Guter Frieden, schlechter Frieden

von Jennifer Nathalie Pyka12.04.2013Außenpolitik

Militärische Interventionen sind unpopulär, westliche Armeen beklagen Imageprobleme. Dabei ist es gerade die Friedensbewegung, die schon seit Jahrzehnten PR für das Militär macht.

Zu den spannendsten Phänomenen, die freie Gesellschaften bislang hervorbrachten, zählt auch und vor allem die Protestkultur. Egal was geschieht, ganz gleich was unterlassen wird – auf jede Entscheidung, jeden Trend und jeden Umstand folgt eine Gegenbewegung. „Ist mir egal“ gilt als fahrlässig, „Ich bin dafür“ klingt zu lasch. Wer etwas auf sich hält, muss mindestens dagegen sein.

Denn das hat nicht nur den Vorteil, sich über Alternativen keine Gedanken machen zu müssen, sondern klingt auch viel beherzter und engagierter. Gegen Gentechnik! Gegen Atomkraft! Gegen Beschneidung, Globalisierung, Kapitalismus, den Euro, wahlweise gleich ganz Europa.

Ein bisschen Schweigen, ein bisschen Randale

Oder auch gegen Krieg, womit wir bei einer Gegenbewegung angelangt wären, die schon so einige Jahrzehnte überdauert hat, ohne ihren Reiz zu verlieren. Das liegt zum einen daran, dass immer noch Kriege geführt werden und die dazugehörigen Gegner daher immer noch eine Mission haben. Zum anderen aber auch an der Fähigkeit des Kriegsgegners, seine Umwelt nicht zu überfordern. Er ist prinzipiell immer gegen militärische Interventionen, weil Krieg tötet, Soldaten Mörder sind und kein Blut für Öl fließen soll. Das klingt nicht nur gut, sondern auch so simpel, dass sich im Grunde jeder Vorschüler zum Pazifisten rekrutieren ließe.

Wenn dagegen ein Diktator sein Volk niedermetzelt, tangiert das den Kriegsgegner zunächst äußerst wenig bis gar nicht. Sein persönlicher Albtraum wäre erst dann Realität, wenn eine fremde Armee sich einmischen würde. Denn schließlich weiß er, dass es nur Soldaten sind, die töten – nicht jedoch so harmlose Wesen wie Taliban und weitere Dschihadisten. Blutbäder lassen sich dieser Logik zufolge auch friedlich, mal mittels Dialog, mal durch gezieltes Schweigen, stoppen. So wirbt der Kriegsgegner schon länger für eine Nicht-Intervention in Syrien, um Schlimmeres zu verhindern.

Doch damit nicht genug. Gerade in jüngster Vergangenheit demonstrierte die Friedensbewegung sehr eindrücklich, womit sie sich die Zeit vertreibt, wenn gerade kein Ostermarsch im Terminkalender steht. In Hamburg beispielsweise schlossen sich tapfere Pazifisten zum Kollektiv „Die Tatortverunreiniger_innen“ zusammen, um dem Schauspieler Til Schweiger einen Denkzettel zu verpassen. “Der nämlich würde den deutschen Afghanistaneinsatz verherrlichen”:http://meedia.de/fernsehen/schweiger-attacke-bekennerschreiben-aufgetaucht/2013/03/25.html, was die gendersensiblen Kriegsgegner dazu veranlasste, dessen Haus mit Farbbeuteln zu bewerfen und das Auto seiner Lebensgefährtin friedlich anzuzünden.

Nicht weniger pazifistisch ging es aber auch erst diese Woche an der Berliner Humboldt-Universität zu, “wo Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière zum Dialog über die Rolle der Bundeswehr in der Gesellschaft ansetzen wollte”:http://www.zeit.de/politik/deutschland/2013-04/verteidigungsminister-maiziere-humboldt-universitaet. Dass er damit die Friedensfreunde provozieren würde, war ihm offenbar nicht bewusst. Es kam letztlich, wie es kommen musste – nämlich zu gar nichts. Friedensbewusste Studenten ließen de Maizière durch eine strategisch durchdachte Sprechchor-Offensive gar nicht erst zu Wort kommen. Der Vortrag fiel ins Wasser, “die Friedensfraktion trug den Sieg von dannen”:http://www.theeuropean.de/alexander-wallasch/6741-thomas-de-maiziere-und-neue-deutsche-protestkultur.

Mehr PR fürs Militär

Es sind exakt solche Manöver, die die Kriegsgegner eigentlich schon wieder nützlich erscheinen lassen. Nützlich für diejenigen, die, im Gegensatz zum modernen Friedensaktivisten, nicht an moralischer Degeneration leiden. Denn wenn es darum geht, die eigenen Worte durch Taten zu widerlegen, schafft es keiner der restlichen Vollzeit-Gegner, den Kriegsgegnern das Wasser zu reichen. Sie fordern den Dialog mit Despoten und Dschihadisten, sind allerdings schon mit einer universitären Gesprächsrunde überfordert. Gewalt wollen sie verhindern, indem sie Gewalt an Sachen betreiben. Und um den Weltfrieden zu errichten, marschieren sie als Lobbyisten derer durch die Lande, die gerne auch künftig in Ruhe vor sich hin morden wollen. Authentisch geht anders.

Insofern müssten sich eigentlich auch sämtliche Armeen der westlichen Welt keine Sorgen mehr um ihr Image machen. Letztlich sind es gerade die Kriegsgegner, die ihnen kraft der ihr eigenen moralischen Verkommenheit prima Werbung verschaffen. Und das ironischerweise, ohne es zu bemerken.

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