Gegensteuern

von Jennifer Nathalie Pyka19.07.2013Innenpolitik, Wirtschaft

Zu viel Geld macht unglücklich. Vor allem, wenn man es nicht freiwillig an das Finanzamt überweisen möchte. Wer Steuern kritisiert, riskiert den Pranger.

Wer sich bei seinen Mitmenschen unbeliebt machen will, dem stehen allerlei Wege offen. In grün dominierten Kleinstädten bietet es sich an, den Müll nicht ordentlich zu trennen. Andernorts hingegen kann auch ein Butterkeks im zuckerfreien Kindergarten zu Konflikten führen. Unter Intellektuellen genügt es vollauf, George W. Bush sympathisch zu finden, um den Unbill der umstehenden Intelligenzija auf sich zu ziehen. Wer es aber nachhaltig auf Antipathie anlegt, der muss nur eines tun: über das eigene Geld sprechen. Vor allem darüber, dass man es nicht mehr oder weniger vollends dem ­Finanzamt überlassen möchte.

Tatsächlich pflegt der Bundesbürger schon länger ein recht sonderbares Verhältnis zu Geld, über das man – so die allseits anerkannte Regel – nicht spricht. Es sei denn, es geht um das der Anderen. Zum Beweis dafür genügt ein kurzer Blick auf eine landesübliche Talkrunde. Wenn nicht „die Schere“ auf dem Programm steht, ist es „die Kluft“, mindestens aber „die Gier“ oder „der Manager“.

Die Besetzung rekrutiert sich indes aus dem immer gleichen Ensemble, und auch die Rollen sind klar verteilt. Dem Guten, ­üblicherweise in Gestalt einer ­alleinerziehenden und aufstockenden Sozialpädagogin vertreten, die durch Katja Kipping verteidigt wird, steht das Böse in Form eines Unternehmers entgegen, der für ausreichend soziale Kälte im Studio und auf dem heimischen Sofa sorgt, indem er zaghaft gegen weitere Steuererhöhungen plädiert.

Zuerst du, lieber Staat, dann ich

Genauso gern sprechen auch die Repräsentanten der politischen Landschaft über Geld, und zwar vorwiegend über solches, das sie gerne hätten. Reiche Steuersünder sind daher nicht nur die „wahren Asozialen in diesem­ Land“, wie Sigmar Gabriel zu tönen pflegt. Sie sind es auch, die gemäß Volker Beck „Diebstahl am Gemeinwohl“ betreiben. Das klingt nicht nur so, als solle der Einzelne in erster Linie für den Staat und erst ganz zuletzt für sich selbst arbeiten. Es könnte durchaus so gemeint sein.

Dagegen kann letztlich nur noch die Linkspartei auftrumpfen. Die nämlich weiß ganz genau, wie viel Geld dem Einzelnen guttut. Zu wenig darf es freilich nicht sein, zu viel aber auch nicht. Wer monatlich mehr als 40.000 Euro Einkommen hat, habe den Rest gefälligst dem Gemeinwohl beizusteuern. Schließlich gebe es ab diesem Betrag „kein Mehr an ­Lebensgenuss“, was vor allem die Kommunistin Sahra Wagenknecht, deren Vorliebe dem Hummer gilt, am besten weiß. Nun müssen die Linken nur noch gut aufpassen, dass sie im Wettlauf um die höchsten Steuern nicht kurz vor der Ziellinie von den Grünen überholt werden, die ihrem neuen Steuerprogramm einen ordentlichen Schuss Marx verpasst haben.

Natürlich sind derlei Fantasien, die in Parteizentralen gesponnen und medial etabliert­ werden, nicht grundlegend neu. Auch an Erscheinungen wie Jakob Augstein, die schon beim Gedanken an mehr Umverteilung ganz rote Bäckchen bekommen, haben wir uns mittlerweile gewöhnt.

Gier und Geiz – ein unguter Duft

Etwas bizarr ist dagegen der vorauseilende Gehorsam der meisten Bürger, die es offenbar für völlig normal halten, dass erarbeitetes Geld in erster Linie dem Staat und dann erst ihnen selbst zusteht. Zwar werden wir alle zu Raubtierkapitalisten, ­sobald das Waschpulver bei Lidl günstiger als bei Aldi ist. Aber bei Steuererhöhungen herrscht plötzlich das große Schweigen oder gar tosender Applaus bricht aus. Obwohl dabei nicht nur die Reichen und Schönen im Visier stehen, sondern auch die Mittelschicht.

Gedanken wie „Ich leiste gerne einen Beitrag für die Gesellschaft, aber dennoch möchte ich auch noch selbst etwas von meinem hart erarbeiteten Geld haben“, sind im Grunde völlig normal und vernünftig – innerhalb der Debatte allerdings Mangelware. Das mag zum einen an der unverhohlenen Selbstverständlichkeit liegen, die den Ruf nach höheren Steuern treu begleitet. Zum anderen aber auch am daraus resultierenden Klima. Ein Klima, in dem der Wunsch, in erster Linie für sich und erst dann für den Staat zu arbeiten, nach Gier, Geiz und Ellbogen riecht – und damit zur Todsünde mutiert.

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