Im Würgegriff der Rating-Agenturen

Jens Bastian12.05.2010Politik, Wirtschaft

Die Panik in Europa ist groß, in den Medien wird von feindlichen Spekulationsattacken aus den USA gesprochen, befeuert von Bonitätsabstufungen der großen Rating-Agenturen. Maßnahmen, die solche Agenturen zu mehr Transparenz verpflichten, werden in Europa bislang nicht ergriffen.

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Die griechische Regierung des Ministerpräsidenten Giorgios Papandreou hat in den vergangenen sechs Monaten wiederholt und mit steigender Frustration sowie exorbitanten Zinskosten erleben müssen, wie internationale Rating-Agenturen durch ihre Bonitätseinstufungen die Spekulation an den Bond- und Devisenmärkten zusätzlich befeuert haben. Die Rolle der drei großen internationalen Rating-Agenturen ist dabei besonders in die Kritik geraten. Rufe nach strengeren Maßstäben prägen seitdem die öffentliche Diskussion. Am 27. April stufte die Rating-Agentur Standard & Poor’s (S&P) die Kreditwürdigkeit von Griechenland zum zweiten Mal innerhalb der vergangenen sechs Wochen herab, diesmal gleich um zwei Stufen auf sogenanntes Ramsch-Niveau. Diese abermalige Herabstufung mag in der Sache berechtigt gewesen sein. Aber der Zeitpunkt war auffällig und gab Anlass zu harscher Kritik.

Drei Rating-Agenturen dominieren den Markt

Während die griechische Regierung gerade mit dem Internationalen Währungsfonds, der Europäischen Kommission und der Europäischen Zentralbank über eine strenge Haushaltssanierung und Strukturreformen als Gegenleistung für ein dreijähriges Beistandsabkommen in Höhe von 110 Milliarden Euro verhandelte, erfolgte die Bonitätsabstufung von S&P. Statt den Ausgang der Athener Verhandlungen abzuwarten, wurde die Kreditwürdigkeit von Griechenland und Portugal herabgesetzt. Ein Tag später folgte Selbiges für Spanien. Seit mehr als vier Dekaden wird der Markt für Bonitätseinstufungen von Staats- und Unternehmensanleihen von drei internationalen Rating-Agenturen dominiert. S&P ist ein Tochterunternehmen des US-Medienkonzerns McGraw-Hill. Moody’s, der Zweite im Bunde, ist eine an der New Yorker Wall Street notierte Aktiengesellschaft. Ihr größter Anteilseigner ist der US-Investor Warren Buffet. Schließlich gibt es noch Fitch Ratings. Letztere hat zwei Stammsitze, in New York und London. Ihre Eigentümerstruktur wird allerdings von der französischen Fimalac-Gruppe dominiert. Es wird deutlich, dass man bei genauerem Hinsehen nicht mehr umstandslos von US-amerikanischen Rating-Agenturen sprechen kann. Ihre Eigentümerstruktur ist mittlerweile viel komplexer, und ihr Geschäftsmodell findet zunehmend Anwendung und Kritik außerhalb der USA.

Die US-Börsenaufsicht ermittelt seit Monaten gegen Rating-Agenturen

Während die Kritik an den Rating-Agenturen in den USA und in Europa gleichermaßen groß ist, fällt dennoch ein Missverhältnis auf. Die juristische Auseinandersetzung mit der Praxis der Bonitätseinstufungen ist fast ausschließlich auf die USA und – mit Einschränkung – auf Großbritannien konzentriert. Die US-Börsenaufsicht SEC ermittelt seit Monaten gegen die Rating-Agenturen und ihr Verhalten während der Finanz- und Hypothekenmarktkrise in Amerika 2007/08. Mangelnde Transparenz bei der Bewertung komplexer Wertpapiere und Betrugsvorwürfe bestimmen die Ermittlungen. Der amerikanische Senat hat im April Anhörungen hierzu durchgeführt. In Europa ist bisher außer Kritik und Rufen nach Reformen nichts dergleichen zu beobachten. Die Rhetorik dominiert die Schlagzeilen. Die daraus folgende Praxis lässt weiter auf sich warten in Berlin, Paris oder Brüssel! Stattdessen ist ein neues Element in die öffentliche Auseinandersetzung eingeführt worden. Die Diskussion über die Einrichtung einer europäischen Agentur zur Bonitätseinstufung hat in den vergangenen Wochen zunehmend an Substanz gewonnen. Wenn Konkurrenz in der Tat das Geschäft der drei großen Rating-Agenturen beleben kann, dann gilt es, keine weitere Zeit zu verlieren, um dieses Projekt endlich auf den Weg zu bringen.

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