Das Märchen vom bösen Online-Giganten

von Jennifer Nathalie Pyka22.02.2013Wirtschaft

Den Online-Händler Amazon zu boykottieren, ist derzeit en vogue. Schließlich behandelt dieser seine Mitarbeiter wie Sklaven und hat auch sonst viel verbrochen. Wirklich? Eine Klarstellung.

Es gibt Geschichten, die uns immer wieder begeistern. Enthüllungsberichte über Machenschaften von Politikern in dunklen Hinterzimmern, oder ebenso über Konzerne, die den kleinen Mann ordentlich ausbeuten und den Profit einstreichen. Also Konzerne wie Amazon. Der nämlich malträtiert seine Mitarbeiter, beutet sie aus, lässt sie von Neonazis bespitzeln und aus fernen Ländern wie Ware importieren. Das zumindest wollen knallharte und tapfere Reporter des HR unter Einsatz ihrer eigenen Sicherheit enthüllt haben, wobei das Gesamtkunstwerk unter dem Titel „Ausgeliefert!“ neulich in der ARD zu bestaunen war.

Ziemlich mies also, dieses Amazon. Gesammelte Wutbürger löschen deshalb dieser Tage reihenweise ihre Amazon-Konten, unterschreiben Petitionen und proben im Netz mutig den Widerstand gegen „Arbeitslager“ und „Sklavenarbeit“ innerhalb des US-Unternehmens. Fortgeschrittene hingegen, die es nicht beim Boykott belassen wollen, können mittlerweile auch “bei „Zeit Online“ die „Zerschlagung“ des Unternehmens eruieren”:http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-02/amazon-verlage-kommentar.

Fehlende Chefarzt-Gehälter und weitere Verbrechen

Gerne wüsste man, ob all diese aufgebrachten Mitmenschlein eigentlich auch deutsche Spargelbauern, KIK-Filialen und Smartphones der Marke Apple boykottieren. Oder ist Ausbeutung nur dann relevant, wenn sie vor der Haustür und von einem US-Konzern betrieben wird? Und überhaupt – was genau Ausbeutung ist, unterliegt nun offenbar der Definitionshoheit des HR. Natürlich: In Ordnung ist es nicht, wenn die von Amazon engagierte und mittlerweile gekündigte Zeitarbeitsfirma mit einem Brutto-Stundenlohn von 9,68 Euro lockt, hinterher jedoch nur 8,52 Euro zahlt, obwohl die Amazon-Tariftabellen für ungelernte Kräfte grundsätzlich 9,30 Euro garantieren.

Nachdem aber die “gezahlten Löhne _an sich_ keineswegs den Branchendurchschnitt unterschreiten”:http://www.welt.de/wirtschaft/article113680813/Die-dunkle-Seite-des-Erfolgsmodells-Amazon.html, kann nur darüber orakelt werden, wo genau sich der Ausbeutungsskandal eigentlich versteckt haben könnte. Es sei denn, die engagierten HR-Reporter und Anti-Amazonisten setzen für ungelernte Logistik-Mitarbeiter Chefarzt- und Rundfunk-Intendanten-Gehälter voraus. Dann wiederum ließe es sich durchaus trefflich über Ausbeutung empören.

Allerdings hat der Online-Händler ja noch wesentlich mehr verbrochen. Ein weiterer und zugleich beliebter Vorwurf lautet etwa so: Amazon karrt eigens für die Weihnachtszeit Arbeitskräfte aus ganz Europa herbei. Was in der Tat sehr schrecklich klingt, solange man davon ausgeht, dass es sich bei den genannten Mitarbeitern um unmündige Wesen handelt, die ungefragt „ausgeliefert“ werden.

Tatsächlich ist es all den Spaniern, Rumänen und Bulgaren immer noch selbst überlassen, ob sie für Amazon arbeiten möchten oder lieber in ihrer Heimat verarmen. Und dass Amazon etwa für die Wirtschaftskrise in Spanien verantwortlich sein könnte, die Leiharbeiter freiwillig nach Deutschland treibt, konnte bislang nicht mal der HR beweisen.

Dennoch stellt sich freilich die Frage, wie Amazon das Weihnachtsgeschäft künftig bewältigen soll, ohne dabei edle Wutbürger in Rage zu versetzen. Deutsche Mitarbeiter, die für 9,30 Euro pro Stunde Bücher verpacken, gibt es offenbar kaum. Die Bulgaren und Spanier hingegen sollen das erst recht nicht tun. Insofern bliebe nur, völlig auf Saisonkräfte zu verzichten. Denn wer hat eigentlich behauptet, dass Weihnachtsgeschenke bis zum 24. Dezember eintreffen sollen? Es reicht auch, wenn sie erst an Ostern kommen.

