: Es gibt seltsamerweise immer noch Flohmärkte, trotz eBay.

Quelle: Jens Scholz

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Clemens Schneider, The European, Bündnis 90 Die Grünen.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Marktwirtschaft

Debatte

OECD-Wirtschaftsbericht offenbart Schwachstellen

Medium_3e5760db3e

Deutsche Konjunktur schwächelt

Der OECD-Wirtschaftsbericht offenbart Dellen in der konjunturellen Entwicklung Deutschlands. Das für das laufende Jahr prognostizierte Wachstum von 2,3 Prozent wurde bereits auf 2,1 Prozent korrigi... weiterlesen

Medium_e7b82badf9
von Mario Ohoven
01.07.2018

Debatte

Russland und die Fußball-WM

Medium_4fcb7199cc

Markenmacher und kurzfristiger Umsatztreiber

„Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt ...“ – der Rest ist Geschichte: Helmut Rahn zieht mit Links ab, der Ball schlägt links neben Torwart Grosics im Kasten der Ungarn ein und Deu... weiterlesen

Medium_bed877da32
von Ulrich Stephan
26.06.2018

Kolumne

Medium_0e1633a07a
von Florian Josef Hoffmann
25.06.2018
meistgelesen / meistkommentiert