Die goldenen Jahre der Superhelden sind vorbei

Jens Balzer28.09.2009Gesellschaft & Kultur, Medien

Erst Micky Maus und Donald Duck, dann Dumbo, Robin Hood, Peter Pan und Simba. Alle Schnee von gestern? Jetzt aber heißt es: Wolverine, Iron Man und Hulk. Was verspricht sich Disney von der Ergänzung der modernen Marvel-Charaktere?

Micky Maus und Spider-Man gehen gemeinsam auf Verbrecherjagd. Donald Duck, der tobsüchtige Erpel, und Wolverine, der traumatisierte Mutant mit der Stahlklingenapplikation in den haarigen Pranken, werden zur paranormalen Bewachung von Onkel Dagoberts Geldspeicher abgestellt. Unglaublich? Aber so könnte die Zukunft aussehen. Der Disney Konzern kauft den New Yorker Comic-Verlag Marvel; eine historische Partnerschaft zweier bislang völlig getrennter Comic-Kulturen. Hier: die Heimstatt der freundlichen Familienunterhaltung mit sprechenden Tieren und bezaubernden Prinzessinnen. Dort: der Verlag der düsteren Mutanten-Action. Was verspricht sich Disney von diesem Deal?

Es geht darum, den Anschluss an die Gegenwart nicht zu verlieren

Disney ist der größte Entertainmentkonzern der Welt; man findet kaum eine Form des Unterhaltungsgeschäfts, an der die Firma nicht beteiligt wäre. Doch was Disney heute fehlt, sind bekannte Figuren. Micky Maus und Donald Duck mögen das Herz von Nostalgikern erfreuen, lebendige Charaktere sind sie schon lange nicht mehr. Die Produktion regelmäßiger Micky-Maus-Filme wurde bereits in den 1940er-Jahren eingestellt; Donald Duck gab die Hauptrolle in den Cartoons Anfang der 60er ab. Der Versuch, die traditionsreichen “Walt Disney Comics and Stories”-Comichefte wiederzubeleben, wurde in diesem Frühjahr ein weiteres Mal aufgegeben. Ganz anders ist es mit den Comicfiguren des Marvel-Verlags. Zwar sind auch bei den Superheldenheften die goldenen Jahre vorbei. Doch die Tradition ist lebendig, die Figuren sind im kollektiven Gedächtnis präsent. Seit ihrer Erfindung in den 1960ern wurden Spider-Man und die Fantastic Four, die X-Men und der Silver Surfer immer wieder neu interpretiert und der Gegenwart angepasst. Auch das Geschäft mit den Verfilmungen floriert wie nie zuvor: Allein die drei “Spider-Man”-Filme spielten weltweit 2,5 Milliarden Dollar ein.

Mit Pixar hat sich Disney lebendige Animationskunst eingekauft

Mit dem Erwerb der Marvel-Figuren erfrischt Disney-Chef Bob Iger den kreativ ausgebrannt wirkenden Mutterkonzern – zum zweiten Mal seit seiner Amtsübernahme im Jahr 2005. Bereits 2006 hatte er für 7,4 Milliarden Dollar das Animationsstudio Pixar erworben, das mit “Toy Story”, “Findet Nemo” und “Oben” die besten und erfolgreichsten 3-D-Animationsfilme der Gegenwart produziert. Mit Pixar hat sich Disney lebendige Animationskunst eingekauft. Mit Marvel kauft sich Disney nun lebendige Comic- und Filmcharaktere, die sich auch in zehn oder zwanzig Jahren noch als Kinohelden und Spielzeugfiguren verwerten lassen. So lange könnte es freilich auch dauern, bis sich der Deal für Disney auszahlt: Für die Filme mit Spider-Man, Iron Man und den X-Men gibt es noch lang laufende Joint-Venture-Verträge zwischen Marvel und verschiedenen Hollywoodstudios wie Paramount, 20th Century Fox und Sony; auch die Verwertung als Spielzeugfiguren kann erst im Jahr 2017 beginnen. So wundert sich die Branche in diesen Tagen vor allem über den langen Atem, den Bob Iger bei seinen Investitionen beweist: Das Fachblatt Variety hat ihn letzte Woche als “neuen Zen-Meister von Hollywood” begrüßt. Mit dem angeblichen Clash der Comickulturen ist es hingegen gar nicht weit her: Schon vor der Bekanntgabe des Marvel-Geschäfts hatte Disney die Lizenz für neue Comicheft-Produktionen an den kalifornisches Verlag Boom! Studios vergeben, der die alten Figuren ab diesem Herbst neu zu beleben verspricht: als agiles Superheldenteam mit Super Goofy, dem Duck Avenger und der Incredible Micky Maus.

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