Krieg der Schwärme

von Jennifer Nathalie Pyka23.08.2014Gesellschaft & Kultur

Wie die Heuschrecken fallen Kaufwütige über Wühltische her. Doch so hässlich Gier auch manchmal wirkt, sie ist eine zutiefst unterschätzte Eigenschaft.

Gut, ich hätte es vorher wissen können. Tatsächlich war es kein kluger Plan, am 28.11.2013, dem Freitag nach Thanksgiving, die Westfield Shopping Mall im Herzen San Franciscos zu betreten. Eigentlich wollte ich mir dort nur eine Cola besorgen, doch dann kam alles viel schlimmer. Denn zur gleichen Zeit wurde landesweit der „Black Friday“ zelebriert: Der Tag, an dem traditionell schon vor Sonnenaufgang Völkerwanderungen in Richtung Innenstadt stattfinden, um dort ein wichtiges Ritual zu vollziehen: Schnäppchenjagd. Black Friday bedeutet nichts anderes als landesübergreifender „Sale“.

Daneben läutet er auch die fünfte Jahreszeit ein, nämlich das organisierte Christmas-Shopping. Jesus wäre wohl wenig erfreut über das, was die Menschheit anlässlich seines Geburtstags so treibt. Denn was mir spätestens eine Sekunde nach Betreten des Shoppingtempels entgegenschlug, war von christlicher Nächstenliebe weit entfernt.

Ungefähr die ganze Bay Area – denn die meisten Amerikaner nehmen sich an diesem Tag extra frei – trennte mich von meiner Cola bei „Bristol Farms“ im Souterrain. Und nicht nur die Bay Area, sondern auch deren Gepäck: Tüten im Zeltformat, die bis oben hin mit „Best Buys“ gefüllt waren. So nennt der Ami die Trophäen, die er nach der gewonnenen Schlacht zwischen Menschenschlangen, Wühltisch und Kasse stolz von dannen schleppt.

Westfield jedenfalls mutierte zum Battlefield. Gierige Menschenmassen allerorts, dazwischen die begehrten Best Buys und das Security-Personal. Denn so ein Schnäppchen kauft man nicht einfach, man erkämpft es sich – fast immer unter Zuhilfenahme von Ellbogen, manchmal aber auch mit Pfefferspray. So mancher Black Friday endete schon in bewaffneten Auseinandersetzungen und mit totgetrampelten Verkäufern.

Dicht gedrängt zwischen Tüten und Hausfrauen in Gordon-Gekko-Stimmung musste ich an Deutschland denken. Das Land der professionellen Gier-Kritiker, die Solidarität predigen und sich von der Abschaffung der Gier Erlösung erhoffen. Sie selbst sind – nach eigenen Angaben – nie so gierig wie die Amis. Das überzeugt mich aber nicht. Sobald Aldi eine PC-Sonderaktion startet oder H&M eine Lagerfeld-Kollektion feilbietet, passiert im Grunde auch nichts anderes.

Ich persönlich wollte an diesem Tag nur eine Cola. Alle anderen hingegen waren schlauer: Sie suchten gezielt ihren Vorteil. Das machen Menschen so, gottlos und individuell. Eigentlich ist die Gier sogar ein cleverer Schachzug der Evolution: Sie trieb den Steinzeitmenschen aus seiner Höhle und sauberes Trinkwasser durch die Leitungen. Ihr verdankten wir einst die Erfindung der Glühbirne und der Eisenbahn, heute sorgt sie für Medikamente, Microsoft und mobiles Internet. Selbst so verschiedene Wesen wie Lloyd Blankfein von Goldman Sachs, Bill Gates und Ihr Bäcker von nebenan haben eines gemeinsam: die Gier. Nach Geld, Wohlstand und Fortschritt.

Nicht die Gier ist der Anfang vom Ende, sondern deren Abwesenheit. „Weniger ist mehr“ und Bescheidenheit helfen weder bei der Gründung eines Tante-Emma-Ladens noch auf dem Weg zum Nobelpreis. Auch nicht bei der Beschaffung erfrischender Cola, die mir übrigens trotzdem gelang. Der inneren Heuschrecke sei Dank.

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