Kein Blut für 9,90-€-Tops!

von Jennifer Nathalie Pyka31.05.2013Gesellschaft & Kultur

Der Kapitalismus soll ja an vielem schuld sein, besonders aber an der Ausbeutung und den Missständen in Asien. Ein Trugschluss, denn Kapitalismus ist hier nicht unbedingt das Problem, sondern vielmehr die Lösung.

Allmählich glaube ich ja, dass der immer komplexer werdende Alltag viele Menschen überfordert. Nachvollziehen kann ich das übrigens auch – gibt es doch so einige kleine und große Herausforderungen, die quasi allerorts auflauern. Eine davon hat früher mal Spaß gemacht und nennt sich Konsum. Denn seit die Menschen nicht mehr einfach nur Einkaufen oder Shoppen gehen, sondern zu „kritischen Verbrauchern“ avanciert sind, gleicht das einstmals simple Konsum-Prozedere (umsehen, zugreifen, zahlen, fertig) einem Marsch durch vermintes Terrain.

Sowohl die Obstabteilung als auch die Kleiderstange bilden längst schon ein Stück politische Weltbühne. Und wer ein Hemd kaufen möchte, kauft nicht einfach nur ein Hemd, sondern entscheidet damit auch wahlweise über das Schicksal unserer Gesellschaft, der Erde, gar der Menschheit – also eigentlich über das große Ganze.

Die Leiden des kritischen Verbrauchers

Nun bin ich selbst zwar kein kritischer Verbraucher, eher das Gegenteil. Vielleicht eine Art hedonistisch veranlagter Philokonsument, sofern es das noch gibt. Trotzdem kann ich mir lebhaft vorstellen, wie strapaziös so ein Leben sein kann, in dem der Griff ins Regal, der Gang zur Umkleidekabine und der Klick auf den „Kaufen“-Button politische Handlungen sind. Was man da nicht alles beachten muss! Der kritische Verbraucher käme beispielsweise niemals auf die Idee, Bücher bei Amazon zu kaufen. Denn schließlich hat er mal gehört, der Konzern würde Leiharbeiter in „Arbeitslagern“ halten und diese zur „Zwangsarbeit“ verdonnern. Seitdem besucht er aus Protest wieder „den kleinen Buchhändler“ und arbeitet so an seinem Image als heiliger Schutzpatron der geschundenen Arbeitskräfte.

Noch komplizierter wird es allerdings in Sachen Mode. „Made in Bangladesh“ etwa geht gar nicht. „KIK“ und „C&A“ daher also auch nicht, was allerdings ohnehin kein großer Verlust für das äußere Erscheinungsbild des kritischen Verbrauchers ist. Neuerdings sollte man sich aber ebenso vor „Abercrombie & Fitch“ hüten. Abercrombie möchte nämlich nur attraktive und vor allem schlanke Verbraucher ausstaffieren, weshalb das „Stacy Hoodie“, das „Harley Shine Tee“ und viele mehr nur bis Größe 40 im Angebot sind. Eine himmelschreiende Diskriminierung, wie ich nun höre. Ich persönlich verstehe zwar nicht, warum nun ein solcher Bohei um ein bisschen Unternehmensfreiheit gemacht wird. Zugegebenermaßen weiß ich aber auch nicht, was Menschen daran finden, sich wie ein Maulwurf durch nahezu stockdunkle und überdurchschnittlich beschallte Geschäfte zu tasten, wie es bei Abercrombie der Fall ist. Gegen diese Kundenferne protestiert übrigens niemand, doch das nur am Rande.

Denn abgesehen davon fertigt auch Abercrombie, genauso wie nahezu jede größere Modekette auf diesem Planeten, in Asien. Teils unter abscheulichen Bedingungen, natürlich. Der kritische Verbraucher weiß dafür aber wenigstens ganz genau, wer diesbezüglich an den Pranger gehört: der Kapitalismus. Mal wieder. Ausbeutung sei der „Preis des Kapitalismus“

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