Deutschland, deine Mutbürger

von Jennifer Nathalie Pyka1.03.2013Gesellschaft & Kultur

Immer mehr Deutsche werden immer mutiger. Kaum ein Journalist oder Aktivist, der nicht mit dem Label Mut versehen wird. Warum eigentlich? Ein Ausflug ins Land der Mutbürger.

Es gibt durchaus ein paar Disziplinen, die wir Deutsche wie kein anderes Volk beherrschen. Sicher, der Export lief schon mal besser, und über Dichter oder gar Denker ließe sich ebenfalls streiten. Dafür liegen unsere Stärken woanders: etwa im Erteilen guter Ratschläge an andere Länder, oder gerne auch in der Umsetzung von Großprojekten, die niemand bezahlen kann (Stichwort Energiewende). Das können wir richtig gut. Noch besser, wenn nicht gar unschlagbar, sind wird allerdings immer dann, wenn es darum geht, Mut zu beweisen.

Tatsächlich sind die Zeiten, da engagierte Mutbürger noch Mangelware waren, längst vorbei. Man muss auch keineswegs eine Mädchenschule am Hindukusch oder Oppositionelle auf Kuba besuchen, um zu erfahren, was „Mut“ bedeutet. Es reicht schon, sich in heimischen Gefilden umzusehen. Dort nämlich wimmelt es nur so von engagierten Mitbürgern, die keine Gelegenheit auslassen, um ihren Mut ohne Grenzen unter Beweis zu stellen.

Mutig, mutiger, Deutschland

Noch vor Kurzem konnte man versammelte Mutbürger etwa regelmäßig in der Nähe von Atomkraftwerken bestaunen. Dort trafen sie sich in freier Natur zum bunten Protest und leisteten mittels Sachbeschädigung (umgangssprachlich: Schottern) Widerstand gegen die Atom-Lobby. Wer sich dabei nicht von den umstehenden Deeskalations-Teams der Polizei beirren ließ, sondern tapfer weiter an den Gleisen herumhantierte, galt als besonders couragiert. Ein Akt der Zivilcourage, vor allem in einem Land, in dem lediglich politische Randfiguren wie die Grünen das Ende der Atomkraft fordern und Polizisten zu Anti-Konflikt-Teams befördert werden.

Ähnlich mutig geht es in 1000-Seelen-Dörfern zu, die kollektiv und von Polizeibeamten umringt gegen fünf Neonazis anmarschieren. Auch hier erweist sich jeder einzelne Demonstrant quasi als Reinkarnation Sophie Scholls. Das örtliche Bürgerbündnis kommt vor lauter Mut gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus. Zu Recht! Denn schließlich kann man nie wissen, ob die versprengten NPD-Sympathisanten nicht doch ein Ermächtigungsgesetz im Gepäck haben, das Rathaus in Brand setzen oder aufrechte Demonstranten ins Verließ sperren.

Doch Mut ist natürlich keineswegs nur die Domäne des kleinen Mannes. Tapferkeit und Courage erfassen vielmehr ganze Branchen, insbesondere jedoch die schreibende Zunft. Israelkritiker wie Jakob Augstein und Günter Grass gelten beispielsweise als besonders mutig, weil sie das aussprechen, was außer ihnen lediglich nahezu alle Tageszeitungen, Politiker der Linkspartei und zig hauptberufliche Friedensaktivisten propagieren.

Das wiederum eint sie mit den Kapitalismuskritikern, die allgemein als ungeheuer tapfer anerkannt sind. Vermutlich, weil es sich noch nicht bis zur kritischen Elite herumgesprochen hat, dass das Grundgesetz Meinungsfreiheit garantiert. Ähnlich ergeht es rasenden Reportern, die Kinderarbeit in Bangladesch inspizieren und damit nicht einfach nur ihren Job machen, sondern gleichzeitig Mut beweisen. Und wer heutzutage als kleiner Verleger dem Online-Händler Amazon den Laufpass gibt, erweist sich dadurch glatt als Bundesverdienstkreuz-verdächtig.

Persilschein 2.0

Sie alle kommen vor lauter Courage leider nie dazu, ihrem Umfeld zu erklären, was genau sie mit ihrem Wirken eigentlich aufs Spiel setzen. Das macht aber im Grunde nichts. Denn Mut gehört zu den Tugenden, die man aufgrund des integrierten Wohlfühlfaktors tunlichst nicht hinterfragen sollte. Schließlich holen „wir Deutsche“ möglicherweise gerade das nach, was wir vor ein paar Jahrzehnten verpasst haben. Wenn es schon kein NS-Regime mehr gibt, dann muss eben die Atom-Lobby herhalten, um sich eigenhändig Tapferkeit zu attestieren. Mut bleibt Mut, oder so ähnlich.

Und letztlich ist es zweifelsohne beruhigend, in einer Gesellschaft voller Mutbürger zu leben. Sollte in naher oder ferner Zukunft doch mal ein „worst case“ eintreten, hätte man schließlich nichts zu befürchten. Tausende engagierter Mitmenschen würden wieder mal ihren Mut beweisen und jeden Diktator in die Flucht schlagen – komme, was wolle. Zumindest solange nicht gerade die nächste Friedensdemo im Terminkalender steht. Ein Mutbürger muss schließlich auch Prioritäten setzen.

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