Durch den Bruch ist eine totale Leere entstanden. Christian Mackrodt

Der verlorene Moralkompass der Claudia R.

Neonazis, Sexisten und nun auch die Kirche – kaum jemand, der noch nicht von Claudia Roths Kampfansagen heimgesucht wurde. Schade nur, dass sie bei ihren iranischen Freunden regelmäßig eine Ausnahme macht.

Zu den kuriosesten Figuren, die das politische Ensemble der Grünen hervorgebracht hat, zählt zweifellos deren Bundesvorsitzende Claudia Roth. Ihr dabei zuzusehen, wie sie sich mit der ihr eigenen Empörungsgabe den Weg über das politische Parkett bahnt, entbehrt nicht eines gewissen Unterhaltungswerts. Ganz egal, ob es sich um Herrenwitze an der Bar, Neonazis in Dresden oder Schweine in Großmastanlagen dreht – Claudia schweigt nicht. Niemals. Erst recht nicht, wenn sie den Gegenstand der Empörung noch nicht ganz durchschaut hat.

Auch die Zustände im Iran lassen die „Reformhausvariante von Cindy aus Marzahn“ (Dirk Niebel) nicht kalt. Natürlich weiß sie, was die dort lebenden Menschen am dringendsten benötigen: nämlich ein Goethe-Institut. Eine schöne Idee, die zeigt, dass Claudia Roth selbst im Umgang mit Diktatoren ihren Sinn für Prioritäten bewahrt.

Mit Frau Roth in der Venusfalle

Neben dem kulturellen Austausch liegt ihr allerdings auch das Schicksal des iranischen Filmemachers und Oppositionellen Jafar Panahi am Herzen, der in seiner Heimat unter Hausarrest steht und daher seinen Film bei der Berlinale nicht persönlich vorstellen konnte. Um das zu ändern, zog Claudia Roth alle Register und kämpfte unerschrocken mit den Waffen einer Frau. Das freundschaftliche „High Five“ zwischen ihr und dem iranischen Botschafter Sheikh Attar, das sich am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz ereignete, sei quasi auch diesem Ansinnen geschuldet gewesen. So zumindest tönte es aus ihrem Büro, nachdem öffentlich über ihre Kumpelei mit dem von der iranischen Opposition als Massenmörder bezeichneten Politiker diskutiert wurde.

Während Claudia Roth ihr Patschmanöver vermutlich jederzeit wiederholen würde, plagen ihren Spezi Sheikh Attar hingegen ganz andere Sorgen. In Teheran nämlich ist man angesichts der Münchner Annäherung nicht sonderlich begeistert. Denn gemäß islamischer Gesetze sind weibliche Hände absolut nicht zu berühren, da dies „sexuelles Begehren wecken und zu außerehelichen Beziehungen führen“ könnte. Nicht auszudenken, was da noch alles in München hätte passieren können! Die Mullahs verstehen dahingehend keinen Spaß. Und auch Claudia Roth, die den Iran stets verschleiert bereist, hätte eigentlich wissen müssen, dass man iranische Männer nicht einfach mal bedenkenlos in die Venusfalle lockt.

Reformpapst statt Reform-Iran

Doch darum kann sich die Grünen-Vorsitzende aktuell nicht auch noch kümmern. Erst neulich sagte sie etwa dem in Deutschland grassierenden Sexismus den Kampf an. Ein Jahrhundertprojekt, das selbst einer eingefleischten Feministin wie ihr die Zeit raubt, um sich über ein Land Gedanken zu machen, in dem man Frauen steinigen, auspeitschen und mit Säure verätzen, nicht jedoch die Hand schütteln darf.

Ganz zu schweigen von den Neonazi-Aufmärschen und insbesondere den „menschenfeindlichen Haltungen“, gegen die die ehemalige Menschenrechtsbeauftragte tapfer aufsteht – zumindest immer dann, wenn sie in Springerstiefeln statt mit „High Five“ daherkommen.

Und außerdem wäre da noch die Kirche, die nur darauf wartet, von der Ex-Katholikin Claudia Roth umstrukturiert zu werden. „Die Kirche braucht jetzt einen Reformpapst“, meint die Grüne, die schon früh aus der Kirche austrat, weil sie „deren Haltung zur Rolle der Frau ablehnte“. Wenn sie mit der Kirche fertig ist, könnte sie sich ja auch den Iran vornehmen. Ein „Reform-Iran“ wäre beispielsweise eine gute Idee. Jafar Panahi könnte endlich nach Berlin kommen, sie selbst dürfte in ihrer „Rolle als Frau“ ganz ungehemmt mit dem iranischen Botschafter Händchen halten, und die Welt hätte ein Problem weniger. Frau Roth müsste dazu lediglich ihren moralischen Kompass restaurieren – was allerdings noch ein Weilchen dauern dürfte.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Jennifer Nathalie Pyka: Krieg der Schwärme

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