Das Parlament erstickt in Floskeln, Ritualen und höfischen Zeremonien. Roger Willemsen

Nachruf auf ein Phantom

Der Gutmensch wäre fast Unwort des Jahres geworden. Doch die Entscheidung sagt wenig über den Begriff, sondern mehr über die Diskurskultur in Deutschland aus.

Was tun ein paar unbekannte Sprachwissenschaftler und ein Journalist, wenn ihnen langweilig ist? Nun, sie beschäftigen sich mit Sprache. Genauer gesagt mit Worten, die „inhuman“ oder „unangemessen“ sein sollen. Das sind dann „Unworte“. Die bekommen die rote Karte und erfahren damit alle Jahre wieder ein subjektiv begründetes Downgrade. Im Empörungs-Visier standen bislang die Herdprämie, das Humankapital, der Gotteskrieger, das Tätervolk und viele mehr. Und nun hat es also die „Döner-Morde“ getroffen, die nicht nur zum „Unwort des Jahres“ avancierten, sondern auch den „Gutmensch“ auf Platz zwei verdrängten. Was schade ist, denn schließlich verdient auch er Aufmerksamkeit.

Elitäre Clique von Feingeistern

Offen gestanden, mag ich das Wort „Gutmensch“ nicht mehr hören, geschweige denn benutzen. Mit ihm verhält es sich wie mit einem Song, den man so lange gern hat, bis er im Radio rauf und runter gespielt wird und damit die persönliche Exklusivität einbüßt: Man mag ihn nicht mehr, weil Hinz und Kunz ihn hören. Das gleiche Schicksal ereilte auch den „Gutmensch“, dessen Gebrauch (meiner subjektiven Auffassung nach) einst nur einer elitären Clique solcher Feingeister vorbehalten war, die gemeinhin noch alle Tassen im Schrank hatten. Er passte wunderbar zu Menschen wie Margot Käßmann oder Jürgen Todenhöfer, die im Brustton der Überzeugung zu Solidarität mit Taliban oder Selbstmordbombern aufriefen und deren Verhalten durch Verweis auf eine schwere Kindheit relativierten. Dafür bekamen sie dann ein Gratis-Ticket in den öffentlich-rechtlichen Stuhlkreis, wo sie sich im Glanz ihrer Gutartigkeit sonnen durften.

Seit der Begriff „Gutmensch“ jedoch auch inflationär von diversen Spinnern genutzt wird, die „Nürnberg 2.0“ für eine gute Sache und den Dönerverkäufer von nebenan für die größte Bedrohung des Weltfriedens halten, verströmt er öffentlich Anrüchigkeit. Dadurch wird er an sich, genauso wie der Ohrwurm, zwar nicht schlechter – aber es macht keinen Spaß mehr, mit ihm zu kokettieren. Und so setzte auch die Gesinnungspolizei von der „Unwort des Jahres“-Jury zum Zugriff an: Sie machte dem Gutmenschen kurzen Prozess und bugsierte ihn flugs auf den imaginären Scheiterhaufen. Dort verkokelt er nun, vermutlich auch trotz Zweitplatzierung, im Feuer der kollektiven Empörung.

Für das erlauchte Gremium hingegen war allerdings etwas ganz anderes ausschlaggebend. Der „Gutmensch“ wurde auserkoren, weil er das „ethische Ideal des „guten Menschen“ in hämischer Weise“ aufgreife, „um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren“. Nun erscheint mir diese Begründung äußert fraglich. Denn ist es nicht vielleicht eher so, dass die Jury womöglich selbst aus sogenannten Gutmenschen besteht? Aus Wesen also, denen auf dem Weg zur Gutartigkeit mal ein paar Bösmenschen begegnet sind, die schlichtweg die besseren Argumente hatten und danach zu allem Übel auch noch die Gutmenschenkeule schwangen? Und falls ja: Ist es dann in Ordnung, wenn man Begriffe nur aus gekränkter Eitelkeit heraus aus dem Verkehr zu ziehen trachtet?

Zwar ist es richtig, Wendungen, die jeden Diskurs mittels vermeintlich moralischer Hoheit in Schutt und Asche legen, zu kritisieren. Wäre es dem Gremium jedoch um genau solche Begriffe gegangen, so hätten sie auch dem „Rechtspopulist“, dem „geistigen Brandstifter“ oder dem seit Jahrzehnten für Andersdenkende genutzten „Nazi“ schon längst mal die rote Karte gezeigt. Was allerdings nicht geschah. Vermutlich, weil sie ohne jene Wendungen zum Schluss noch mit skrupellosen Bösmenschen, die gerne mal über „Humankapital“ oder „Gotteskrieger“ reden, diskutieren müssten. Und das wäre ja vielleicht unangenehm, weshalb man lieber den „Gutmensch“ stigmatisiert und sich selbst somit vor Kritik immunisiert.

Schickt den Gutmenschen in Rente

Doch was soll jetzt bloß mit dem „Gutmensch“ geschehen? Nun, ich halte ihn für ausrangiert, allerdings aufgrund selbstgefälliger Entscheidungsmechanismen keineswegs für ein Unwort. Deshalb schlage ich vor: Schickt den Gutmenschen in Rente und sucht einen gebührenden Nachfolger! Das freut einerseits die Jury, die dann vorerst keinen Grund zur Empörung bei etwaiger „Häme“ mehr hätte. Solange zumindest, bis sie den Gutmenschen-Nachfolger ins Visier nimmt. Und ich hätte derweil wieder ein Wörtchen mehr im Vokabular, das lustige Zeitgenossen passend umschreibt.

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Kolumne

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von Alexander Wallasch
18.11.2013
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