Gänsekeule und Klöße: eine Zumutung

Insbesondere, nachdem sich nun herumgesprochen hat, dass Arbeitskräfte eines Amazon-Werks zusätzlich von dubiosen Security-Männern in Thor-Steinar-Pullis überwacht wurden. Was tatsächlich zu verurteilen ist und umgehend zur Auflösung des Vertrags mit dem Unternehmen führte. Dass allerdings nicht etwa Amazon selbst, sondern die genannte Zeitarbeitsfirma das Security-Unternehmen engagierte, wird im Rahmen der Doku nicht erwähnt. Genauso wenig offenbart sich, dass Security an sich offenbar benötigt wurde, um sporadische Auseinandersetzungen unter Leiharbeitern zu vermeiden.

Der HR-Zuschauer weiß nur eins: Finstere Figuren durchstöbern eigenmächtig fremde Zimmer (was nicht wahr ist) und dienen prinzipiell nicht der Sicherheit, sondern der Einschüchterung (ebenfalls falsch).

Komisch ist ebenfalls, dass sich die im Film gezeigte Leiharbeiterin aus Spanien gar nicht so ausgebeutet fühlte, wie die HR-Reporter es wohl gerne gehabt hätten. „Die Reporter hätten aber offenbar nur das Negative sehen wollen und in dem Bericht dann ihre Sätze aus dem Zusammenhang gerissen“, verriet sie nun dem “„Kreisanzeiger“”:http://kreisanzeiger-online.de/2013/02/19/218419/. Und auch die Unterbringung im Hotel, die – nota bene – eine obligatorische Serviceleistung Amazons darstellt (oder seit wann darf Amazon verfügen, wo Mitarbeiter zu wohnen haben?), sei ebenso wenig traumatisierend gewesen. Aber vielleicht verkraftet manch einer das “„kostenlose Festessen mit Gänsekeulen und Klößen“, von dem weitere Amazon-Mitarbeiter berichten”:http://www.hna.de/lokales/rotenburg-bebra/amazon-mitarbeiter-erzaehlen-nach-ard-leiharbeiter-reportage-guten-verhaeltnissen-2761289.html, wirklich nicht.

Spannend wäre auch gewesen, die Meinung Amazons zu hören. Doch der Konzern antwortete natürlich nicht auf Fragen. So zumindest tönt es aus dem Off, während gleichzeitig eine E-Mail der Amazon-Pressestelle eingeblendet wird, in der diese sich für schriftliche und telefonische Auskünfte bereit erklärt (“zu sehen ab Minute 25,21”:http://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=lylInWGaPaE#t=1521s). Aber vermutlich waren die HR-Reporter einfach zu sehr damit beschäftigt, Busfahrer zu finden, die brav das Wörtchen „Sklavenarbeit“ ins Mikro rufen. Da hat die Presseabteilung eben Pech gehabt. Und warum sollte man eine Geschichte noch kaputter recherchieren, als sie ohnehin schon ist?

Im Fakten-Karussell

Was letztlich an gerechtfertigten Vorwürfen übrig bleibt, passt im Grunde auf einen Bierdeckel. Oder eben auch in eine „investigative“ Doku, die solange Fakt und Fiktion durcheinander wirft, bis Amazon noch anrüchiger als Banken und AKWs zusammen erscheint. Klar ist, dass glatzköpfige Security-Leute und falsche Lohnversprechungen nicht in Ordnung gehen und Amazon am Ende des Tages die Verantwortung trägt. Ebenso offensichtlich ist aber auch, dass genau solche Missstände vielmehr symptomatisch für Zeitarbeitsfirmen wie die genannte sind – nicht jedoch für das Unternehmen Amazon an sich.

Das nämlich dient ganz offensichtlich nur als Sündenbock, dem der deutsche Wutbürger auch dann nicht verzeiht, wenn es die Konsequenzen daraus zieht. Logisch. Denn Leiharbeiter und Fakten sind natürlich bei Weitem nicht so aufregend wie die einmalige Gelegenheit, mit Leib und Seele dem eigenen Ressentiment gegenüber großen US-Unternehmen zu frönen. Zumindest bis zur nächsten Weihnachtsorder.

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